Mittwoch früh 8.15 Uhr, ein kurzer Handschlag, dann nehmen der Niederländer Timmermans, 58, Erster Vizepräsident der EU-Kommission, und Weber, 46, Chef der größten Fraktion im Europaparlament, in dem nüchternen Besprechungsraum eines Kölner Hotels Platz. Im Brüsseler Alltag arbeiten sie oft zusammen, doch nun wollen beide Kommissionspräsident werden. In einer Wahlkampfphase, in der die Kritik am Spitzenkandidaten-Modell wächst, treffen sie sich zu ihrem einzigen Streitgespräch mit einem Magazin.


SPIEGEL: Herr Timmermans, Herr Weber, Europa hat ein Problem mit Emotionen. Rechtspopulisten schüren den Hass auf die EU, während bis weit in die Mitte der Gesellschaften Gleichgültigkeit zu spüren ist. Bei Ihnen ist es anders: Sie haben eine Leidenschaft für Europa. Wie kam es dazu?

Timmermans: Das Wichtigste für mich waren die Geschichten meines Großvaters über den Krieg, die er mir erzählt hat, als ich noch ein kleiner Junge war. Mein Großvater erzählte, wie er als Bergarbeiter an der deutschen Grenze mit vielen Deutschen befreundet war. Im Krieg, so sagte er, war es damit aber vorbei. Sogar mein Großvater, der immer mit deutschen Kollegen gearbeitet hat, hat sich gefreut, als Aachen bombardiert wurde. Dass Freundschaft so leicht in Hass umschlagen kann, das hat mich betroffen gemacht.

SPIEGEL: Herr Weber, in welchem Moment ist Ihnen klar geworden, dass Ihre Leidenschaft Europa gilt?

Weber: Das war auf meinem ersten Interrail-Trip. Ich war gerade mal 17 Jahre alt und mit Freunden unterwegs, eine Woche von Schottland bis Sizilien. In einem Pub im Süden Englands bin ich mit einem 65-jährigen Briten ins Gespräch gekommen. Mit einem Ale in der Hand ging es auch hier um den Zweiten Weltkrieg. Die Frage, die mich heute umtreibt, ist: Wie können wir erreichen, dass die junge Generation diese Vergangenheit nicht vergisst?

SPIEGEL: Bei den Europawahlen gehen viele junge Bürgerinnen und Bürger, die nach 2000 geboren wurden, zum ersten Mal zur Wahl. Besonders emotional besetzt ist bei ihnen der Klimaschutz, wie an den Freitagsdemonstrationen zu sehen ist.

Timmermans: Der Idealismus der jungen Leute war immer schon da. Bislang erschöpfte er sich aber oft darin, etwas auf Facebook zu posten. Jetzt sehen sie: Wenn wir auf die Straße gehen, dann bewegt sich wirklich etwas, dann finden wir Gehör. Ich bin froh, dass das geschieht.

Weber: Die jungen Leute blicken auf Europa und verlangen Antworten, das ist neu, und das ist richtig. Klimaschutz ist eines unserer Topthemen. Ich unterstütze das Ziel, bis 2050 in Europa klimaneutral zu wirtschaften. Ich sage aber auch, dass wir bei allen Ambitionen, den CO²-Ausstoß zu senken, soziale Fragen nicht vergessen dürfen und die Wirtschaft auch nicht. Nachhaltigkeit besteht nicht nur aus ökologischer Nachhaltigkeit, sondern aus einem Ausgleich.

Timmermans: Wir können aber auch nicht sagen: Weil sich die Lasten nicht sozial gerecht verteilen lassen, verzichten wir auf Klimaschutz. Ich will das umdrehen. Wir müssen dafür sorgen, dass wir das sozial nachhaltig organisieren, damit die Menschen schnell mitkommen. Wir haben nicht die Zeit, zu warten. Konkret bin ich dafür, eine europäische Steuer auf CO² einzuführen und eine Kerosinsteuer. Es ist doch Blödsinn, dass man für beinahe umsonst überall hinfliegen kann, an der Tankstelle aber Umsatzsteuer zahlt.

Weber: Eine CO²-Steuer belastet vor allem Schwächere. Ich bin gegen Verbote und neue Belastungen für die Bürger, aber für Innovationen und Anreize. Europa ist Vorreiter beim Klimaschutz. Darauf können wir stolz sein. Aber es gibt andere Themen: Wenn ich daran denke, dass wir im letzten Dezember im Straßburger Parlament eingesperrt waren, weil draußen rund um den Weihnachtsmarkt der Terror herrschte – in Zukunft muss es automatischen Datenausgleich geben und ein europäisches FBI, das aus Europol entstehen soll.

SPIEGEL: Viele Themen Ihres Wahlkampfs sind hoch emotional besetzt, auch der transatlantische Handel. Nehmen wir mal an, Herr Weber, Sie würden Kommissionspräsident. Was würden Sie dem US-Präsidenten sagen, wenn er weiterhin permanent mit Strafzöllen auf europäische Autos droht?

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 21/2019.
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