Cryan, 46, gilt als einer der führenden Experten für den Zusammenhang zwischen Mikrobiom, Gehirn und Psyche. Er lehrt Neurowissenschaft am University College Cork in Irland.

SPIEGEL: Herr Professor Cryan, was wissen Sie über Ihren Darm?

Cryan: Wenig, wie ich gestehen muss. Ich habe bisher der Versuchung widerstanden, meine eigene Darmflora zu analysieren. Natürlich weiß ich, dass dort eine vielfältige Gemeinschaft von Mikroben wohnt. Aber ich bin eher der Typ Hausbesitzer, der seine Mieter, solange es ihnen gut zu gehen scheint, nicht ständig überwacht.

SPIEGEL: Sind Sie nicht neugierig? Das Mikrobiom, die Gesamtheit der uns besiedelnden Mikroben, ist schließlich Ihr Forschungsgebiet.

Cryan: Es mag Sie erstaunen, aber es ist gar nicht so klar, was ich mit den Informationen über mein Mikrobiom eigentlich anfangen könnte. Das gibt Ihnen einen Eindruck davon, wo dieses Forschungsfeld steht: Es gibt viel Aufregung. Es wird immer klarer, dass die Darmmikroben eine wesentliche Rolle sowohl für unsere Gesundheit wie auch in vielen Krankheitsprozessen spielen. Aber wirklich verstanden haben wir diese Rolle noch nicht.

SPIEGEL: Sie haben ein Buch über das Mikrobiom veröffentlicht. Sie beschreiben es darin als unerhört komplexes Gefüge, das in ständigem Austausch mit unserem Darmgewebe, mit unserem Immunsystem und unserem Gehirn steht. Wie soll man sich das vorstellen: Ist das Mikrobiom ein weiteres Organ, das von der Medizin nur lange Zeit übersehen wurde?

Cryan: Ja, einige Leute sprechen von einem Organ. In meinen Augen ist das Mikrobiom sogar noch etwas viel Größeres. Denn vergessen Sie nicht: Die Bakterien waren zuerst da, wir kamen erst viel später. Wir neigen dazu, uns vorzustellen, die Mikroben hätten sich in unserem Körper eingerichtet. Aber in Wirklichkeit ist es genau umgekehrt: Wir haben uns in ihrer Welt eingerichtet.

SPIEGEL: Und wie kommunizieren unsere Darmbewohner nun mit uns?

Cryan: Das beginnen wir gerade erst zu verstehen. Viele der Mechanismen sind uns noch unbekannt. Aber wir wissen, dass die Mikroben zunächst direkt mit dem Schleim interagieren, von dem die Innenwand des Darms überzogen ist. Und dann kommunizieren sie mit den Epithelzellen, also mit der Zellschicht, die das Darminnere umschließt. Entscheidend wird es nun sein, genauer zu erfahren, was für Substanzen diese Bakterien ausscheiden. Sie ähneln winzigen Fabriken, die lauter wundersame Stoffe herstellen, die unser Körper ohne sie nicht produzieren könnte. Wenn die Darmwand nun leckt oder sonst wie verändert ist, dann können die Bakterien auch ins Gewebe eindringen und das enterische Nervensystem aktivieren, das sogenannte zweite Gehirn, das unseren Darm wie eine Art Socke umschließt. Und dieses zweite Gehirn wiederum sendet dann seine Signale bis hoch ins zentrale Nervensystem.

SPIEGEL: Ihr besonderes Interesse gilt dem Einfluss der Mikroben auf unsere seelische Gesundheit. Wann haben Sie erstmals gemerkt, dass es so einen Einfluss gibt?

Cryan: Ursprünglich bin ich Stressforscher, deshalb interessierte mich, wie Stress auf unser Immunsystem einwirkt und wie dieses wiederum mit dem Gehirn kommuniziert. Vor 15 Jahren starteten wir ein Projekt zur Erforschung der chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED). Niemand kannte die genauen Ursachen dieser Leiden. Uns aber fiel auf, dass ungewöhnlich viele der Patienten als Baby oder Kleinkind Stress erlebt hatten. Wir entwickelten deshalb ein Tiermodell für frühkindlichen Stress, indem wir neugeborene Mäuse nach wenigen Tagen von ihren Müttern trennten. Das hat Auswirkungen nicht nur auf das Gehirn, sondern auch auf das Immunsystem bis hinunter in den Darm. CED ist also der klassische Fall einer Störung der Darm-Hirn-Kommunikation.

SPIEGEL: Und wo kommen die Mikroben ins Spiel?

Cryan: Ja, genau da wird es spannend. Als wir nämlich die Darmflora dieser Tiere genauer untersuchten, stellten wir fest, dass ihre Vielfalt reduziert war - und zwar auch noch, als sie längst ausgewachsen waren. Eine frühkindliche Störung hatte also das Mikrobiom lebenslang verändert.

SPIEGEL: Können Sie wirklich sicher sein, dass die Trennung von den Müttern die Ursache war?

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 33/2019.
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