Im vergangenen November schrieb der saudi-arabische Journalist und Regimekritiker Jamal Khashoggi für den SPIEGEL einen Essay über die Repression in seinem Heimatland. "Muss ich wirklich dabei zusehen, wie Freunde verhaftet werden? Muss ich alles gut und edel finden, was unsere Regierung tut?", fragte er darin. Damals lebte er als Vorsichtsmaßnahme seit einigen Monaten in den USA, schrieb Kolumnen für die "Washington Post". Als der SPIEGEL den Beitrag bei Khashoggi in Auftrag gab, kam es zu einem Missverständnis: Wir gaben ihm für die Länge die Anzahl von 10. 000 Zeichen vor, Khashoggi aber hatte 10.000 Wörter verstanden, und so wurde der Text sehr viel länger als bestellt.

In einem damals nicht veröffentlichten Teil des Essays befasste sich der Journalist mit den veränderten Machtstrukturen im Königshaus, seit Kronprinz Mohammed bin Salman an Einfluss gewonnen hatte. Er zeichnete das Bild eines absoluten Herrschers, beschrieb dessen uneingeschränkten Machtwillen und die Rücksichtslosigkeit, mit der er ihm nicht genehme Personen in der obersten Führung aus dem Weg räumte. Nach der Tötung Jamal Khashoggis im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul liest sich dieser Text wie ein unheimliches spätes Vermächtnis.

Wenn Mohammed bin Salman einen Konferenzraum betritt, geht er stets allein hinein, als Erster, alle anderen folgen ihm. Wir haben einen "obersten Führer", obwohl er nicht Staatschef ist. Denn das ist sein Vater, König Salman, der ihm bisher vertraut. MbS hat die absolute Macht ergriffen im zivilen und im militärischen Bereich. Und er hat die Struktur und Führungsebene der Sicherheitskräfte in einem beispiellosen Ausmaß umgebaut.

Bevor Mohammed bin Salman dank seines Vaters so mächtig werden konnte, gab es in Saudi-Arabien mehrere Machtzentren. Das Land wurde ähnlich regiert wie früher die Sowjetunion vom Politbüro; dem König standen seine Brüder zur Seite. Sie waren stellvertretenden Herrschern gleich und führten die entscheidenden Ministerien. Dabei verhielten sie sich wie Gutsherren, die Jobs, Geld, Zugeständnisse und sogar Land verteilten. Sie ließen Wohlfahrtseinrichtungen für die ärmeren Saudi-Araber gründen. Und sie schlossen zahlreiche Deals ab. 

Prinz Sultan Al Saud beispielsweise stand über 40 Jahre lang dem Verteidigungsministerium vor, bis zu seinem Tod 2011. Er hatte auch auf internationaler Ebene Einfluss. Die umfangreichen Waffengeschäfte, die in seiner Amtszeit vollzogen wurden, waren legendär, nicht zuletzt wegen hoher Schmiergeldzahlungen. Mohammed bin Salman hat das Politbüro abgeschafft. Unter ihm besetzen nur noch wenige Mitglieder der Königsfamilie wichtige Positionen – so wenige wie seit Jahrzehnten nicht. Selbst seine Brüder und Halbbrüder hält MbS von sich fern. Er erlaubt niemanden in seiner Nähe. Nur Khalid bin Salman, sein drei Jahre jüngerer Bruder, hat eine Sonderstellung als saudi-arabischer Botschafter in den USA. Es heißt, Khalid stehe ihm noch am nächsten. Aber eines ist offensichtlich: MbS vertraut nur sich selbst.

Der Kronprinz hat Saudi-Arabiens politisches System auf den Kopf gestellt. Im November 2017 ließ er führende Geschäftsleute und Mitglieder der Königsfamilie unter dem Vorwand der Korruptionsbekämpfung festsetzen. Eine Untersuchungskommission wurde eingerichtet, die gegen mehrere Familienmitglieder ermittelte, darunter auch ehemalige Minister und hochrangige Beamte. MbS selbst leitete diese Kommission. Vergeltung erfolgt schnell und plötzlich, seit Mohammed bin Salman Kronprinz ist.

Ich aber wünsche mir einen wahrhaftigen Kampf gegen die Korruption, nicht einen, der nur kurz aufflackert und vor allem darauf abzielt, Geld und Eigentum zu beschlagnahmen. So etwas erschüttert das Vertrauen der internationalen Investoren in Saudi-Arabien und schadet unserer Wirtschaft. Ich will, dass wir religiösen Radikalismus stoppen, aber ich möchte die Fanatiker nicht ersetzen durch Faschisten, die die Tugenden des "Großen Führers" preisen und jeden, der eine andere Meinung vertritt, rücksichtslos vernichten.

Mohammed bin Salman betreibt seine Machtpolitik innerhalb der Königsfamilie extrem clever. Als er im Juni 2017 Kronprinz wurde, verdrängte er seinen Cousin, Mohammed bin Nayef, den damaligen Kronprinzen und Innenminister. Inzwischen hat er rund 40 junge Mitglieder der Königsfamilie auf verschiedene Positionen gesetzt. Und auch wenn er das Politbüro abgeschafft hat, die Grundprinzipien des alten Patronage-Systems hat er belassen: Er hat darauf geachtet, dass diejenigen, die er ernennt, alle Zweige des Familienclans repräsentieren. Sein vermeintlicher Kampf gegen die Korruption gleicht einem Ringen mit der griechischen Göttertochter Medusa. Anstatt ihr jedoch den Kopf abzuschlagen, köpft er lediglich eine der Schlangen auf ihrem Haupt. Die von ihm eingesetzten jungen Prinzen aber sind nicht seine Partner, sondern seine Gefolgsmänner. Sie zittern vor ihm, sie wollen ihm auf keinen Fall missfallen oder ihn beleidigen. Wenn sie sich gut benehmen, betrachtet er sie als verlässliche Verbündete, die er vielleicht einmal aufsteigen lässt.

Diese Junior-Familienmitglieder kontrollieren nun zentrale Stellen der Macht, die bisher älteren Angehörigen des Königshauses vorbehalten waren. Auch das ist eine Veränderung unter Mohammed bin Salman. In einem Land, in dem das Alter bisher Respekt einbrachte, beziehen sich nun ältere Brüder, ja sogar Väter und Onkel auf den sozialen Status ihrer jüngeren Verwandten.

Den Königshof managt Mohammed bin Salman sehr geschickt – und das ist keine geringe Leistung. Aber noch hat er nicht bewiesen, dass er die Wirtschaft und die Außenpolitik ebenso geschickt führen kann. Seine bisherige Bilanz ist nicht gerade herausragend, insbesondere was die Beziehungen zu unseren Nachbarn angeht. Der Krieg im Jemen ist eine menschengemachte Tragödie, die selbst die schlimmsten Befürchtungen übertrifft. Fast die Hälfte der Bevölkerung ist von Hunger bedroht.

Der Kronprinz muss Saudi-Arabien aus der Krieg führenden Koalition zurückziehen und sich stattdessen als möglicher Friedensgarant in Verhandlungen positionieren, so wie es König Faisal getan hat. Denn es gibt im Jemen keine militärische Lösung, das sagt selbst der saudi-arabische Außenminister. Ich will, dass mein Land Irans konfessionellem Expansionismus in Syrien, im Jemen und im Libanon entgegentritt. Aber ich möchte nicht, dass wir einen offenen Krieg mit Iran riskieren, der unsere beiden Länder zerstören könnte. Ich will, dass Saudi-Arabien entschlossen und einflussreich in der Region auftritt, aber nicht, dass es kleinere Länder drangsaliert.

Kronprinz Mohammed bin Salman
Mark Thomas / i-Images / Polaris / Studio X
Kronprinz Mohammed bin Salman

Mohammed bin Salman hat größere Träume als nur den, seinem Vater auf dem Thron zu folgen. Er sieht sich auf Augenhöhe mit Saudi-Arabiens erstem König und Gründervater, Ibn Saud. Salmans Unterstützer nennen ihn den "zweiten Gründervater". Auf Twitter, dem wichtigsten sozialen Medium in Saudi-Arabien, werden Bilder geteilt, auf denen MbS seinem legendären Großvater ähnelt.

E in Gemälde eines unbekannten Künstlers zeigt, wie Mohammed bin Salman seinem vor fast 65 Jahren verstorbenen Großvater Ibn Saud auf einer Landkarte seine Vorhaben erklärt. Daneben ist Mohammed bin Salmans Vater, König Salman, zu sehen, der seinem Sohn bewundernd zuschaut. Die Botschaft ist klar: MbS ist nicht nur der rechtmäßige Erbe des Throns seines Vaters. Er ist auch der Nachfolger des geliebten Gründervaters. Und so schürt Mohammed bin Salman einen Personenkult um sich, zu Hause und im Ausland, wie es ihn um kein anderes Mitglied der Königsfamilie gibt.

Die gegenwärtige Situation als Kronprinz ist ideal für ihn. Er hat die vollständige Macht und durch seinen Vater die Legitimität, die er braucht, um seine Vision für das Land durchzusetzen. So wird es wohl bleiben bis zum Tod König Salmans. Ich glaube nicht, dass Mohammed bin Salman seinen Vater verdrängen oder dass dieser abdanken könnte. MbS braucht die Unterstützung des 82-Jährigen, um mit seinen wagemutigen, teils gefährlichen Vorhaben weitermachen zu können.

Absolute Macht ist ein Fehler, egal wie sehr ein Land auch in Gefahr sein mag und der Rettung bedarf. Wir Araber haben schlechte Erfahrungen gemacht mit scheinbar aufrichtigen, patriotischen Anführern, die sich viel zu schnell in Diktatoren verwandelten. Von solchen Anführern rühren unser Leiden, unsere Notlagen, Niederlagen und Bürgerkriege zum Großteil her. 

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 44/2018.

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