Kaum mehr als ein Schreibtisch und ein paar Stühle stehen beim Interviewtermin im Büro des neuen Direktors am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin – bislang lebte Iyad Rahwan in Cambridge in den USA. Nun wird er vom renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in die deutsche Hauptstadt wechseln; auch seine Frau, eine Australierin, wird im Stadtteil Wilmersdorf forschen. Die neuen Kollegen sind gespannt: Rahwan, 41, ist als Informatikwissenschaftler weltweit bekannt; er untersucht, wie die Digitalisierung den Alltag von Menschen verändert, und denkt dabei gleichermaßen sozialwissenschaftlich und technologisch. Sein Hauptinteresse gilt einer zukunftsentscheidenden Frage: Wie können Individuen und Gesellschaften die Digitalisierung der Welt besser begreifen und steuern? Dass Rahwan künftig in Berlin arbeitet, kann als Scoop der Max-Planck-Gesellschaft gelten. 

Gewöhnlich zieht es Talente eher dorthin, wo Rahwan herkommt – an die amerikanischen Elite-Institute. Er habe mehrere Gründe für seinen Wechsel, sagt Rahwan, der einer von vier Direktoren am Max-Planck-Institut sein wird. Neben der Aufgabe und dem großzügigen Forschungsbudget reize ihn vor allem Berlin. Rahwan ist in Aleppo geboren, hat Syrien als Kind verlassen, kehrte als Schüler für ein Jahr dorthin zurück und studierte in Australien. Sein Vater lebt nach wie vor im kriegszerstörten Aleppo; die Mutter und der Bruder sind in die Vereinigten Arabischen Emirate geflüchtet. Er fühle sich mit dieser Biografie in Berlin gut aufgehoben, meint der Wissenschaftler – in einer Stadt, die den Krieg erlebt habe und heute frei sei.

SPIEGEL: Herr Rahwan, in welchen Momenten fühlen Sie sich der künstlichen Intelligenz in Ihrem Computer, Ihrem Smartphone und anderen digitalen Geräten ausgeliefert?

Rahwan: Wenn ich mich mit meiner Frau unterhalte, erscheint manchmal kurz danach auf meinem Laptop eine Werbung, die zum Inhalt unseres Gesprächs passt. Dabei besitzen wir zu Hause weder eine Alexa noch eine andere algorithmengesteuerte Maschine, die uns zuhören könnte. Jedenfalls wissen wir nichts davon. Solche Situationen verunsichern mich.

SPIEGEL: Wie reagieren Sie in diesen Momenten?

Rahwan: Ich suche nach Erklärungen und sage mir, dass es ein Zufall sein kann. Aber genauso ist es denkbar, dass eines unserer digitalen Geräte die Gespräche eben doch auswertet, ohne dass wir darüber informiert sind. Es kann sogar sein, dass all die Algorithmen, die ich ständig mit meinen Daten bediene, längst so viel über mich wissen, dass sie vorausberechnen, was mich umtreibt, und dann passgenau die entsprechende Werbung einspielen. Eben darin liegt das enorme und unterschätzte Problem unserer digitalisierten Welt: Wir verstehen nur sehr begrenzt, welche Informationen gesammelt und ausgewertet werden, wenn wir eine Suchmaschine benutzen, Kleidung bestellen oder uns überhaupt des Internets bedienen. Manche Onlineplattformen wissen mehr über uns, als die Stasi jemals über ihre Bürger wusste.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich, dass viele Menschen trotzdem jede neue App ausprobieren wollen?

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 25/2019.
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