Und sie, sie war aber da - und wie! Die andere Literaturnobelpreisträgerin, die für das Jahr 2018, deren Preis hier, in dem erdrückenden Handke-Gerede beinahe unterging: Olga Tokarczuk.  

Freitagabend, Hessischer Hof. Was für ein Auftritt! Glanz durch Bescheidenheit, Offenheit und Freundlichkeit. Ihr deutscher Verlag, Kampa, hatte spontan ein Essen hier organisiert, mit einigen Freunden, Verlegern, Journalisten - für sie: In schwarzem Kleid mit großen weißen Punkten, die dunkelroten Dreadlocks zum Dutt hochgebunden, kommt sie herein. Immer noch verwundert über ihre neue Rolle. Ihren neuen Ruhm.

Sie hat so viel Glück mitgebracht, das strahlt auf alle im Saal ab. Kellner in weißen Uniformen tragen für diesen Abend kreierte „Olga-Drinks“ auf silbernen Tabletts durch den Saal. 

Volker Weidermann/ DER SPIEGEL

Wir setzen uns an den Tisch, sie sagt, dass sie, wenn Sie in Polen ist, sich mal an einen Coach wenden wird, denn diese Kombination Nobelpreis und Tokarczuk, da könne sie sich irgendwie nicht dran gewöhnen. Der Verleger Daniel Kampa hält eine Rede. Er ist auch so ein Glückskind - mit einer guten Nase. Er war auch der deutschsprachige Verleger, als Bob Dylan den Nobelpreis bekam. Und jetzt Tokarczuk in seinem ganz kleinen und ganz neuen Verlag. Wie das kam? Wir am Tisch beschließen, es einfach Karma zu nennen. Tokarczuk sagt: Kampa-Karma.

Sie war seit der Bekanntgabe des Preises noch gar nicht in Polen. Jetzt am Wochenende fährt sie und freut sich: Bei Krakau wird ein Wald für sie gepflanzt. 20.000 neue Bäume. Die Menschen werden ihre eigenen kleinen Bäumchen mitbringen, den Rest stiftet die Stadt. Ein Olga-Wald. Was der genaue Grund dafür ist, frage ich. Und sie antwortet auf Englisch die schönsten Sätze dieser Messe: „No explanation. Just love.“

Dann erzählt sie, dass sie in den Tagen in Deutschland, nach der Bekanntgabe, fast ausschließlich über Politik reden musste. Sie beklagt sich nicht, sie wundert sich eher, erklärt es auch gleich damit, dass viele eben ihr Werk nicht kennen. Sie sagt aber auch, dass sie hofft, dass sie da wieder rauskommt, aus dieser Rolle der politischen Botschafterin, Vertreterin des besseren Polen, eine Ein-Frau-NGO. Das will sie nicht. „Ich bin dafür viel zu verrückt und chaotisch im Kopf. Ich denke heute dies und morgen das.“ Außerdem sei sie ein unsicherer Mensch, wenn sie nicht ein bisschen was getrunken habe. Das sei nichts für sie. Nicht wie Günter Grass, von dem sie vor vielen Jahren in Berlin mal einen Preis überreicht bekommen hat, den Brücke-Berlin-Preis.

„In Polen“ sagt sie, „werde ich nicht über Politik reden.“ „Warum?“ fragt der ganze Tisch. Ist es nicht dort besonders nötig, wo das freie Wort bedroht scheint? „Aber nein“, sagt sie. „Die Leute dort wissen selbst Bescheid. Denen brauche ich nicht Politik beizubringen.“ Und sie erzählt von der starken, lebendigen Opposition in Polen und wie es sie ärgert, dass ihr Land politisch mit Orbáns Ungarn in einen Topf geworfen wird.

Volker Weidermann/ DER SPIEGEL

Sie sei stolz auf ihren Preis für ihr Land. „Vier Nobelpreise haben wir gewonnen, seit ich auf der Welt bin. Und das in einem so kleinen Land! Wir gewinnen doch sonst gar nichts. Keine Fußball-WM, nichts.“ Und der Tisch zählt nach, wie oft Deutschland seit 1962 Weltmeister war. Man kommt auf drei Mal und sie sagt: „Ah, sehen Sie: 4:3 für Polen.“ Als einige Herren am Tisch sich daraufhin ermutigt fühlen, das Fußball-Thema zu vertiefen, wehrt sie heiter ab: „Not my piece of cake.“

Verleger Kampa hatte in seiner Rede gesagt, wer hier du heute Abend den Namen „Handke“ erwähne, müsse die Rechnung für alle bezahlen. Das hat disziplinierende Wirkung. Irgendwann kommt dann aber Tokarczuks französische Verlegerin Vera Michalski, die mal kurz draußen war, mit einem Band von Handke-Zeichnungen zurück. Olga Tokarczuk blättert darin, ein wenig verwundert, sie wusste nicht, dass er auch zeichne. „Oh ja“, sage ich und weise darauf hin, dass Handke auch nachts und im Traum arbeitet, dass er sogar ein Tagebuch seiner Träume veröffentlicht hat. Das gefällt ihr wohl ganz gut. Dann aber fragt sie doch noch einmal eine andere Sache: Ob das eigentlich stimme, dass er wirklich bei der Beerdigung von Milosevic eine Trauerrede gehalten habe. Und als ihr das bestätigt wird, ist sie einfach nur verwundert. Auch darüber, dass man in Polen davon gar nichts gehört habe.

Aber jetzt ist ihr Abend. Die Kellner kommen mit ihren silbernen Servierhauben. Wir erwarten getrüffelte Kohlrabisuppe. Was Kohlrabi auf polnisch heiße? Die Nobelpreisträgerin erhebt die Stimme: „Kalarepa“ mit herrlichem „rrrr“. Unter den Hauben, die mit dramatischer Geste am ganzen Tisch synchron gehoben werden, erscheinen dann aber nur zwei winzige Wachteleier, die Suppe wird später hinzugefügt. Olga Tokarczuk freut sich über die dramatische Inszenierung des Kleinen. „Wie ein Ballett“, sagt sie. Und es ist, als ob sie immer noch staunt. Über das silberne Ballett, merkwürdige Männer - und diesen Preis, der von nun an, für den Rest ihres Lebens, wie ein neuer Vorname vor ihrem alten Namen stehen wird.

So war die Frankfurter Buchmesse bisher:

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