Von Christoph Hickmann, Veit Medick, Cornelia Schmergal, Christian Teevs, Gerald Traufetter

Es ist kein ganz unwichtiger Tag im politischen Leben des Kevin Kühnert, aber es ist auch richtig heiß in Berlin, also hat sich Kühnert eine kurze Hose angezogen. Er sitzt im sechsten Stock des Willy-Brandt-Hauses und sagt, dass man leider noch etwas auf ihn warten müsse: "Muss noch kurz Daily Soap drehen." Er hat ein eigenes Videoformat, "Auf einen Kaffee mit Kevin Kühnert", Titel der neuen Folge: "Parteivorsitz". Kühnert hat seinen Fans etwas mitzuteilen.

Ein Mitarbeiter der Jusos macht sich auf die Suche nach einem geeigneten Besprechungsraum. Dort wartet man, bis Kevin Kühnert seine Daily Soap abgedreht hat, in Begleitung eines Pressesprechers den Raum betritt, sich setzt und nach etwas Vorgeplänkel den Satz sagt, den er nun auch im Gespräch mit dem SPIEGEL loswerden will: "Ich trete nicht an." Dann sagt er: "Das war keine leichte Entscheidung."

Es ist der Moment, in dem aus Kevin Kühnert, dem Schrecken aller Großkoalitionäre, der Hoffnung so vieler Genossen, ein 30 Jahre alter Juso-Chef wird. Es ist zugleich der Moment, in dem das Rennen um den Parteivorsitz so richtig beginnt.

Den ganzen Sommer über hatte die SPD gewartet und gerätselt, wie Kühnert sich wohl entscheiden würde. Während ein Kandidatenpärchen nach dem anderen auf die Bühne trat, schwebte der Name "Kühnert" immer als Option über allem. Er war der unbekannte Faktor, von dem klar war, dass er alles verändern würde, wenn er denn anträte – weil er so bekannt ist wie kaum ein anderer aktiver Genosse. Und weil er mit knapp 80.000 Jusos im Rücken angetreten wäre, was fast einem Fünftel der SPD-Mitgliedschaft entspricht.

Seitdem klar ist, dass Kühnert nicht antritt, ist das Kandidatenfeld so gut wie komplett. Zwar läuft die Bewerbungsfrist erst am Sonntag ab, doch es ist nicht übermäßig wahrscheinlich, dass bis dahin noch größere Kaliber auf den Plan treten. Mindestens acht Duos wollen sich bewerben, wie viele am Ende die formalen Hürden nehmen, wird sich bis Sonntag zeigen. Am Mittwoch präsentieren sich die Kandidaten in der ersten von 23 Regionalkonferenzen ihrer Partei. Es wird um mehr gehen als nur die SPD und ihre Zukunft. Es wird auch darum gehen, ob und wie es mit der Großen Koalition weitergeht.

In der Union verfolgen sie seit dem Rücktritt von Andrea Nahles vor drei Monaten misstrauisch alles, was sich bei den Genossen tut. CDU wie CSU fürchten, dass sich ein Kandidatenduo mit einem klaren Bekenntnis gegen die Große Koalition durchsetzen und die Partei dann umgehend aus dem ungeliebten Bündnis führen könnte. Wäre Kühnert eingestiegen, wäre das zur realen Gefahr geworden.

Doch nun, nach seinem Verzicht, müssen sie sich in der Union womöglich deutlich weniger Sorgen machen als gedacht. Schaut man sich das bisherige Bewerberfeld an, stehen die Chancen für die Koalition sogar so gut wie seit Monaten nicht mehr. Plötzlich erscheint wieder denkbar, was zwischenzeitlich angesichts mieser Wahlergebnisse, Umfragewerte und innerer Auflösungserscheinungen der SPD schon ausgeschlossen zu sein schien: dass diese Koalition am Ende doch die gesamte Legislatur durchhalten könnte. Ausgerechnet der GroKo-Feind Kühnert hätte dann dazu beigetragen, die Koalition zu retten.

Wie konnte es dazu kommen?

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 36/2019.
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