SPIEGEL: Herr Professor Neitzel, es gibt in Deutschland bisher kaum Forschungen zur Geschichte der Geheimdienste, woran liegt das?

Neitzel: Die Intelligence Studies, die Geheimdienstforschung, kommt aus Großbritannien. Die Geheimdienste dort hatten schon früh zivile Direktoren, die Gesellschaft hielt das Thema für relevant, und so kam es auch in die Universitäten. Auch die Militärgeschichte insgesamt, deren Unterthema die Geheimdienstgeschichte ist, hat in Großbritannien eine größere Selbstverständlichkeit als in Deutschland.

SPIEGEL: In Filmen, Romanen und Sachbüchern sind Spione und Agenten hierzulande ebenfalls enorm populär – warum nicht in der Forschung?

Neitzel: BND und Bundeswehr haben historisch bedingt in der Gesellschaft einen schweren Stand. Das überträgt sich auf die Geschichtswissenschaft. Wenn ein deutscher Historiker sich mit der hiesigen Geheimdienstgeschichte befasst, dann ist sehr wahrscheinlich, dass er mit moralischem Impetus zu dem Schluss kommt: Es war alles noch viel schlimmer als gedacht. Auch deshalb entstehen die großen Forschungsarbeiten zur Geheimdienstgeschichte eher in England.

SPIEGEL: In der frühen Neuzeit hingen Spionage und Diplomatie eng zusammen. Mit der Zeit wurde geheimdienstliche Aufgabe immer mehr eine Domäne des Militärs. Wo verorten Sie die Geheimdienste heute?

Dieser Artikel stammt aus dem aktuellen

SPIEGEL Geschichte 5/2019: Geheimdienste

Von 1500 bis heute: Die Schattenwelt der Spionage

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Neitzel: Die heutigen Geheimdienste, auch der BND, ruhen auf beiden Säulen, der diplomatischen und der militärischen. Ein Drittel der BND-Mitarbeiter sind Soldaten. Noch in der Nachkriegszeit ging es bei der Auslandsaufklärung vor allem um Fragen von Rüstung und Truppenbewegungen. Inzwischen aber steht die politische Informationsbeschaffung im Vordergrund, und damit bekommen die Dienste wieder eine große Nähe zur Diplomatie. Viele BND-Mitarbeiter sagen, die beste Zeit hätten sie unter den Außenministern Joschka Fischer und Frank-Walter Steinmeier gehabt, weil die ihre Expertise sehr stark nachgefragt hätten.

SPIEGEL: Einst waren deutsche Meisterspione im Ausland sehr gefragt: Sie spionierten für Zar Peter den Großen, für Napoleon und wie Richard Sorge für die Sowjetunion. Gibt es hierzulande so was wie ein besonderes Talent für das Geheime?

Neitzel: Das glaube ich nicht. Die Deutschen gelten eher als tollpatschig. Die hiesigen Geheimdienste sind nie sonderlich systematisch vorgegangen. Die Briten haben im Zweiten Weltkrieg unter Einsatz von viel Geld und Arbeitskraft die deutsche Chiffriertechnik der Enigma-Maschine geknackt. Sie haben dafür auch zivile Forscher von den Universitäten engagiert, und sie haben das Wissen der Kriegsgefangenen durch Abhören und Auswerten systematisch erschlossen. So etwas haben die Deutschen nur in Ansätzen betrieben. Denen war solch ein langfristiges Arbeiten auf ein Ziel meist zu aufwendig.

SPIEGEL: Wie sind solche unterschiedlichen Kulturen innerhalb der Geheimdienste entstanden?

Neitzel: Die Geheimdienstkultur wird durch die Leute beeinflusst, die die Dienste leiten, durch ihr Budget und natürlich durch die Arbeit, die sie machen, das ist ein Zusammenspiel zwischen Politik, Gesellschaft und den Geheimdiensten. Die Unterschiede im kulturellen Fußabdruck der Dienste sind bereits im Ersten Weltkrieg sichtbar. Schon 1922 brachte der britische Geheimdienst ein Handbuch für den internen Gebrauch heraus, in dem er die Geheimdienstarbeit genau beschrieb. In Deutschland hingegen wurde nie in dieser Weise über die Arbeit der Dienste reflektiert.

SPIEGEL: Gab es Unterschiede in den Geheimdienstkulturen im geteilten Deutschland?

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL Geschichte-Ausgabe 5/2019.
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