In "Heidi M.", jenem Film, der sie zurück ins Leben holte, gibt es eine Szene, die alles über Katrin Sass erzählt. Über sie als Schauspielerin, über sie als Ostdeutsche, über sie als Alkoholikerin, die sie über viele Jahre hinweg war.

Es ist die Nachwendezeit, das Leben ist aus den Fugen geraten, und Katrin Sass geht in der Rolle der Heidi M. in eine Bar, um sich abzulenken. Sie bestellt einen "Moskito" und zieht lasziv an einer Zigarette, um den anwesenden Handelsvertreter auf sich aufmerksam zu machen. "Sie meinen Mojito?", fragt der Barkeeper. "Hm", murmelt Heidi M. verschämt und spricht den Barkeeper ungerührt mit "Herr Ober" an. Alte Ostgewohnheit. Und Mojito gab's halt früher nicht.

Für Katrin Sass verschwimmen in dieser Szene Rolle und Realität. Eine Frau kommt aus einem geordneten Leben, dem politischen Umsturz folgt ein privater Absturz, mühsam versucht sie Anschluss zu finden an das neue System. Und erträglich ist das alles nur mit exotischen Drinks, die es von nun an im Überfluss gibt.

Christiane Paul gelang mit den Filmen "Knockin' on Heaven's Door" und "Das Leben ist eine Baustelle" von Regisseur Wolfgang Becker 1997 der Durchbruch.
API (c) Jessica Kassner

Christiane Paul gelang mit den Filmen "Knockin' on Heaven's Door" und "Das Leben ist eine Baustelle" von Regisseur Wolfgang Becker 1997 der Durchbruch.

Devid Striesow war eine Weile Kommissar im Saarbrücker "Tatort", aktuell brilliert er als Schauspieler in der Theaterproduktion "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?"
dpa

Devid Striesow war eine Weile Kommissar im Saarbrücker "Tatort", aktuell brilliert er als Schauspieler in der Theaterproduktion "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?"

Karoline Herfurth wurde 1984 in Ost-Berlin geboren und spielte in Blockbustern wie "Das Parfüm" oder "Fack ju Göhte" mit, aber auch in kleineren Produktionen wie "Im Winter ein Jahr", für die sie 2008 den Bayerischen Filmpreis erhielt.
2017 Isa Foltin

Karoline Herfurth wurde 1984 in Ost-Berlin geboren und spielte in Blockbustern wie "Das Parfüm" oder "Fack ju Göhte" mit, aber auch in kleineren Produktionen wie "Im Winter ein Jahr", für die sie 2008 den Bayerischen Filmpreis erhielt.

Zusammen mit Anneke Kim Sarnau (M.) prägt Charly Hübner (R.) als Kommissar Bukow den Rostocker "Polizeiruf 110".
obs

Zusammen mit Anneke Kim Sarnau (M.) prägt Charly Hübner (R.) als Kommissar Bukow den Rostocker "Polizeiruf 110".

Klaus Manchen spielt im Rostocker "Polizeiruf 110" den Vater von Kommissar Bukow. Schon in der DDR war Manchen einer der renommiertesten Theaterschauspieler des Landes.
ARD/Claudius Pflug

Klaus Manchen spielt im Rostocker "Polizeiruf 110" den Vater von Kommissar Bukow. Schon in der DDR war Manchen einer der renommiertesten Theaterschauspieler des Landes.

Uwe Kockisch spielte in der Verfilmung von Manfred Krugs autobiografischem Buch "Abgehauen" Krugs Freund Jurek Becker. Später wurde er einem großen Publikum als Kommissar Brunetti in "Dona Leon" und Stasigeneral Kupfer in "Weißensee" bekannt.
imago/Sven Simon

Uwe Kockisch spielte in der Verfilmung von Manfred Krugs autobiografischem Buch "Abgehauen" Krugs Freund Jurek Becker. Später wurde er einem großen Publikum als Kommissar Brunetti in "Dona Leon" und Stasigeneral Kupfer in "Weißensee" bekannt.

Mit "Kalt ist der Abendhauch" wurde Fritzi Haberland im Jahr 2000 bekannt. Seither zählt sie zu den gefragtesten Theaterschauspielerinnen der Bundesrepublik.
picture alliance/Geisler-Fotopress

Mit "Kalt ist der Abendhauch" wurde Fritzi Haberland im Jahr 2000 bekannt. Seither zählt sie zu den gefragtesten Theaterschauspielerinnen der Bundesrepublik.

Sylvester Groth ist eines der prägnantesten Fernsehgesichter des Landes. Er spielte unter anderem in der prämierten Reihe "Unsere Mütter, unsere Väter" eine Hauptrolle.
ddp

Sylvester Groth ist eines der prägnantesten Fernsehgesichter des Landes. Er spielte unter anderem in der prämierten Reihe "Unsere Mütter, unsere Väter" eine Hauptrolle.

Corinna Harfouch spielte nach der Wende die Freundin von Robert Atzorn in "Unser Lehrer Dr. Specht". Dass sie damit unterfordert war, stellte sie später in Rollen in "Der Untergang", "Eva Braun", "Des Teufels General" oder "Whisky mit Wodka" unter Beweis.
imago/Prod.DB

Corinna Harfouch spielte nach der Wende die Freundin von Robert Atzorn in "Unser Lehrer Dr. Specht". Dass sie damit unterfordert war, stellte sie später in Rollen in "Der Untergang", "Eva Braun", "Des Teufels General" oder "Whisky mit Wodka" unter Beweis.

In "Whisky mit Wodka" des Regisseurs Andreas Dresen brillierte neben Harfouch auch der Theaterstar Henry Hübchen.
ddp

In "Whisky mit Wodka" des Regisseurs Andreas Dresen brillierte neben Harfouch auch der Theaterstar Henry Hübchen.

Viele Schauspielerinnen und Schauspieler, die heute gut im Geschäft sind, wurden an der Berliner Schauspielschule Ernst Busch ausgebildet. So auch Gerit Kling.
ARD/Thorsten Jander

Viele Schauspielerinnen und Schauspieler, die heute gut im Geschäft sind, wurden an der Berliner Schauspielschule Ernst Busch ausgebildet. So auch Gerit Kling.

Jan Josef Liefers und seine Ehefrau Anna Loos sind nicht nur in der Schauspielerei erfolgreich, sondern auch als Sänger und Sängerin.
dpa

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Katrin Sass bei Proben.

Katrin Sass bei Proben.

Mit der Komödie "Good Bye, Lenin!" wurde Katrin Sass 2003 auch dem westdeutschen Publikum bekannt.
Olaf Selchow / BILD

Mit der Komödie "Good Bye, Lenin!" wurde Katrin Sass 2003 auch dem westdeutschen Publikum bekannt.

Maria Simon ermittelt als Kommissarin Olga Lenski im "Polizeiruf 110" in Brandenburg.
rbb/Frank Zauritz

Maria Simon ermittelt als Kommissarin Olga Lenski im "Polizeiruf 110" in Brandenburg.

Nora Tschirner bei der Premiere ihres aktuellen Kinofilms "Gut gegen Nordwind".
imago images / Future Image

Nora Tschirner bei der Premiere ihres aktuellen Kinofilms "Gut gegen Nordwind".

Die Schauspielerin Sandra Hüller gewann 2006 den Silbernen Bären bei den 56. Berliner Filmfestspielen als beste Schauspielerin für ihren Film "Requiem". 2016 glänzte sie im preisgekrönten Film "Toni Erdmann".
AP

Die Schauspielerin Sandra Hüller gewann 2006 den Silbernen Bären bei den 56. Berliner Filmfestspielen als beste Schauspielerin für ihren Film "Requiem". 2016 glänzte sie im preisgekrönten Film "Toni Erdmann".

Klappe? Oststar! - Schauspielerinnen und Schauspieler mit DDR-Biografie

Genauso ist es Katrin Sass ergangen. In der DDR war sie eine begehrte Theater- und Defa-Schauspielerin, zählte zum Ensemble der Bühnen in Frankfurt (Oder), Halle und Leipzig. Schon 1982 wurde sie für ihren Film "Bürgschaft für ein Jahr" bei der Berlinale mit dem "Silbernen Bären" als beste Schauspielerin neben Michel Piccoli ausgezeichnet, da war sie noch Studentin, durfte sogar zur Verleihung nach West-Berlin fahren. "Dennoch schnitt man mich nach meiner Rückkehr in die DDR zwei Jahre lang." Adäquate Rollenangebote wurden ihr verweigert.

Sie hatte den richtigen Preis im falschen Land gewonnen. Wie vieles in der DDR war auch die Film- und Theaterlandschaft politisch beeinflusst, und wer zu weit ausscherte, wurde umso enger eingehegt. Ihren Frust versuchte sie im Alkohol zu ertränken.

Heute zählt Katrin Sass, 62, wieder zu den gefragtesten Schauspielerinnen des vereinten Landes. "Heidi M.", "Good Bye, Lenin!", die regimekritische Liedermacherin Dunja Hausmann in der mehrteiligen Saga "Weissensee" und schließlich ihre Rolle als Neonazi-Mutter in der Netflix-Serie "Dogs of Berlin" haben sie zurückgeführt in ein geordnetes Leben. "Vor ein paar Wochen habe ich gefeiert, 20 Jahre trocken zu sein", erzählt Sass.

Gerade kam sie mit ihrem schwarzen Beetle aus Köpenick in die Stadt zur Verabredung, parkt aus lauter Not direkt vorm Café im Halteverbot. Mit dabei Hundewelpe Lucky, über den sie sich freut wie über ein kleines Baby. An den Nachbartischen tuscheln die Leute: "Das ist doch die Dunja Hausmann".

Dieser Artikel stammt aus dem SPIEGEL SPEZIAL 30 Jahre Mauerfall: Ziemlich beste Deutsche - Warum es uns so schwerfällt, ein Volk zu werden.Hier können Sie das Heft bestellen.

Dieser Artikel stammt aus dem SPIEGEL SPEZIAL 30 Jahre Mauerfall: Ziemlich beste Deutsche - Warum es uns so schwerfällt, ein Volk zu werden.
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Wieder verschwimmen Rolle und Realität. Doch diesmal ist Sass mit sich im Reinen, sie bewohnt ein Haus am Ufer des Müggelsees, hat neuerdings einen Sportbootführerschein und mischt sich in politische Dinge ein, wenn es ihr wichtig ist. Für den 5. November lud sie "Cinema for Peace" nach Moskau ein, um Michail Gorbatschow für seine Rolle in der Wendezeit zu danken. Und wenn sie merkt, dass in ihrer Bekanntschaft SUV-fahrende Unternehmer mit der AfD sympathisieren, dann stellt sie die zur Rede: "Hör mal, bist du verrückt? Willst du '33 zurück?"

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 54/2019.
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