Von Markus Feldenkirchen, Julia Amalia Heyer, Christoph Hickmann, Marc Hujer, Martin Knobbe, Tim Kummert, Veit Medick, Ralf Neukirch, Christian Teevs

Kevin Kühnert sagt, er sei keiner, der sich auf Auseinandersetzungen freue, auf Raufereien, er habe keinen Spaß daran, erst eine Lunte zu legen, dann drauf zu warten, dass die Bombe platzt und alle sich über das Ergebnis hermachen wie neulich über sein Interview mit der "Zeit". In dem hatte er angeregt, große Unternehmen wie BMW zu kollektivieren. Er habe nur keine Scheu, Dinge offen anzusprechen, geradeheraus.

Vielleicht, sagt Kühnert, habe er als Einzelkind früh die Erfahrung gemacht, dass man Dinge direkt ansprechen müsse. Es gab keine Umwege, keine Geschwister, mit denen er heimlich hätte Allianzen bilden können. Wenn er etwas habe durchsetzen wollen, habe es für ihn nur den einen, direkten Weg gegeben: den Konflikt mit den Eltern.

So entwickelte sich vermutlich jene Furchtlosigkeit, mit der Kühnert heute seine Partei und den Rest der Republik aufmischt. Den Konflikt sucht er nicht mehr mit seinen Eltern, sondern mit dem Establishment der SPD. Er sucht ihn mit der Bundeskanzlerin oder der CDU-Vorsitzenden. Mit dem radikalen Impetus des weitaus Jüngeren stellt Kühnert vieles von dem infrage, was bislang galt in der Hauptstadt.

Disruption ist dieser Tage das Schlüsselwort in der deutschen Politik. Gemeint ist der Zerfall von Gesetzmäßigkeiten und Machtzentren, der Abschied von Gewissheiten, die radikale Verschiebung im Parteiengefüge. Alles scheint gerade möglich: dass die Grünen stärkste Kraft im Bund werden. Dass es die SPD bald nicht mehr gibt. Und niemand steht so sehr für Disruption wie Kevin Kühnert.

Im ARD-Deutschlandtrend stürzten die Sozialdemokraten in dieser Woche auf 12 Prozent ab, auf den tiefsten Wert also, der hier je für sie gemessen wurde. Die Grünen hingegen lagen mit 26 Prozent einen Prozentpunkt vor der Union, die dieser Tage ebenfalls nicht weiß, wie ihr geschieht.

Plötzlich wird diskutiert, Kevin Kühnert könnte der nächste SPD-Chef werden. Er selbst sagt dazu vorerst nichts, schließt als einer der wenigen führenden Sozialdemokraten aber eine Kandidatur explizit nicht aus. Dass Kühnert überhaupt eine Option ist, zeigt die Dramatik der Lage. Auch das bislang Undenkbare ist plötzlich sehr wohl denkbar.

Die Anpassung an diese neuen Zeiten fällt vielen noch erkennbar schwer. "Dass ein 29-Jähriger plötzlich gehandelt wird als ein möglicher Parteivorsitzender der SPD, der noch nie ein exekutives Amt gehabt hat, ist ein Indiz dafür, dass da einiges aus dem Ruder gelaufen ist", sagte Ex-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück in der vorigen Woche. "Wahnsinn, einfach völlig unverhältnismäßig."

Lade...

Gutes lesen. Mehr verstehen.

Sie haben keinen Zugang? Jetzt gratis testen!

  • Jeden Tag mehr Durchblick: Besondere Reportagen, Analysen und Hintergründe auf SPIEGEL ONLINE zu Themen, die unsere Gesellschaft bewegen, von Reportern in aller Welt.
  • Dazu die digitale Ausgabe des wöchentlichen Magazins.
  • Einmal anmelden, überall nutzen – mobil, Web, Tablet, auf allen Ihren Geräten.
  • Flexible Laufzeit, jederzeit online kündbar
Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 24/2019.
Hinweis

SPIEGEL+ kann in Ihrer App leider nicht dargestellt werden. Bitte installieren Sie die aktuelle App-Version oder wechseln Sie auf die mobile Website m.spiegel.de, um SPIEGEL+ lesen zu können. Vielen Dank!

SPIEGEL+ kann in Ihrem Browser leider nicht dargestellt werden. Bitte installieren Sie die aktuelle Version Ihres Browsers oder wechseln Sie zu einem anderen aktuellen Browser, um SPIEGEL+ lesen zu können. Vielen Dank!

SPIEGEL+ kann auf Ihrem Gerät leider nicht angezeigt werden. Bitte aktualisieren Sie, wenn möglich, Ihr Betriebssystem. Vielen Dank!