Profilzylinder. Spiralbohrersatz. Schutz-Langschild-Wechselgarnitur. Solche Wörter kann Martin Sell inzwischen problemlos lesen. Er übt sie täglich. Der 44-Jährige arbeitet in Wuppertal in einem Großhandel für Schreinereibedarf. Er muss von morgens um halb acht bis nachmittags um halb fünf die richtigen Artikel in Kisten stecken, über eine Theke reichen, in Regale sortieren.

Der Job ist stressig, so oder so. Doch Martin Sell fällt er besonders schwer, denn er hat das Lesen und Schreiben nie richtig gelernt. Er gilt als funktionaler Analphabet, so wie bundesweit mindestens sechs Millionen andere Menschen. Selbst nach drei Jahren habe er an der Warenausgabe immer noch nicht alles im Griff, sagt Sell. Den Computer, der auf einer Theke in der Eingangshalle steht, kann er am wenigsten leiden. Dort muss er Kundennamen eintippen - und wenn er einen Fehler macht, tauchen sie nicht in der Datenbank auf.

SPIEGEL: Herr Sell, es ist kurz vor Feierabend und sehr ruhig hier. Niemand ruft Sie an, niemand steht vor der Theke. Wie geht es Ihnen?

Martin Sell: Mein Kollege ist krank, und ich war heute allein. Der Job macht mir eigentlich Spaß, aber manchmal ist es die Masse, die einen erschlägt. Morgens um acht Uhr kommen die ersten Kunden. Dann gebe ich Ware raus, nehme Pakete an, dann klingelt das Telefon, dann will der eine dies haben und der andere das, dann rennste hierhin und dorthin. Du schaffst es nicht, mal eine Sache fertigzumachen. Heute hatte ich so viel zu tun, dass ich erst um 15 Uhr Pause machen konnte.

SPIEGEL: Sie müssen den ganzen Tag Lieferscheine abhaken und Artikel kontrollieren. In der Kiste hier liegen zum Beispiel Profildoppelzylinder. Wie kommen Sie mit diesen langen Fachbegriffen zurecht, die auf den Packungen stehen?

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