Wer im deutschen Reich des Mittelalters ein jüdisches Viertel besuchte, der betrat eine Stadt in der Stadt. Verwinkelte Gassen führten an dicht beieinanderstehenden Häusern vorbei und liefen vor der Synagoge zusammen.

In der Synagoge, die nicht nur Gotteshaus, sondern auch Mittelpunkt der Gemeinde war, trafen sich die Gläubigen morgens und abends zum Gebet. Bevor sie den Gebetsraum betreten durften, hatten sie sich die Schuhe im Vorraum an einem Schuheisen zu reinigen. Dort kochte auch die Gerüchteküche: In dem Raum trafen sich die Nachbarn vor und nach dem Gottesdienst und erzählten sich Neuigkeiten. Verpasste ein Gemeindemitglied unentschuldigt die täglichen Gebetszeiten, musste es Buße tun – zugunsten der Gemeindekasse.

Noch heute lassen die engen Gassen des ehemaligen Judenviertels in Worms – hebräisch Warmaisa – das Leben im Mittelalter erahnen. Ein Tor in der Stadtmauer, die "Judenpforte", führte zum Rheinhafen, wo die jüdischen Kaufleute, die spätestens von der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts an hier bezeugt sind, mit Gewürzen und Edelmetallen handelten.

Seit dem 9. Jahrhundert zogen jüdische Familien vor allem aus Italien, Süd- und Zentralfrankreich an den Rhein, sie ließen sich zunächst in Kathedralstädten mit antiker Tradition nieder, in Worms, Speyer, Mainz und Köln.

Das gerade entstehende ostfränkische Reich war attraktiv für die international vernetzten Fernhändler. Sie kamen aus Gegenden, in denen die Städte schon weiter entwickelt waren; nicht zuletzt wegen ihres wirtschaftlichen Potenzials waren die Zuwanderer in den wachsenden Städten am Rhein hochwillkommen. Der Bischof von Speyer lud die Juden 1084 ein, "das Ansehen dieses unseres Ortes zu vertausendfachen".

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL Geschichte-Ausgabe 4/2019.
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