Das Interview erschien in SPIEGEL 25/2019.


Ein Gewerbegebiet im Südosten Münchens, an der Wand hängt ein DIN-A4-Zettel mit der Aufschrift "Wahlkreisbüro Jimmy Schulz MdB". Wer den FDP-Politiker auf Twitter und Facebook besucht, sieht noch immer einen wohlgenährten Mann Ende vierzig. Wer ihn trifft, erkennt ihn auf den ersten Blick nicht wieder. Schulz wog mal 90 Kilogramm, jetzt sind es 48. Nach der Begrüßung muss er sich die Hände desinfizieren, jede Infektion ist für ihn lebensgefährlich. Schulz geht langsam und leicht gebückt, er hat kaum noch Muskeln. Zum Sitzen braucht er ein Kissen, damit es nicht wehtut. In seinem Büro steht eine Schlafcouch, aber in dem gut zweistündigen Gespräch zieht er sich nur einmal kurz zurück.

SPIEGEL: Herr Schulz, wie geht es Ihnen?

Schulz: Mir geht es gut. Das ist erstaunlich, denn ich bin körperlich sehr eingeschränkt. Viele Dinge kann ich nicht mehr tun, aber das trübt meinen Lebensmut nicht. Die letzten Tage waren ein bisschen schwieriger. Ich hatte Schmerzen im Bauchraum und habe mir Sorgen gemacht, dass der Krebs wieder auf dem Vormarsch ist. Aber seit gestern weiß ich, dass alles in Ordnung ist.

SPIEGEL: In Ordnung?

Schulz: Der Krebs hat sich seit August vorigen Jahres nicht verändert. Er ist da, aber er ist durch die Chemotherapie eingefroren. Das ist eine sehr, sehr gute Nachricht. Die Schmerzen haben also eine andere Ursache. Vielleicht hat es mit der Wirbelsäule zu tun und damit, dass ich kaum noch Muskeln habe und keinen Sport mehr treiben kann.

SPIEGEL: Wann haben Sie erfahren, dass Sie Krebs haben?

Schulz: Ich hatte schon während des Bundestagswahlkampfs 2017 Schmerzen. Ich dachte, das ist eine superstressige Zeit, da kann man Schmerzen haben vom Plakatieren, von wenig Schlaf, von schlechter Ernährung. Ich war bei drei Ärzten, aber die fanden nichts. Nach der Wahl war ich zum ersten Mal bei meinem Hausarzt, der mich zu einem Spezialisten schickte. Dieser wiederum hat mich sofort ins Krankenhaus eingewiesen.

SPIEGEL: Wie lautete die Diagnose?

Schulz: Ich habe darüber bislang nicht öffentlich gesprochen. Es ist Bauchspeicheldrüsenkrebs. Wie Sie vielleicht wissen, gibt es da eine Überlebenschance von zwei Prozent. Zu diesen zwei Prozent gehöre ich nicht.

SPIEGEL: Wie viel Zeit haben Ihnen die Ärzte damals gegeben?


Schulz: Die Ärzte waren sehr zuversichtlich, dass ich nach der OP mit einem Rest Bauchspeicheldrüse überleben würde und die Option habe, noch 10 oder 15 Jahre zu leben. Aber als sie am 13. Februar vergangenen Jahres die Motorhaube aufgemacht haben, sah das ganz anders aus. In einer neunstündigen OP mit fünf Ärzten wurden mir Bauchspeicheldrüse, Magen, Milz und Gallenblase entfernt. Diese Tage gehören mit Sicherheit zu dem Bittersten, was ich in meinem Leben erlebt habe.

SPIEGEL: War danach der Krebs weg?

Schulz: Das dachten wir. Der Plan war, dass ich ein halbes, Dreivierteljahr Reha und Wiederaufbauphase mache und dann nach so anderthalb Jahren zurückkehre in mein Leben. Aber im Juli waren diese Pläne zunichte, da wurden Metastasen in der Leber festgestellt.

SPIEGEL: Die waren bei der ersten OP noch nicht da?

Schulz: Nein, die haben sie da nicht gesehen, und die lassen sich auch nicht mehr operieren. Mein Körper würde eine zweite OP nicht überstehen. Dann bekam ich auch noch Fieber, und als ich im August fragte, wie ist meine Lebenserwartung, haben die Ärzte gesagt: drei Wochen.

SPIEGEL: Das heißt, Weihnachten sollten Sie nicht mehr erleben.

Schulz: Genau das war meine Frage. Lohnt es sich noch, Weihnachtsgeschenke für meine Kinder zu besorgen? Und die Antwort lautete: nein.

SPIEGEL: Was macht man, wenn man glaubt, nur noch drei Wochen zu leben?

Schulz: Ich habe überlegt, an wie vielen Tagen ich wohl noch fit bin. 10 Tage, vielleicht 15? Was mache ich mit diesen 15 Tagen? Da sortiert man sein Leben, schreibt Tagebuch, schreibt ein Testament, eine Patientenverfügung. Ich habe alle Verwandten noch mal eingeladen, die besten Freunde. Ich lag ja im Krankenhaus. Ich habe viel Zeit mit Nachdenken verbracht. Und ich habe mit dem Leben abgeschlossen.

SPIEGEL: Empfanden Sie Wut, dass es gerade Sie erwischt hat?

Schulz: Nein, Wut ist keine Kategorie für mich. Dann müsste ich ja irgendjemanden dafür verantwortlich machen.

SPIEGEL: Oder dachten Sie: "Das habe ich nicht verdient"?

Video (2:38) Unterwegs mit Jimmy Schulz
SPIEGEL-Redakteur Christoph Schult hat FDP-Politiker Jimmy Schulz in den vergangenen Wochen begleitet. Sehen Sie im Video, was ihn am meisten an dem schwer kranken Politiker beeindruckt hat.

Schulz: Nein, so bin ich nicht gestrickt, und so bin ich nicht erzogen worden. Als ich mit anderen Patienten im Krankenhaus lag, war da eine Frau, 78 Jahre alt, die klagte: "Warum ich? Warum straft mich Gott mit dieser Krankheit? Ich wollte doch noch den 40. Geburtstag meines Sohnes miterleben." Ich dachte nur, warum erzählt die mir das? Ich kann mit Selbstmitleid nichts anfangen.

SPIEGEL: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Schulz: Nein. Ich glaube, dass ich in den Erinnerungen der anderen Menschen weiterlebe, aber ich glaube nicht, dass ich als Wesen nach dem Tod fortexistiere. Viele Menschen sind schockiert, wenn ich sie damit konfrontiere: Ich sterbe bald. Auch manche guten Freunde kommen nicht damit klar. Sie sagen: "Du darfst die Hoffnung doch nicht aufgeben!" Ich gebe die Hoffnung auch nicht auf. Aber ich bin Realist genug, dass ich mich jetzt nicht an einem Strohhalm festklammere. Wenn ich an etwas glauben würde, was nicht ist, würde ich mir ein Stück Lebensqualität rauben. Ich lebe unheimlich gerne, ich liebe das Leben, aber ich habe keine Angst vor dem Tod. Das ist für mich in Ordnung, dass ich sterbe.

Jimmy Schulz ist verheiratet und hat drei Kinder, zwei Töchter und einen Sohn. Schulz weiß, wie es sich anfühlt, früh die eigenen Eltern zu verlieren. Als er 20 war, kam seine Mutter während des Skiurlaubs bei einem Lawinenunfall ums Leben. Der Vater starb vor zehn Jahren.

Schulz: Durch den frühen Tod meiner Mutter kann ich mich sehr gut hineinversetzen in die Situation meiner Kinder. Ich weiß, was das bedeutet.

SPIEGEL: Wie haben Ihre Kinder reagiert?

Schulz: Die hatten das natürlich schon befürchtet. Das war ja eine stufenweise Entwicklung. Als ich im Spätherbst 2017 im Krankenhaus lag, wussten wir ja schon, dass es etwas Ernsthaftes ist. Als mir die Ärzte von den Metastasen in der Leber berichteten, war meine Frau bei dem Gespräch dabei. Wir sind dann nach Hause und haben uns mit den Kindern zusammengesetzt. Alle waren sehr gefasst, aber natürlich haben wir auch zusammen geweint.

SPIEGEL: Haben sich Menschen von Ihnen abgewendet?

Schulz: Viele haben Berührungsängste, die kommen damit nicht klar und meiden den Kontakt. Auf der anderen Seite kenne ich unglaublich viele Menschen. Meine Telefondatenbank hat 34.000 Einträge, ich habe 5000 Facebook-"Freunde". Ich habe auch einen größeren Freundeskreis als vielleicht andere Menschen. Die haben mich anfangs alle angerufen und gefragt: "Wie geht's dir?" Das war zwar nett, aber nach den ersten 15 Telefonaten habe ich gesagt, ich kann das nicht, ich kann nicht ständig dieselbe Geschichte erzählen, ich kann dieses kollektive Gruppenheulen nicht ertragen, da werde ich ja total depressiv.

SPIEGEL: Wie haben Sie das geregelt?

Schulz: Ich habe meine Schwester gebeten, die Verwandten anzurufen. Einen Tag später ruft sie mich zurück und sagt: "Ich kann nicht mehr." Und dann haben wir das ein bisschen verteilt, auch Verena, meine Büroleiterin, hat geholfen. Ich war damals noch Bezirksvorsitzender der FDP Oberbayern mit ein paar Tausend Mitgliedern, die natürlich alle mitbekommen hatten, dass irgendwas nicht stimmt. Ich habe allen geschrieben, dass sie bitte davon absehen sollen, ständig anzurufen. Für den erweiterten Freundeskreis schreibe ich eine Art Newsletter, ich nenne ihn "Lebenszeichen".

SPIEGEL: Die Ärzte gaben Ihnen noch drei Wochen, jetzt haben Sie bereits mehr als ein halbes Jahr überlebt. Wie ist das zu erklären?

Schulz: Es heißt, 50 Prozent sind Schulmedizin, 50 Prozent eiserner Wille und Optimismus.

SPIEGEL: Gibt es so etwas wie Alltag bei Ihnen, oder ist jeder Tag anders?

Schulz: Ich stehe morgens ganz langsam auf. Dann mache ich mir zwei bis drei Eier und räume die Küche auf. Manuelle Tätigkeiten machen mir unheimlich Spaß, auch um die heftigen Medikamente abzubauen, die ich morgens einnehme. Ich putze zum Beispiel eine halbe Stunde lang meine Pfanne. Alle finden das verwunderlich, aber für mich ist es in dem Moment das größte Glück. Danach gehe ich duschen und dann ins Büro, mein Wohnhaus liegt nur 300 Meter entfernt. Dann kann ich arbeiten, so drei, vier Stunden täglich.

SPIEGEL: Und Ihre IT-Firma?

Politiker Schulz bei Videoübertragung zur Fraktionssitzung: "Jimmy, du rauchst"
Werner Schüring / DER SPIEGEL
Politiker Schulz bei Videoübertragung zur Fraktionssitzung: "Jimmy, du rauchst"

Schulz: Die liegt gleich gegenüber. Mein Kompagnon ist eine meiner ganz großen Stützen. Ich kenne ihn seit meiner Kindheit, wir haben 1995 unsere erste Internetfirma gegründet. Wir benutzen ja kein WhatsApp, sondern Wire, wir haben da mit ein paar Freunden eine Gruppe, die heißt "Chemotaxi". Wenn ich da reinschreibe, ich muss jetzt mal zur Chemotherapie fahren, dann meldet sich sofort einer, der mich hinfahren, und einer, der mich abholen kann.

SPIEGEL: Warum arbeiten Sie trotz der schweren Krankheit weiter?

Schulz: Die Ärzte haben gesagt, hören Sie doch mal auf zu arbeiten, machen Sie endlich, was Ihnen Spaß macht. Aber Politik macht mir ja Spaß, ich lebe meinen Traum.

Schulz' Leidenschaft galt schon früh Computern und dem Internet. Auf seinem ersten eigenen Computer, einem Commodore 16, programmierte Schulz einen Vokabeltrainer. Als die Mutter für ihre Arztpraxis einen Computer anschaffte, richtete der Sohn darauf die Praxisverwaltung ein. Zum Dank kaufte ihm die Mutter einen Amiga 2000 mit PC-Karte für 3500 Mark. 1995 gründete er die CyberSolutions GmbH, mit der Mutterfirma Telesens AG ging er später an die Börse. Seine Firma installierte 2001 die ersten WLAN-Netze im Englischen Garten. Schulz veranstaltete im Bundestag auch die erste LAN-Party und war der erste Abgeordnete, der seine Rede nicht vom Papier, sondern von einem Tablet ablas. Das iPad liegt heute im Bonner Haus der Geschichte.

SPIEGEL: Wie wichtig wird das Digitale, wenn man krank ist?

Schulz: Elektronische Helferlein spielen eine zunehmend wichtige Rolle in meinem Leben. Zum Beispiel wenn es um die Kontrolle meiner Gesundheit geht. Um meinen Zuckerwert zu messen, musste ich mir bis vor Kurzem fünfmal am Tag in den Finger piksen. Danach auf der Computertastatur zu tippen ist kein Spaß. Seit vier Wochen kann ich das per App machen, das Handy piepst, wenn meine Zuckerwerte außer Rand und Band geraten. Das ist allerneueste Technologie und steigert meine Lebensqualität enorm. Zweimal täglich Gewichtskontrolle, Blutdruck, Puls – all das kann ich in einer App sammeln. Ich entwickle mich zu einem Hybridmenschen.

SPIEGEL: Haben Sie sich von anderen Kranken oder von Ärzten Rat geholt?

Schulz: Nein, ich versuche das selber rauszufinden. Ich recherchiere viel, bestelle mir das Zeug und probiere es aus. Wenn's nichts taugt, schicke ich es zurück.

SPIEGEL: Nutzen Sie Alexa, den Sprachassistenten von Amazon?

Schulz: Ich mache sehr viel über Smarthome-Geräte. Früher musste ich mit dem Ständer und der künstlichen Ernährung aufstehen, wenn ich vergessen hatte, das Licht auszumachen. Jetzt sage ich: Alexa, Lampe aus! Am Ende will ich mir eine eigene Lösung bauen, damit keine Daten mein Haus verlassen. Ich hab schon relativ viel automatisiert: Lichtschalter, Fernseher. Wenn ein Paketbote an meiner Tür klingelt, sehe ich das Videobild von der Haustür auf meinem Handy. Dann kann ich sagen: Legen Sie's vor die Tür, ich hol's in fünf Minuten ab.

SPIEGEL: Bei der Erforschung neuer Krankheiten spielt ja auch der digitale Fortschritt eine zunehmend wichtige Rolle. Forscher arbeiten an Nanorobotern, die in unseren Blutgefäßen unterwegs sind, um Krankheiten zu entdecken oder sogar zu heilen. Halten Sie das für den richtigen Weg?

Schulz: Warum nicht? Ich finde das unheimlich spannend.

SPIEGEL: Im Silicon Valley träumen Internetmilliardäre sogar davon, den Tod zu überwinden. Sie wollen das Gehirn eines Menschen digitalisieren und ihn per Avatar weiterleben lassen, unabhängig von seinem Körper. Würde Ihnen das gefallen?

Schulz: Nein. Die Gesellschaft hat immer davon profitiert, dass Menschen auch irgendwann mal gehen und deswegen etwas Neues entstehen kann. Wenn ich in hundert Jahren immer noch denselben Quark erzähle, wäre das das Ende von Innovation.

SPIEGEL: Auch die Art und Weise, wie wir um Menschen trauern, verändert sich mit der digitalen Revolution. Todesanzeigen bleiben im Netz erhalten, in den Niederlanden gibt es Grabsteine mit eingebauten Bildschirmen, wo man Filme des Verstorbenen anschauen kann.

Schulz: Ich könnte mir auf meinem Grab einen QR-Code vorstellen, den man mit seinem Handy scannen kann, das finde ich eine witzige Idee.

SPIEGEL: Was wollen Sie darauf spielen lassen?

Schulz: Da bin ich mir noch nicht sicher. Aber das Witzige ist, dass ich das ja so programmieren kann, dass es sich nach meinem Tod verändert. Mit einem Zitat der Woche zum Beispiel.

SPIEGEL: Spielt da nicht auch ein wenig der Traum von der Unsterblichkeit mit?

Schulz: Na ja, ich will ja nicht fortexistieren. Ich kann mir vorstellen, dass Menschen, die zu meinem Grab kommen, gerne mehr wissen würden als Foto, Name, Geburtsdatum, Todesdatum. Das ist ja das, was auf einem Grabstein draufsteht, vielleicht noch ein blöder Spruch dazu: "Denken Sie immer daran, mich zu vergessen." Den finde ich ziemlich cool, er stammt von dem Kunstprofessor Timm Ulrichs, einem Dadaisten.

SPIEGEL: Aber nicht für Ihren Grabstein?

Schulz: Nee, dann schon lieber meine Homepage drauf laufen lassen.

Schulz stammt aus einer sehr politischen Familie. Sein Vater war Professor für Volkswirtschaftslehre an der Bundeswehruniversität in München. Seine Mutter flüchtete kurz vor dem Mauerbau in den Westen, um ihrer Verhaftung durch die DDR-Behörden zu entgehen. Bei Besuchen der Verwandten in der DDR wurde die Familie regelmäßig schikaniert, trotzdem gelang es ihr immer wieder, verbotene Dinge in den Osten zu schmuggeln. Einmal baute Jimmy Schulz einen Matrizendrucker auseinander und versteckte die Einzelteile überall im Auto. 1989 trat er den Republikanern bei. Es war aus seiner damaligen Sicht die einzige Partei, die sich ernsthaft um die deutsche Wiedervereinigung bemühte. Nach einem Jahr trat er aus und studierte in München Politologie. Im Jahr 2000 wurde er Mitglied der FDP, als seine Mentorin bezeichnet er die ehemalige Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Von 2009 bis 2013 saß er erstmals für die Liberalen im Bundestag, nach der Wahl 2017 wurde er Vorsitzender des Ausschusses Digitale Agenda.

SPIEGEL: Haben Sie überlegt, den Ausschussvorsitz niederzulegen?

Schulz: Ich habe FDP-Chef Christian Lindner und dem Ersten Parlamentarischen Geschäftsführer Marco Buschmann angeboten, meine Ausschusssitze und meinen Ausschussvorsitz an die Fraktion zurückzugeben. Da haben beide gesagt, warum denn, mach das nicht.

Harley-Fahrer Schulz 2016: "Ich würde gern noch mal Motorrad fahren"
Sanjar Khaksari
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SPIEGEL: Wie haben die Kollegen im Bundestag reagiert?

Schulz: Ich erlebe unheimlich viel Unterstützung, vor allem von denjenigen, die ich noch aus der früheren Enquete-Kommission Internet und Digitale Gesellschaft kenne: Manuel Höferlin, Lars Klingbeil, Konstantin von Notz, Thomas Jarzombek oder Doro Bär zum Beispiel.

SPIEGEL: Viele Ihrer Kollegen sagen, echte Freundschaften gebe es in der Politik nicht.

Schulz: Das erlebe ich anders. Ich habe im Bundestag wenige, aber dafür echte Freunde. Klar gibt es in der Fraktion auch Konkurrenzdenken, aber das wirkt sich nicht mehr so zerstörerisch aus wie in den Jahren 2009 bis 2013. Heute gehen wir viel kollegialer miteinander um.

SPIEGEL: Wie oft sind Sie in Berlin?

Schulz: Selten. Ich bin sehr vorsichtig geworden, meide Menschenmassen. Öffentliche Verkehrsmittel nutze ich ganz selten, und wenn, dann nur mit Mundschutz. Das ist für die Mitreisenden beängstigend, wenn ich da im Flugzeug sitze. Neben dem Mundschutz trage ich Mütze, Kapuze und Handschuhe, weil ich ganz fürchterlich friere.

SPIEGEL: Wie leiten Sie den Ausschuss von München aus?

Schulz: Die Sitzungen machen nur einen Bruchteil der Zeit aus, sie leitet mein Stellvertreter Hansjörg Durz von der CSU. Ich kümmere mich um die Vorbereitung von Entscheidungen und Vermittlung im Hintergrund.

SPIEGEL: Wir haben gehört, dass Sie sich neuerdings bei den Fraktionssitzungen der FDP zuschalten lassen.

Schulz: Anfangs haben meine Mitarbeiter eine Sondererlaubnis bekommen, an den Fraktionssitzungen für mich teilzunehmen. Im August vergangenen Jahres dachte ich ja nicht, dass wir so etwas wie ein Videokonferenzsystem überhaupt noch brauchen. Wozu denn, ist ja Sommerpause, die überlebe ich eh nicht. Aber nachdem sich diese Erwartung nicht eingestellt hat, habe ich zu Marco Buschmann gesagt: Ich hätte gern eine Lösung dafür, dass ich auch an Fraktionsvorstand und Fraktionssitzung teilnehmen kann. Wir haben recherchiert und herausgefunden, dass der Bundestag diese Technik bereitstellen kann. Seit vier Wochen nehme ich jetzt per Videoschalte an den Sitzungen teil. Ich bin in dem Saal auf den Monitoren zu sehen.

SPIEGEL: Und wenn im Fraktionsvorstand oder in der Fraktion abgestimmt wird?

Schulz: Dann hebe ich die Hand oder rufe rein. Wir haben das in der Fraktion einstimmig beschlossen. Es gab von einigen den Einwand, dass andere das ja missbrauchen könnten und dann kaum einer noch zu den Sitzungen kommt. Ich halte es auch für wichtig, dass man da zusammenkommt. Es geht um die, die nicht können, nicht um die, die nicht wollen.

SPIEGEL: Und wenn im Bundestag abgestimmt wird?

Schulz: Wenn per Hand abgestimmt wird, fällt einer mehr oder weniger nicht auf. Anders ist das bei namentlichen Abstimmungen. Ich habe darüber kürzlich mit Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble telefoniert und ihm erzählt, wie wir das in der Fraktion gelöst haben. Ich würde gern daran arbeiten, dass Menschen mit Einschränkungen am politischen Leben teilhaben können. Wenn wir es mit der Barrierefreiheit und Nichtdiskriminierung ernst nehmen, muss es möglich sein, auch digital an Abstimmungen teilzunehmen.

SPIEGEL: FDP-Abgeordnete haben uns erzählt, wie Sie neulich während der Fraktionssitzung unter dem Tisch eine Zigarette geraucht haben und auf dem Monitor der Rauch zu sehen war. "Jimmy, man sieht, dass du rauchst", habe Christian Lindner daraufhin gewarnt.

Schulz: Und ich habe gesagt: Na und? Ich hab ein Dreivierteljahr nicht geraucht. Aber die Ärzte haben gesagt, ich soll machen, was mir Spaß macht. So viel ist sicher: Lungenkrebs holt mich nicht mehr ein.

Ende April nahm Jimmy Schulz am FDP-Parteitag in Berlin teil. Der Ombudsmann der Partei, Christopher Gohl, nutzte seinen Rechenschaftsbericht, um Schulz auf die Bühne zu bitten. Es gab lang anhaltenden Applaus und Standing Ovations.

SPIEGEL: Sind Sie sich bei solchen Auftritten bewusst, dass es das letzte Mal sein könnte?

Schulz: Ja.

SPIEGEL: Wussten Sie, dass der Ombudsmann Sie in seiner Rede erwähnen würde?

Schulz: Nein, er hat mir das vorher nicht gesagt.

SPIEGEL: Wie fanden Sie das?

Schulz: Ich habe geweint.

Abgeordneter Schulz: "Ich bin dankbar für jeden Tag"
Sonja Och / Der Spiegel

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SPIEGEL: Fanden Sie das unangemessen?

Schulz: Nein, es hat mich unheimlich gerührt, aber es war natürlich auch so eine Situation, wo ich dachte: Jetzt klatschen alle, weil sie von mir Abschied nehmen. Aber es hat mir viel Rückhalt gegeben.

SPIEGEL: Ihre letzte und bislang einzige Rede im Bundestag nach der Diagnose haben Sie am 29. November 2018 gehalten. Damals saß Ihr Sohn auf der Besuchertribüne.

Schulz: Er hatte mich noch nie live im Bundestag gesehen und wollte gern mitkommen. Ich habe die Schule gefragt, ob er dafür frei bekommt, und dann haben wir das gemacht.

SPIEGEL: Wie war das, als Sie in den Plenarsaal gegangen sind? Viele Kollegen hatten Sie ja anders in Erinnerung.

Schulz: Die, die mich erkannt haben, haben mich umarmt und sich unheimlich gefreut, aber sehr viele, auch aus der eigenen Fraktion, haben mich nicht erkannt. Ich habe auch Tweets von Zuschauern bekommen, die sagten: Da steht der Rednername Jimmy Schulz eingeblendet, aber das ist gar nicht Jimmy Schulz.

SPIEGEL: Wann haben Sie Ihre Patientenverfügung geschrieben?

Schulz: Ich hatte vor zehn Jahren schon mal eine Patientenverfügung gemacht, aber jetzt, wo ich weiß, was mich erwartet, habe ich die mit sehr viel mehr Details ergänzt. Es sind zehn handschriftliche Seiten geworden, für jede Eventualität.

SPIEGEL: Ist Sterbehilfe für Sie eine Option?

Schulz: Ich habe mich schon vor meiner Krankheit mit dem Thema Sterbehilfe auseinandergesetzt. Für mich ist das eine Option. Wenn ich unter erheblichen Schmerzen leide und mir die Kontrolle über mein Leben und meinen Körper entgleitet, wenn ich nur in einem von Drogen vernebelten Zustand dahindämmere und nur noch eine Stunde pro Tag bewusst erlebe, dann würde ich mich nicht scheuen zu sagen: Jetzt reicht's.

SPIEGEL: Sterbehilfe ist in Deutschland umstritten, auch wegen der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Verbrechen.

Schulz: Ich wische die Bedenken nicht vom Tisch. Aber Sterbehilfe grundsätzlich aus religiösen oder historischen Gründen auszuschließen halte ich für eine Einschränkung meiner Grundrechte. Ich bin für eine deutliche Liberalisierung. Dass man in die Schweiz fahren muss, finde ich unerträglich. Ich würde dazu gern auch noch mal im Bundestag reden, weil ich wahrscheinlich im Bundestag der Einzige bin, der aktuell in einer solchen Situation ist.

SPIEGEL: Haben Sie eine Liste von Dingen, die Sie noch unbedingt machen wollen?

Schulz: (lacht) "1000 things to do before you die." Ja, ich habe eine Liste, aber es sind nicht 1000 Dinge.

SPIEGEL: Sondern?

Schulz: Ich würde gern noch mal segeln gehen. Ich würde gern noch eine Rede im Deutschen Bundestag halten zu meinem Herzensthema, dem Recht auf Verschlüsselung.

SPIEGEL: Wie lange denken Sie voraus?

Schulz: Ich bin dankbar für jeden Tag. Ich weiß nicht, wie viele Wochen oder Monate mir noch bleiben. Ich würde gern, wenn das irgendwie machbar ist, im November auf dem Internet Governance Forum mit schlauen Köpfen aus der ganzen Welt über das Thema digitale Aufklärung diskutieren. Ich arbeite an einem Buch über die Geschichte der Netzpolitik mit autobiografischen Elementen. Ich würde gern mit meinen Kindern noch ganz tolle Sachen machen. Und ich würde gern noch mal Motorrad fahren.

SPIEGEL: Was für ein Motorrad haben Sie?

Schulz: Ich habe eine Harley, aber die schaffe ich nicht, die ist zu schwer. Hier auf dem Parkplatz habe ich mal eine Runde gedreht, aber mehr ist momentan nicht drin. So ein kleines Motorrad, das würde ich gern noch mal fahren.

SPIEGEL: Herr Schulz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 25/2019.
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