SPIEGEL: Sie haben in einer Studie durchgerechnet, wo überall das Leben in den Flüssen unter Druck geraten könnte, weil in deren Umgebung zu viel Grundwasser verbraucht wird ­– etwa zum Bewässern von Anbauflächen. Was kam da heraus?

De Graaf: Wir haben weltweit die Einzugsgebiete von Flüssen untersucht, in denen Grundwasser abgepumpt wird. 58 Prozent dieser Regionen werden bis 2050 Probleme mit den Ökosystemen ihrer Fließgewässer bekommen.

SPIEGEL: Woran liegt das?

De Graaf: Flüsse speisen sich oft zu einem erheblichen Anteil aus dem Grundwasser. Wenn dessen Spiegel zu stark sinkt, mangelt es oft auch den Flüssen an Wasser. Es gibt da eine kritische Schwelle, ab der das Leben der Tiere und Pflanzen unter diesem Mangel leidet. Wir wollten wissen, in welchen Regionen weltweit diese Schwelle noch im laufenden Jahrhundert dauerhaft erreicht wird. Dafür haben wir auch den Klimawandel mit einberechnet, der ja vielerorts einen zunehmenden Bedarf an Bewässerung mit sich bringt. 

SPIEGEL: Hat es Sie überrascht, dass so viele Regionen diese kritische Schwelle wohl bald überschreiten werden?

De Graaf: Das ist in der Tat besorgniserregend, aber kein Grund zur Panik. Noch haben wir Zeit, dem Abpumpen Grenzen zu setzen. Mich hat vor allem erstaunt, wie empfindlich die Flüsse auf Schwankungen des Grundwasserspiegels reagieren. Selbst wenn er nur um zwei Meter sinkt, ist manchmal schon der kritische Grenzwert für gesunde Ökosysteme erreicht. Bereits jetzt führen in rund jeder fünften untersuchten Region die Flüsse über längere Zeit zu wenig Wasser. 

SPIEGEL: Wo zum Beispiel?

De Graaf: In den USA etwa in den High Plains und dem kalifornischen Central Valley. Dort sind die Grundwasservorräte teilweise schon erschöpft. Aber auch im Nordosten des Landes, in Teilen von Argentinien oder im Gangesbecken wird schon zu viel Wasser abgepumpt.

SPIEGEL: Wie sieht es in Europa aus?

De Graaf: In Deutschland wird es wohl genügend Niederschläge geben, die das Grundwasser wieder auffüllen. Aber das südliche Europa, von Portugal bis Griechenland, wird bis 2050 Probleme mit den Flüssen bekommen, weil dort wegen der zunehmenden Erwärmung mehr bewässert werden muss. 

SPIEGEL: Welche Folgen hat es, wenn der Grundwasserspiegel weiter sinkt?

De Graaf: Man wird tiefere Brunnen bohren müssen. In den High Plains wird das Wasser stellenweise bereits aus Tiefen von 300 Metern und mehr gefördert. Die Farmer können das offenbar bezahlen, ungeachtet der Umweltschäden, die sie damit anrichten. Aber in ärmeren Regionen, etwa in Indien, kann schon eine Fördertiefe von 80 Metern zu teuer für die Bauern werden. Dann fallen die Brunnen trocken, und wir bekommen Probleme mit der Nahrungsproduktion.

SPIEGEL: In Ihrer Studie erwähnen Sie auch, dass mancherorts das Hochwasserrisiko zunimmt, weil der Boden sich senkt. Was hat das mit dem Grundwasser zu tun?

De Graaf: Die Sedimentschichten, aus denen das Wasser sich zurückgezogen hat, können sich verdichten. Dann sinkt der Boden ab. Die indonesische Hauptstadt Jakarta zum Beispiel liegt an einer Flussmündung, dort hat sich der Boden in zehn Jahren um zweieinhalb Meter gesenkt. Die küstennahe Region Nord-Jakarta liegt bereits zu mehr als der Hälfte unterhalb des Meeresspiegels. 

Inge de Graaf

Inge de Graaf

SPIEGEL: Wie lange dauert es, bis sich die Folgen übermäßigen Abpumpens zeigen?

De Graaf: Das kann lange Zeit unentdeckt bleiben. Wir sehen ja nicht, was unter unseren Füßen geschieht. Und das Wasser im Untergrund bewegt sich oft nur sehr langsam. In manchen Gegenden ist es über Jahre oder sogar Jahrzehnte unterwegs, bis es die Flüsse erreicht. Entsprechend spät werden wir bemerken, wenn es dann ausbleibt. Da ticken viele Zeitbomben.

SPIEGEL: Wie ließe sich das Grundwasser nachhaltig bewirtschaften?

De Graaf: Am wichtigsten wäre es, möglichst effizient zu bewässern. Dann muss man gar nicht erst so viel aus dem Untergrund emporpumpen. Und wo das möglich ist, kann man etwa in niederschlagsreichen Zeiten zusätzliches Wasser auf die Böden leiten, damit es dort versickert und die unterirdischen Vorräte ergänzt.

SPIEGEL: Angenommen, das Abpumpen würde sofort gestoppt: Wann wären die Grundwasservorkommen wiederhergestellt?

De Graaf: In einigen Regionen wird es wohl Jahrzehnte dauern. Andere aber werden sich gar nicht mehr erholen – vor allem dort, wo das Klima einfach auf Dauer zu trocken wird.

Schicken Sie uns Ihr Feedback zu diesem Beitrag.
Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 41/2019.
Hinweis

SPIEGEL+ kann in Ihrer App leider nicht dargestellt werden. Bitte installieren Sie die aktuelle App-Version oder wechseln Sie auf die mobile Website m.spiegel.de, um SPIEGEL+ lesen zu können. Vielen Dank!

SPIEGEL+ kann in Ihrem Browser leider nicht dargestellt werden. Bitte installieren Sie die aktuelle Version Ihres Browsers oder wechseln Sie zu einem anderen aktuellen Browser, um SPIEGEL+ lesen zu können. Vielen Dank!

SPIEGEL+ kann auf Ihrem Gerät leider nicht angezeigt werden. Bitte aktualisieren Sie, wenn möglich, Ihr Betriebssystem. Vielen Dank!