Protokolle aufgezeichnet von Armin Himmelrath, Rachelle Pouplier, Andreas Unger

Wie kann man den Holocaust verstehen, dieses unfassbare Verbrechen? Wie kann man erklären, warum Menschen plötzlich ihre Nachbarn, Freunde, Partner ausgrenzten, verfolgten, töteten? Viel ist geforscht worden über die Schoah, die Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden durch die Nationalsozialisten und deren Mittäter. Und doch bleibt es ein Stück weit unbegreiflich, wie die Täter im Hass jegliche Hemmung verloren und warum die Mehrheit tatenlos zusah.
Hier kommen Menschen zu Wort, die noch von damals erzählen können: Jüdinnen und Juden, die der Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten auf ganz unterschiedliche Weise entkamen und die sich nach dem Krieg entschieden, trotz allem weiter in Deutschland, im Land der Täter, zu leben. Ihre Lebensgeschichten sind erschütternde Zeugnisse, die auch uns Heutige warnen, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist und wie rasch maßlose Brutalität und Unmenschlichkeit um sich greifen können. Und sie sind ein Auftrag, niemals zu vergessen.   

"Meine Mutter ließ sich scheiden. Sie ging, ohne sich von mir zu verabschieden."

Charlotte Knobloch, geboren 1932 in München, war Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland und ist seit 1985 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Der Neubau der Jüdischen Hauptsynagoge und des Gemeindezentrums im Herzen der Stadt geht maßgeblich auf ihr Engagement zurück.

ROMAN PAWLOWSKI / SPIEGEL GESCHICHTE

Knapp vier Jahre war ich alt, als ich lernte, was es heißt, Jude zu sein. Ich lief rüber zu den Nachbarskindern, mit denen ich nachmittags immer spielte. Das Tor war verschlossen. Ich rüttelte daran, weil ich dachte, das Schloss sei defekt. Die Kinder standen am Zaun und schauten. Da kam die Hausmeisterin und erklärte, die Kinder dürfen nicht mehr mit einem jüdischen Kind spielen. Weinend lief ich zurück und fragte meine Großmutter, was "jüdisch" für ein Wort sei - es war mir unbekannt, obwohl ich in einem jüdischen Haus aufwuchs und wir die Synagoge besuchten. Sie sagte: Die anderen gehen in die Kirche, wir in die Synagoge, das ist der Unterschied. Auch sie war geschockt.

Ein paar Wochen später kam meine Klavierlehrerin zu uns. Sie hatte mich gern, sie weinte. Die Gestapo habe angerufen und gesagt: Wenn sie weiter ein Judenkind unterrichte, werde sie denselben Weg gehen wie die Juden.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL Geschichte-Ausgabe 4/2019.
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