Dieser Text gehört zur Reihe "Bestseller von SPIEGEL+", er ist zuerst erschienen in SPIEGEL Geschichte 03/2015.


In der Freitagsausgabe stellt das "Neue Deutschland" am 11. September 1953 die erste Lehrschweißerin des Landes vor: Irene Weiß, eine junge Umsiedlerin aus Neubrandenburg, so berichtet der Volkskorrespondent des ND aus Wismar, habe im Krieg den Vater verloren, und so stehe die sechsköpfige Familie ohne Ernährer da. Noch im selben Jahr bringt die Parteizeitung eine Reportage über den ersten weiblichen Steuermann in Deutschland.

Walter Ulbricht, als Erster Sekretär des Zentralkomitees der SED der mächtigste Mann der frühen DDR, hat den Weg vorgegeben, seine Parole lautet: "Wir können den Sozialismus nicht nur mit Friseusen aufbauen."

Der DDR fehlten immer Arbeitskräfte, zu Beginn vor allem die männlichen, denn viele Männer waren im Krieg umgekommen oder befanden sich noch in Gefangenschaft. Der große Bruder Sowjetunion zeigte, wie es geht: Dort arbeiteten Frauen verstärkt seit der Revolution von 1917 in der Produktion, im Straßen- und Gleisbau und auf den Kolchosen.

So bemüht sich auch die SED, Frauen für traditionelle Männerberufe zu qualifizieren. Seit 1950 werden immer wieder Frauen als "Helden der Arbeit" ausgezeichnet. 1954 ist es Frida Hockauf: Im September 1953 hatte sich die Weberin im VEB (Volkseigener Betrieb) Mechanische Weberei Zittau, einem der größten Betriebe dieser Art in der DDR, verpflichtet, bis zum Jahresende 45 laufende Meter Stoff über ihr Plansoll hinaus zu produzieren.

In einigen Teilen der Bevölkerung aber gilt sie wegen ihrer freiwilligen Leistungssteigerung als "Arbeiterverräterin". Nur wenige Monate zuvor hatten die Beschäftigten des Arbeiter-und-Bauern-Staates gegen die erdrückend hohen Arbeitsnormen demonstriert. Ihr Aufstand wurde mit sowjetischer Hilfe brutal niedergeschlagen. Frida Hockauf dagegen rückt bald in die Volkskammer auf.

Und doch wirkt das staatliche Ideologiediktat. Die Berufstätigkeit von Frauen nimmt kontinuierlich zu, auch als die Männer aus der Gefangenschaft zurückkehren. Anders als im Westen lassen sich die Frauen hier nicht in die Küche zurückdrängen. Außerdem werden sie weiterhin gebraucht, denn viele Arbeitskräfte verlassen die DDR in Richtung Westen, vor allem vor dem Mauerbau. Aber auch danach fliehen sie noch oder beantragen die Ausreise; bis zum Ende der sozialistischen Republik 1989 sind es über vier Millionen Kinder, Frauen und Männer. Zu viele Werktätige sind fortwährend mit der Instandhaltung maroder Anlagen beschäftigt. Liegt die Investitionsrate 1975 noch bei 29 Prozent, sinkt sie bis 1989 auf 18 Prozent.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL Geschichte-Ausgabe 3/2015.
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