Eine Runde aus 22 betagten Herren entscheidet an einem Donnerstag im Dezember des Jahres 2010 über die Zukunft. Sie tritt in Zürich zusammen und wählt Katar zum Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft 2022, ihre Entscheidung sendet politische, wirtschaftliche und sportliche Schockwellen aus. Außerhalb von Katar gibt es kaum jemanden, der eine der wichtigsten Sportveranstaltungen der Welt in der Wüste sehen will.

Seit Jahren ermitteln Strafbehörden und angeblich unabhängige Fifa-Kammern, wie es zu der WM-Vergabe kommen konnte. Gegen mindestens zehn Entscheider gibt es mittlerweile Korruptionsvorwürfe, einige sind vom Weltverband Fifa suspendiert, andere tot. Zugleich ziehen Staatsanwaltschaften in Frankreich und der Schweiz immer engere Kreise um Nasser Al-Khelaifi, den einflussreichsten katarischen Sportfunktionär. Neuen Erkenntnissen des SPIEGEL und der Partnerredaktionen des Recherchenetzwerks EIC zufolge spielt Khelaifi, der Präsident von Paris Saint-Germain (PSG), eine entscheidende Rolle bei dem Geschachere.

Besonders nach der misslungenen Leichtathletikweltmeisterschaft vor zwei Wochen steigt die Nervosität im Emirat. Für die katarische Herrscherfamilie wird Khelaifi immer mehr zu einer Last. Insbesondere, wenn sich der jüngste Verdacht erhärtet: dass sich Katar womöglich nicht nur die Fußball-WM gekauft hat - sondern obendrein noch Geld bezahlte, um sie zu behalten.

Nur noch drei Jahre und ein Monat sind es bis zum Anpfiff. Die Fußball-WM soll den Höhepunkt einer durchchoreografierten Entwicklung markieren. Katar, seit über 150 Jahren von derselben Familie beherrscht, liegt auf den drittgrößten Erdgasreserven der Erde, die Katarer haben eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen. Doch die fossilen Rohstoffe sind endlich. Wenn die Quellen versiegen, muss die Wirtschaft der Golfstaaten auf eigenen Beinen stehen.

Den Plan dazu hat der Emir schon entwickelt: Bis 2030 soll Katar zur führenden Sportnation werden.

Entworfen wurde die Fantasie einer Sportweltmacht am Reißbrett. Innerhalb weniger Jahre trug das Emirat Weltmeisterschaften im Schwimmen und im Handball aus, dazu Tennisturniere, Motorrad-WM-Rennen und Radrundfahrten. Bayern München ist dieses Jahr zum neunten Mal hintereinander ins katarische Trainingslager gereist.

Die Mittel scheinen unendlich. Doch der erhoffte Imagegewinn für den Gasstaat blieb bislang aus. Bei der Leichtathletik-WM wollte die deutsche Bronzemedaillengewinnerin im Kugelstoßen, Christina Schwanitz, "nur noch nach Hause". Dass Katar die WM ausrichten durfte, könne nur daran gelegen haben, dass "die Reibung zwischen Daumen und Zeigefinger" gestimmt habe.

Eine Schlüsselrolle in der Strategie Katars spielte lange Zeit der Funktionär Mohamed Bin Hammam. "Wer sich mir in den Weg stellt, dem schlage ich Kopf, Hände und Beine ab", lautete einer seiner Sprüche. Der Manager mit den Geldumschlägen und schwarzen Kassen wurde von den WM-Organisatoren als ihr wichtigster Mann bezeichnet - und doch schließlich fallen gelassen, als zu viele Vorwürfe gegen ihn laut wurden. Im Sommer 2011 sperrte die Fifa Bin Hammam lebenslang für alle Ämter.

Muss Katar bald den nächsten Funktionär aus der Schussbahn nehmen? Nasser Al-Khelaifi, Chef von PSG und dem Medienkonzern BeIN, gelte bei der Herrscherfamilie im Golfstaat mittlerweile als schwer kontrollierbar, so ein Insider. Die zahllosen Vorwürfe gegen den Manager sowie seine Reaktionen darauf würden den Arabern zunehmend peinlich. Khelaifis Aussagen beim Verhör eines französischen Untersuchungsrichters könnten sich, einem Dokument zufolge, das dem SPIEGEL, dem "Guardian" und dem französischen Portal Mediapart vorliegt, als Falschaussagen herausstellen. Der 45-Jährige erklärte das Beweisdokument für gefälscht und kündigte rechtliche Schritte an - bis heute folgenlos.

Richtig unangenehm könnte es für Katar werden, wenn sich Ermittler die Ereignisse in den Jahren 2013 und 2014 näher ansehen. In dieser Zeit arbeitet der US-Jurist Michael Garcia an einer Untersuchung zu den Korruptionsvorwürfen um die WM-Vergabe. Beobachter erhoffen sich davon Beweise für Stimmenkauf und eine Neuausschreibung der Weltmeisterschaft. Zumal allen Beteiligten klar ist, dass den Spielern und Fans kein Sommerturnier bei 50 Grad Celsius zuzumuten ist.

Noch steht die Entscheidung, eine WM erstmals auf den Winter zu verlegen, aus. Die britische Premier League besteht auf ihrem wichtigsten Spieltag direkt nach Weihnachten. Und die Geldeintreiber der Fifa macht die Aussicht auf Konkurrenzereignisse wie Wintersport und American Football nervös.

Am 3. Oktober 2013 tritt das Fifa-Finanzkomitee zusammen. Das Protokoll findet sich im Datensatz der Enthüllungsplattform Football Leaks. Ein kamerunischer Funktionär will demnach wissen, ob Katar bereit sei, mögliche Einnahmeverluste durch die Verschiebung in den Winter auszugleichen. Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke antwortet, die Fifa könne zusätzliche "Vorteile" von katarischen Unternehmen erhalten. Der Franzose beruhigt also seine Kollegen: Es werde mehr Geld aus Katar fließen. Es steht offenbar nur noch nicht fest, auf welchem Weg.

Einen Tag vor der Komiteesitzung hat Valcke nach Erkenntnissen der Schweizer Bundesanwaltschaft eine private Mail geschrieben, in der er ankündigt, ein Haus auf Sardinien zu kaufen. Einen Kredit brauche er für die 438 Quadratmeter große Villa nicht, schreibt Valcke: "Ich schließe den Erwerb eines Hauses in Porto Cervo am 8. November mit eigener Finanzierung ohne Kredit ab, durch einen außergewöhnlichen Mittelzufluss, der die Anschaffungskosten deckt, nämlich 5 Mio. €."

Woher stammen diese "außergewöhnlichen" Mittel? Valcke erhält als Generalsekretär von 2007 bis 2016 ein Millionengehalt und lässt sich üppige Sonderprämien auszahlen. Doch den Preis für die Villa kann oder will Valcke offenbar nicht selbst zahlen. Den Schweizer Ermittlern liegt ein Dokument vor, das Valcke am 30. Oktober verfasst und offenbar an den Katarer Khelaifi verschickt hat. Darin schreibt der Franzose, dass "Anfang nächster Woche eine Überweisung in Höhe von 5.070.000 € auf das Notarkonto vorgenommen werden" müsse, dazu 200.000 Euro für die Immobilienagentur und 70.000 Euro für den Notar. In dem Entwurf für den Kaufvertrag ist Valckes Ehefrau als Käuferin aufgeführt.

Offenkundig war geplant, dass Khelaifi dem Ehepaar Valcke eine luxuriöse Villa kauft. Doch kurz vor dem Deal ändern die Beteiligten den Plan - womöglich ist er ihnen zu riskant. Stattdessen leiht Khelaifi dem Bruder seines engen Vertrauten Geld, um die Villa zu erwerben. Valcke mietet sich anschließend in das Haus ein, über eine diskrete, auf den Britischen Jungferninseln gemeldete Firma namens Umbelina. Jahresmiete: 96.000 Euro. Der Fifa-Generalsekretär bekommt die Villa also nicht geschenkt, muss sie aber auch nicht kaufen, um in ihr wohnen zu können.

Im Dezember 2013 tritt das Finanzkomitee der Fifa erneut zusammen, um über die WM in Katar zu diskutieren. Valcke verkündet eine frohe Botschaft: Es gebe Verhandlungen mit Khelaifis Medienunternehmen zur Verlängerung des TV-Rechtevertrags für den Nahen Osten: Für die WM 2026 werde das Unternehmen 210 Millionen Dollar zahlen, 270 Millionen für die WM 2030, ein erheblicher Anstieg im Vergleich zum bisherigen Vertrag. Das Komitee ist mit dem Verhandlungsergebnis einverstanden und genehmigt die Pläne.

Somit vergibt die Fifa bereits 13 Jahre vor Beginn des Turniers ohne Ausschreibung die Nahost-Fernsehrechte für eine Weltmeisterschaft, deren Gastgeber zu diesem Zeitpunkt nicht einmal feststeht. Eine so frühe Einigung ist äußerst ungewöhnlich. Eine Anwaltskanzlei, die die Fifa bei der Ausarbeitung des Vertrags berät, warnt den Weltverband: Wie will er sichergehen, dass die Übertragungsrechte 2026 nicht viel mehr wert sind?

War es Zufall, dass die Vorgänge um Valckes Villa und der Fernsehrechtevertrag in eine Zeit fallen, in der die Katar-WM auf der Kippe stand? Die zeitliche Abfolge wirft die Frage auf, ob Khelaifi sich den Generalsekretär gefügig machte und parallel die Fifa mit den Millionen aus seinem Medienunternehmen besänftigte.

Valcke bestreitet auf Anfrage, einen unangemessenen Vorteil erhalten zu haben. Die Villa habe er erst selbst kaufen wollen, sich diese aber nicht leisten können. "Es stand nie zur Debatte, dass Herr Al-Khelaifi den Kauf im Namen Dritter finanziert", lässt Valckes Anwalt ausrichten, "geschweige denn für irgendeine Gegenleistung." Valcke lässt zudem erklären, dass er an den Verhandlungen des Rechtevertrags nicht beteiligt gewesen sei. Und als er vor dem Finanzkomitee Gelder von katarischen Unternehmen in Aussicht stellte, habe er nicht Medienrechteinhaber wie BeIn gemeint.

Al-Khelaifi teilte durch seinen Anwalt mit, dass er mit den Schweizer Behörden kooperiere. Er bestreite nachdrücklich, eine Straftat begangen zu haben. Er sei nicht Besitzer der Villa und sei es auch nie gewesen. Zudem prangere er "eine kontinuierliche Instrumentalisierung der Medien" an und verwies auf den politischen Druck, der auf Katar und ihn selbst ausgeübt werde.

Für die Fifa und Katar gilt: Die Show muss weitergehen. Im Dezember 2014 erklärte Fifa-Chef Sepp Blatter, dass das Emirat Ausrichter der WM bleibe. "Wir haben in einer Krise gesteckt", sagte der damalige Präsident, "aber mit der heutigen Entscheidung ist diese Krise beendet worden."

Valcke erwischt es trotzdem. 2015 suspendiert die Fifa ihn wegen Verstößen gegen ihren Ethikkodex. Im selben Jahr beendet er die Miete der schmucken Villa auf Sardinien, im Oktober 2017 beschlagnahmt die Polizei das Haus bei einer Razzia.

Mittlerweile werfen die Behörden Valcke Bestechlichkeit, ungetreue Geschäftsbesorgung und Urkundenfälschung vor, aktuell laufen drei Strafverfahren gegen den Franzosen. Die Fifa teilt mit, dass sie die Ermittlungen unterstütze.

Auch gegen Khelaifi wird wegen Korruptionsvorwürfen ermittelt, er gilt in mehreren Verfahren als Beschuldigter. Die Fußball-WM könnte noch peinlich für Katar werden.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 43/2019.
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