Jede Woche eine Erkenntnis: An dieser Stelle erklärt Johann Grolle, SPIEGEL-Korrespondent in Boston, der Hauptstadt der Wissenschaft, was die Welt der Forschung bewegt - und was für ihn derzeit der genialste Gedanke, die bahnbrechendste Erfindung, die wichtigste Debatte ist.

"Zuerst die schlechte Nachricht", sagte Max Tegmark: "Die Menschheit rast auf einen Abgrund zu." Kurz hielt er inne, um die Botschaft sacken zu lassen. "Und jetzt die gute", sagte er dann: "Es sitzt niemand am Steuer."

Tegmark ist Kosmologe am MIT, sein Job ist es dort, Paralleluniversen zu ersinnen. Am letzten Donnerstag im hiesigen "The Brattle"-Kino aber trat er in seiner Rolle als Kassandra auf, die er gleichsam nebenberuflich ausfüllt. Vor knapp fünf Jahren hat Tegmark, zusammen mit einigen Kollegen, das "Future of Life Institute" gegründet. Dessen vorrangige Mission ist es, vor der Machtergreifung künstlicher Intelligenzen (KI) zu warnen. "Mein Part hier ist die Panikmache", sagte Tegmark ganz unverblümt.

Es war ein Abend mit außergewöhnlichem Programm. Geladen hatte John Brockman, der sich selbst als "Impresario" im Grenzland zwischen Wissenschaft und Kultur bezeichnet. Er betreibt eine Agentur, die Forschern lukrative Buchverträge vermittelt. In dieser Funktion ist er eine Institution im amerikanischen Wissenschaftsbetrieb. Wer in der Forscherwelt Rang und Namen hat, ist bei Brockman unter Vertrag.

SPIEGEL-Autor Johann Grolle

SPIEGEL-Autor Johann Grolle

Entsprechend ist Brockman vermutlich der einzige, der für einen Abend in einem kleinen Programmkino eines Universitätsstädtchens wie Cambridge ein so hochkarätiges Kollektiv von Vortragenden zusammenrufen kann. Und nur er vermag es, diese erfolgsverwöhnten Stars dazu zu bewegen, jeweils nach einem nur acht Minuten kurzen Impulsvortrag die Bühne wieder zu verlassen.

Brockman packt die großen Themen an. Diesmal steht "die Geschichte hinter allen Geschichten der Gegenwart" auf dem Programm. Und das ist Brockman zufolge die Frage, welche Zukunft uns die künstliche Intelligenz bescheren wird. Ein Dutzend Denker melden sich an diesem Abend zu Wort, und es sind keineswegs nur Informatiker und Ingenieure. Außer Tegmark sind noch weitere Physiker vertreten, dazu auch ein Linguist, ein Galerist, eine Psychologin, ein Historiker und einer, der sich selbst "Sozialphysiker" nennt.

Als Tegmarks Widerpart tritt der Kognitionswissenschaftler Steven Pinker von der Harvard-Universität auf. Seit er vor acht Jahren "Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit" geschrieben hat, zieht Pinker als Personifizierung des Fortschrittsoptimismus durchs Land. "Alles wird besser", lautet seine Botschaft, und das gelte natürlich auch für die KI.

Zwar sei vorstellbar, dass irgendwann intelligente Roboter fähig sein werden, die Menschheit zu versklaven. Doch, fragte Pinker: "Warum sollten sie so etwas tun?" Der Mensch sei ein Produkt der Evolution, die in sein Gehirn nicht nur Intelligenz, sondern auch den Trieb, andere zu beherrschen, gepflanzt habe. Einem Computer jedoch seien solche Triebe fremd. "Verwechseln Sie nicht die Schaltkreise im Gehirn eines bestimmten Primaten mit dem Wesen der Intelligenz an sich", rief Pinker seinem Publikum zu.

Fast alle Redner des Abends sagten der KI eine große Zukunft voraus, doch es gab auch Skeptiker wie Alison Gopnik. Sie spottete, bisher mangele es der künstlichen Intelligenz vor allem an einem: an Intelligenz. Als Entwicklungspsychologin in Berkeley untersucht Gopnik das Lernvermögen von Kindern, und ihre Studien, sagte sie, hätten sie gelehrt, dass Vierjährige jedem KI-System bei Weitem überlegen sind.

Gopnik gab den Kollegen aus den Informatikfakultäten mit auf den Weg, was sie ihren künstlichen Schlaumeiern noch beibringen müssen: "Erstens: Kinder können aus wenigen Fakten allgemeine Schlüsse ziehen. Zweitens: Sie spielen und verschaffen sich so selbst die Daten, die sie brauchen. Und drittens lernen Kinder nicht isoliert, sondern in sozialem Kontext." Solange Computer diese Fähigkeiten nicht erwürben, prophezeit Gopnik, werden sie sich nie mit Vierjährigen messen können.

Neil Gershenfeld sieht noch ein anderes Hindernis: "Die KI hat ein Leib-Seele-Problem - weil ihr nämlich der Leib fehlt." Die wahre Revolution, meint Gershenfeld, stehe erst noch bevor. Sie werde entfesselt, sobald die Computer Körper bekämen.

Genau daran arbeitet der Physiker und Informatiker in seinem MIT-Labor. Am "Center for Bits and Atoms" will er den Herstellungsprozess jedweder Ware als digitalen Strang von Nullen und Einsen formulieren. Atemlos schwärmt er von seiner Vision, den großen Kreislauf der Dinge zu schließen: "Atome bauen Bits, die Atome bauen." Dann werde eine zugleich beängstigende und hoffnungsfrohe Zukunft anbrechen, in der jedermann fast alles selbst herstellen kann, verspricht Gershenfeld, und er sagt es mit so hastiger Begeisterung, dass man Angst bekommt, er könne vergessen, Luft zu holen.

Zum Abschluss des Abends stellte der Mathematiker Stephen Wolfram den Begriff der Intelligenz als solcher infrage. Er ist genau der Richtige für ein Schlusswort, denn Wolfram ist nicht nur ein erfolgreicher Softwareunternehmer, er hat auch den Ruf eines Weltenerklärers, der von Genialischem umwittert ist. Diesmal überraschte er die Zuhörer mit der Einsicht, dass nicht nur der Mensch so etwas wie Intelligenz besitze: "Auch das Wetter zum Beispiel hat seinen eigenen Kopf."

Die Wolken am Himmel sind Wolfram zufolge nichts anderes als hochkomplizierte Rechenmaschinen, die Wetterdaten verarbeiten. "Das scheint Ihnen verrückt?", fragt der Forscher ins Publikum. "Sie meinen: Wetter ist doch nichts als Physik?" Allen Ungläubigen stellt Wolfram die Gegenfrage: "Was, wenn Außerirdische Signale von uns Menschen auffangen und ebenfalls sagen: 'Nichts als Physik'?"

Wolfram hätte noch viel zu sagen. Er ist berühmt dafür, dass er aus dem Stegreif stundenlang dozieren kann. So hebt er denn an zum nächsten Gedanken, doch dann wirft er einen Blick auf seine Uhr, und entsinnt sich, dass Brockmans Acht-Minuten-Vorgabe auch für ihn gilt. Mitten im Satz bricht er ab und sagt nur: "Ich mache Schluss."

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