Auf dem Höhepunkt des Sturms klingt Kevin Kühnert nicht wie jemand, der einen Fehler gemacht, ein bisschen überdreht hat. Am Donnerstagmorgen sagt er: "Ich habe das sehr ernst gemeint, was ich formuliert habe. Das sind alles Dinge, die sich locker im Bereich des Denk- und Sagbaren befinden."

Der Juso-Bundesvorsitzende spricht am Telefon über jene Sätze, die seit dem Vortag nicht nur das politische Berlin, sondern auch Teile der Medienöffentlichkeit zum Hyperventilieren bringen: Im Interview mit der "Zeit" hatte er seine Vorstellung vom demokratischen Sozialismus ausbuchstabiert, für die Kollektivierung von Automobilunternehmen wie BMW plädiert und angeregt, dass niemand mehr als eine Immobilie besitzen sollte. Konservative Kommentatoren schäumten, und die Union sah die Chance, endlich einmal zu beweisen, dass sie manche Dinge noch anders sieht als die SPD. Es war, als hätte Kühnert gefordert, den ADAC unter das Kommando der Fahrradfahrer zu stellen.

Mit wenigen Sätzen hat er es geschafft, so ziemlich alle konservativen Halsschlagadern der Republik gefährlich anschwellen zu lassen. Dabei hat er letztlich nur vertreten, wofür die Jungsozialisten, kurz Jusos, seit je stehen. Entsprechend selbstbewusst klingt er auch am Tag danach.

"Die empörten Reaktionen zeigen doch, wie eng mittlerweile die Grenzen des Vorstellbaren geworden sind", sagt er. "Da haben 25 Jahre neoliberaler Beschallung ganz klar ihre Spuren hinterlassen. Aber der Kapitalismus ist in viel zu viele Lebensbereiche vorgedrungen. So können wir auf keinen Fall weitermachen."

Kühnert, 29, legt also noch einmal nach. Was in der Empörung untergeht: Er steht mit seinen Positionen nicht allein. Schon gar nicht in der SPD.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 19/2019.
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