von Tim Bartz, Dinah Deckstein, Kristina Gnirke, Simon Hage, Nils Klawitter, Michael Sauga, Bernhard Zand

Edles Holz, schwarze Vitrinen, glänzende Metallkanten: Zum Start seiner ersten beiden Filialen in China hat sich Aldi Süd schick gemacht. Mit Berliner Bao, einer angeblich schmackhaften Kombination aus Wurst, Sauerkraut und chinesischer Dampfnudel, mit Weinen aus Bordeaux und Milch aus Australien eröffnete der deutsche Discounter im Juni seine Shops in Shanghai.

Aldi hofft auf gute Geschäfte mit der wohlhabend gewordenen Mittelschicht in der Volksrepublik. Deutsche Produkte sind in China begehrt, die Bundesrepublik zählt dort zu den zehn größten Lieferanten von Nahrungsmitteln und Getränken. Bislang verkaufte der Discounter seine Waren nur über einen Webshop, nun soll die Expansion in Läden gelingen.

In China macht nur Geschäfte, wer sich brav verhält. Das wissen auch die Aldi-Manager. Sie sprechen also nicht von Freiheit oder Demokratie, wenn sie nach der Lage in Hongkong gefragt werden, sondern bloß über den Schutz ihrer Beschäftigten. "Die aktuelle Serie von politischen Protesten", heißt es bei Aldi, "nehmen wir im Sinne der Sicherheit unserer Mitarbeiter sehr ernst."

Seit Monaten demonstrieren Millionen Bewohner Hongkongs auf den Straßen der Finanzmetropole. Es geht um Bürgerrechte und das Verhältnis zum übermächtigen Nachbarn China - und zunehmend auch um die Rolle der Wirtschaft. Um die Kraft der Proteste zu brechen, zwingt die Pekinger Regierung in- wie ausländische Unternehmen auf ihre Seite. Die Volksrepublik setzt Aufsichtsräte unter Druck und geht gegen Vorstände vor, sie lanciert Internetkampagnen und presst Konzernen Pro-Peking-Erklärungen ab. Ganz so, als wolle die chinesische Führung beweisen, dass die Ängste der Demonstranten berechtigt sind.

Was als begrenzter Streit um ein verschärftes Auslieferungsgesetz begann, hat sich zu einem Modellfall für den aufziehenden Großkonflikt des 21. Jahrhunderts ausgewachsen. Auf der einen Seite steht der Westen, dessen Unternehmen sich gern auf Menschenrechte und demokratische Werte berufen. Auf der anderen Seite steht die autoritäre Pekinger Regierung, die genau weiß, wie abhängig die Firmen vom riesigen chinesischen Markt sind.

Kommt es hart auf hart, schlägt das Geschäft meist die Moral. Allzu häufig schon haben westliche Konzerne den Pekinger Wünschen Folge geleistet. China benutze die Multis, um "die Rebellen in Hongkong zu disziplinieren", urteilt die "Financial Times". Und der Berliner Chinaforscher Max Zenglein sagt: Die Volksrepublik sei dabei, "ihre Wirtschaft in bislang nicht gekannter Weise zu politisieren". Zenglein arbeitet beim Mercator-Institut für China-Forschung, er war in den vergangenen Tagen in Hongkong unterwegs. Am vergangenen Wochenende mischte er sich bei den Massenprotesten unter die Demonstranten, sprach mit Aktivisten und Bürgern.

Was er dort hörte, stimmte ihn wenig zuversichtlich. Im Gegenteil: Unter den Bürgern der Finanzmetropole mache sich "ein gewisser Pessimismus" breit, sagt er. Die Fronten hätten sich verhärtet. Viele Hongkong-Chinesen rechneten damit, dass Peking die Stadt schon bald unter vollständige Kontrolle zwingen werde - und nicht erst im Jahr 2047, wie es der Übergabevertrag mit der früheren Kolonialmacht Großbritannien vorsieht.

Viele Aktivisten hat entmutigt, wie willfährig die Hongkonger Airline Cathay Pacific in der vergangenen Woche auf chinesischen Druck reagierte. Erst entließ der Konzern vier Mitarbeiter, die bei den Protesten mitgemacht hatten. Darauf folgend mussten auch Firmenboss Rupert Hogg und Marketingchef Paul Loo gehen, wohl weil sie den chinesischen Wünschen nicht rasch genug nachgekommen waren.

Die skandinavische Fluggesellschaft Finnair lenkte sogar ein, ohne dass Peking eingreifen musste. Weil die Airline um ihre lukrativen Landerechte in der Stadt fürchtete, warnte sie ihre Mitarbeiter davor, unter dem Firmenlogo gegen die Regierung zu demonstrieren. Wer dagegen verstoße, drohte Finnair, werde von künftigen Flügen "entfernt".

Zuvor hatten sich bereits zahlreiche andere Westmanager vor den Pekinger Machthabern in den Staub geworfen. Zum Beispiel die Bosse der vier größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften PwC, Deloitte, KPMG sowie EY. Mitarbeiter der sogenannten Big Four hatten in Zeitungsanzeigen Solidarität mit den Demonstranten bekundet, was die chinesische Führung in der kommunistisch kontrollierten Zeitung "The Global Times" knapp als "falsche Einstellung" geißelte. Umgehend versicherte PwC, es werde "jede Aktion und Erklärung ablehnen", mit der die Souveränität Chinas infrage gestellt werden könne.

Der chinesische Internetkonzern Alibaba sagte einen geplanten Börsengang in Hongkong ab, vermutlich auch, um einem Rüffel aus Peking zuvorzukommen. Und die italienische Modemarke Versace entschuldigte sich in einer Ergebenheitsadresse wortreich für T-Shirts, auf denen Hongkong als Staat bezeichnet worden war. Die umstrittenen Textilien wurden aus den Regalen geräumt.

Wie unerbittlich Peking die Wirtschaft inzwischen auf Linie zwingt, zeigt das Beispiel der britisch-chinesischen Großbank HSBC. Anfang August verließen völlig überraschend zunächst Konzernchef John Flint und dann Chinachefin Helen Wong die Bank.

Fachlich war den Topmanagern nichts vorzuwerfen, das Geldhaus schreibt schwarze Zahlen. Zum Verhängnis wurde ihnen offenbar, dass ihre Bank in die mysteriöse Verhaftung von Meng Wanzhou verwickelt war. Die Frau ist Finanzchefin des Telekomausrüsters Huawei. Ihr wird vorgeworfen, gegen die Iransanktionen der Amerikaner verstoßen zu haben; seit Dezember 2018 sitzt sie in Kanada fest und wartet auf ihre Auslieferung an die USA. Die Chinesen lasten HSBC an, Informationen über ihren Kunden Huawei an die US-Ermittler weitergegeben und so zu Mengs Verhaftung beigetragen zu haben.

Die naive westliche Doktrin "Wandel durch Handel", wonach eine Öffnung der Märkte über kurz oder lang auch politische Liberalisierung nach sich ziehe, sei in China "komplett gescheitert", sagt Sebastian Heilmann, Professor für Politik und Wirtschaft Chinas in Trier.

China entwickelt sich seit Jahren zum führenden Polizei- und Überwachungsstaat des Digitalzeitalters, mit direktem Durchgriff bis in die Konzernzentralen. Auch Auslandsunternehmen müssen Zellen der Kommunistischen Partei in ihren Betrieben dulden. Das datengestützte "Social Credit"-System, mit dem die Pekinger Führung das Verhalten ihrer Bürger im Internet überwacht, gilt mittlerweile auch für die Wirtschaft.

Demonstranten in Hongkong: "Unter den Bürgern macht sich Pessimismus breit"
KAI PFAFFENBACH / REUTERS
Demonstranten in Hongkong: "Unter den Bürgern macht sich Pessimismus breit"

Den Konzernen bleibe keine andere Wahl, als mitzuspielen, sagt Heilmann. Die Pekinger Führung bekomme fast lückenlosen Einblick in die Unternehmen. Sie wisse, wer Verträge gebrochen habe, gegen welche Manager Verfahren liefen und wer technologisch kooperiere. Folgsamkeit wird belohnt: "Je besser das Social-Credit-Ranking, desto unbeschränkter der Marktzugang."

China ist eine Diktatur, zweifellos, doch eine, mit der sich westliche Firmen seit Jahren im Gestus des ewigen Kniefalls arrangieren: Microsoft tilgte Begriffe wie "Demokratie" und "Menschenrechte" aus seinem Internetportal, die chinesische Staatssicherheit konnte auf die Hilfe des US-Netzwerkausrüsters Cisco zurückgreifen.

Deutsche Firmen üben sich inzwischen ebenfalls in der Kunst des formvollendeten Kotaus - auch wenn er allem widerspricht, wofür sie angeblich stehen wollen. Gerade erst haben einige westliche Vorzeigekonzerne, darunter Daimler, Bosch und Deutsche Bank, eine sogenannte Werteallianz gegründet, mit der ihre Beiträge für Umwelt oder Gesellschaft besser erfasst werden sollen. Doch wenn es um das Verhältnis zum wirtschaftlich übermächtigen China geht, sind manchen Unternehmen die finanziellen Werte in der Bilanz offenbar wichtiger als die Werte der Demokratie.

Beispiel Adidas: In seinen offiziellen "Grundsätzen" behauptet der Konzern, keine Geschäfte mit Partnern einzugehen, die Menschenrechte verletzen. Nur: Der Konzern macht rund ein Fünftel seines Geschäfts in China. Viele Adidas-Schuhe werden noch immer in der Volksrepublik zusammengenäht, und so hat Konzernchef Kasper Rorsted selbst für das umstrittene Social-Credit-System noch freundliche Worte übrig. Social Scoring sei "in China erlaubt", teilte Rorsted kürzlich der "Welt am Sonntag" mit. "Wir sind eine globale Firma, mit welcher Begründung sollen wir die Meinung durchsetzen, dass das deutsche Recht besser ist?"

Zu Hongkong mochte sich sein Konzern in den vergangenen Wochen genauso wenig äußern wie die anderen Schwergewichte der deutschen Wirtschaft. Auch Siemens-Chef Joe Kaeser, der als Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses von Amts wegen zuständig und sonst um keinen Tweet verlegen ist, wollte zunächst nichts sagen. Erst vergangene Woche ließ er auf SPIEGEL-Anfrage mitteilen, dass die "Wirtschaft tief besorgt auf die Entwicklung in der Sonderverwaltungszone" blicke.

Wer mit China Streit anfängt, ist selbst schuld. So sieht das die deutsche Wirtschaft. Vor allem, wenn es um die drei sensiblen "T" geht, bei denen Peking keinen Spaß versteht: Taiwan, Tibet und Tiananmen - die Inselrepublik, auf die China Anspruch erhebt; die Himalaja-Region, die es seit 1951 kontrolliert; und der Aufstand von 1989, der in China tabu ist.

Dass in diesen Fällen die Pekinger Sprachregelungen strikt zu befolgen sind, haben die deutschen Unternehmen begriffen. Seit 2018 etwa ist auf den Websites der Lufthansa nicht mehr von Verbindungen nach "Taiwan" die Rede, sondern von Flügen nach "Taiwan, China", so halte es auch das Auswärtige Amt.

Im selben Jahr entschuldigte sich Daimler mit devoter Geste dafür, dass es mit einem Zitat des Dalai-Lama, des geistlichen Oberhaupts der Tibeter, "die Gefühle des chinesischen Volkes zutiefst verletzt" habe. Im April schließlich distanzierte sich der Kamerahersteller Leica von einem Werbefilm, in dem das Bild eines einsamen Demonstranten kurz vor dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens zu sehen war.

Mit einem Volumen von mehr als 200 Milliarden Euro ist China Deutschlands größter Handelspartner. Dellen im zuletzt schwächelnden Chinageschäft schlagen sofort auf die Bilanzen deutscher Konzerne durch, insbesondere in der Autoindustrie, für die der Chinahandel von zentraler Bedeutung ist. Audi und Mercedes verkauften zuletzt ungefähr jedes dritte Fahrzeug in der Volksrepublik.

Konflikte mit dem Regime wollen die Autobosse daher tunlichst vermeiden, zumal ein Konzern wie Daimler mittlerweile unter dem Einfluss mächtiger chinesischer Investoren steht. Mit knapp zehn Prozent ist der Unternehmer Li Shufu größter Einzelaktionär. Ende Juli stieg zudem der staatlich kontrollierte Autobauer BAIC bei den Stuttgartern ein. Zur Lage in Hongkong heißt es bei Daimler zurückhaltend: "Wir beobachten die Entwicklungen genau und hoffen auf eine baldige Deeskalation."

Ökonomische Nähe macht demütig, wie auch Rivale Volkswagen weiß. Der größte Autohersteller der Welt unterhält in Xinjiang im Nordwesten Chinas ein Werk, wo sich Umerziehungslager der Regierung für muslimische Uiguren befinden. Als ein Reporter der BBC VW-Chef Herbert Diess kürzlich darauf ansprach, behauptete der Konzernchef, von den Lagern nichts zu wissen. Es klang wie: Uiguren? Nie gehört. Stattdessen sei er stolz darauf, in der Region Arbeitsplätze zu schaffen.

Die europäischen Regierungen haben ebenfalls kein Interesse an einem neuen großen Krach mit Peking. Das gilt auch für die Kanzlerin. Wenn Angela Merkel Anfang September mit großer Wirtschaftsdelegation nach Peking fliegt, werde eher von strategischer Partnerschaft die Rede sein, heißt es in der Bundesregierung. Bei der künftigen Ordnung des Welthandels stehen die Deutschen mitunter China näher als den USA; zudem setzt Merkel auf ein umfassendes Investitionsabkommen, das die EU bis zum kommenden Jahr mit China aushandeln will. Positiv wird in Berlin vermerkt, dass sich Peking mit Gewalt in Hongkong bislang zurückgehalten habe.

Bisher habe der Konflikt in der Stadt keine großen Auswirkungen gehabt, heißt es auch bei VW. Der Verkaufsraum des Konzerns habe lediglich für ein paar Stunden schließen müssen.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 35/2019.

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