Der Mann hat einen der größten Schurken der Kulturgeschichte erfunden und im echten Leben für eine der gnadenlosesten Staatslenkerinnen der Moderne gearbeitet. Er selbst galt einst als "Westminsters milchgesichtiger Auftragskiller", so der "Guardian". Michael John Dobbs, seit 2010 Baron Dobbs of Wylye, kennt alles in- und auswendig: die Winkelzüge der Macht, die in Hinterzimmern ausgeheckten Putschpläne gegen Parteifreunde und -feinde, die als Fürsorge getarnte Niedertracht. Dobbs, 71, ist seit mehr als 40 Jahren selbst Teil des großen Spiels namens Politik. 

Von 1977 an arbeitete er in unterschiedlichen Funktionen für die konservative Partei Großbritanniens: erst als Berater und Redenschreiber unter Margaret Thatcher, später als Vizeparteichef unter John Major. In der Zwischenzeit – nachdem er sich mit Thatcher überworfen hatte – schrieb er den Politthriller "House of Cards", einen weltweiten Bestseller. Dobbs' Roman, die Geschichte eines skrupellosen Spitzenpolitikers, wurde gleich zweimal als Fernsehserie adaptiert: 1990 von der BBC mit Ian Richardson, 2013 verlegte Netflix die Handlung in die USA und machte aus Dobbs' britischem Helden Francis Urquhart den Amerikaner Francis Underwood, gespielt von Kevin Spacey. Dobbs' Figur galt als Karikatur politischer Ruchlosigkeit – bis die Wirklichkeit begann, die Fiktion zu überholen. 

Das politische Chaos, in das sich das Vereinigte Königreich im zurückliegenden Jahr stürzte, macht bisweilen auch Dobbs fassungslos. Die Abnutzungsschlacht um den Brexit, der Sturz Theresa Mays, die Wahl des Polit-Pinocchios Boris Johnson, die lustvolle Zertrümmerung fast aller Säulen der britischen Verfassung: Hätte Dobbs es erfunden, wäre es wohl als unplausibel von Verlagen abgelehnt worden. Zum Gespräch bittet er in sein Büro im House of Lords. Dasselbe Büro, in dem einst seine spätere Erzfeindin Thatcher saß. "Das hat eine feine ironische Note, finden Sie nicht?", fragt Dobbs.

SPIEGEL: "Ich beginne meine Zeit in Downing Street mit der frischen Entschlossenheit, unser Volk zu vereinen und den permanent einsickernden Zynismus zu beenden, der jetzt schon Teile unseres Lebens aufgelöst hat. Ich werde mich gänzlich dem Wohl unserer Nation widmen." Lord Dobbs, erinnern Sie sich, wer das gesagt hat?

Dobbs: Hmm, das klingt ganz nach einem britischen Premierminister. Schwer zu sagen, welcher.

SPIEGEL: Der Satz stammt von Ihnen, aus Ihrem Roman "House of Cards". Es ist die Antrittsrede Ihrer Figur Francis Urquhart, nachdem er Premierminister geworden ist.

Dobbs: (lacht) Ha! Oje. Und ich hatte mich schon gefragt, wer einem Premierminister so schöne und wohlklingende Worte in den Mund gelegt haben könnte. Aber wissen Sie, so oder ähnlich hätte das eigentlich jeder neu gewählte Regierungschef der vergangenen 200 Jahre sagen können.

SPIEGEL: Auch Boris Johnson, als er im Juli sein lange ersehntes Amt antrat?

Dobbs: Aber natürlich.

SPIEGEL: Können Sie irgendwelche Gemeinsamkeiten zwischen Francis und Boris erkennen?

Dobbs: Zu den großartigen Eigenschaften von Boris gehört, dass er ein wirklich unkonventioneller Politiker ist. Er ist in meinen Augen der richtige Mann für diese besonderen Zeiten. Wir stecken ja nun ziemlich tief im Schlamassel. Wir haben es auf die orthodoxe Art versucht. Wir haben uns den Problemen auf klassische Weise genähert. Theresa May war eine sehr orthodoxe und klassische Anführerin – und ein totales Desaster. Nach ihrem Rücktritt brauchten wir jemanden, der willens und in der Lage ist, das ganze System durchzurütteln. Einen, der den Gordischen Knoten namens Brexit würde zerschlagen können. Das hat Boris versucht.

SPIEGEL: Johnson hat diesen absoluten Willen, Macht zu erlangen und zu behalten. Er ist skrupellos, scheint gewillt, alles niederzuwalzen, was ihm im Weg steht, und gilt zudem als Frauenheld. Scheint fast, als hätte er sich Ihre Figur Francis Urquhart als Rollenvorbild ausgesucht.

Lade...

Gutes lesen. Mehr verstehen.

Sie haben keinen Zugang? Jetzt gratis testen!

  • Jeden Tag mehr Durchblick: Besondere Reportagen, Analysen und Hintergründe auf SPIEGEL ONLINE zu Themen, die unsere Gesellschaft bewegen, von Reportern in aller Welt.
  • Dazu die digitale Ausgabe des wöchentlichen Magazins.
  • Einmal anmelden, überall nutzen – mobil, Web, Tablet, auf allen Ihren Geräten.
  • Flexible Laufzeit, jederzeit online kündbar
Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 55/2019.
Hinweis

SPIEGEL+ kann in Ihrer App leider nicht dargestellt werden. Bitte installieren Sie die aktuelle App-Version oder wechseln Sie auf die mobile Website m.spiegel.de, um SPIEGEL+ lesen zu können. Vielen Dank!

SPIEGEL+ kann in Ihrem Browser leider nicht dargestellt werden. Bitte installieren Sie die aktuelle Version Ihres Browsers oder wechseln Sie zu einem anderen aktuellen Browser, um SPIEGEL+ lesen zu können. Vielen Dank!

SPIEGEL+ kann auf Ihrem Gerät leider nicht angezeigt werden. Bitte aktualisieren Sie, wenn möglich, Ihr Betriebssystem. Vielen Dank!