Im Frühling 1990 lud Sylt fünf Ost-Berliner Journalisten für drei Tage ein, sich mal ein Bild von der Insel zu machen. Darunter mich. Ich war damals Mitte zwanzig und gerade Lokalchef der "Berliner Zeitung" geworden, wahrscheinlich galt ich im Norden als eine Art Influencer. Am ersten Abend servierten sie uns Austern, was ich als Mutprobe und Demütigung empfand. Ich fühlte mich, als müsste ich den Spucknapf eines lokalen Fischermanns auslecken und dabei lächeln. Die zweite Sache, die ich nicht vergessen habe, war der ältere Herr, der auf dem Rückflug neben mir saß. Er wollte nur kurz nach Berlin, um seinen Zahnarzt zu besuchen, erzählte er mir. Für mich war das der Gipfel kapitalistischer Dekadenz. Ein Jahr zuvor hatte ich noch an den Sieg der Weltrevolution geglaubt und an die Heilkraft meiner Poliklinik.

Ich war nie wieder auf Sylt, mag inzwischen aber Austern. Auch den Rest habe ich verstanden. Prinzipiell. Ich lebe im Ausland, gehe aber in Berlin zum Arzt. Ich arbeite mein kleines Gesundheitsprogramm

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 25/2019.
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