Dieser Text stammt aus SPIEGEL GESCHICHTE 2/2005.


Über die Schlacht von al-Alamein schrieben manche Historiker mit viel Gefühl, zärtlich. Und bewundernd. al-Alamein, das hatte Generalfeldmarschall Erwin Rommel in seinem Tagebuch notiert, sei "Krieg ohne Hass" gewesen. "Ob Feind, ob Freund oder Bruder, ritterlich war eure Art", steht auf einer Tafel in der deutschen Gedenkstätte. So wurde al-Alamein eine Legende und ein Symbol, aber kann Krieg so sein: wie Schach, fair und ehrlich?

Körperlos?

Al-Alamein ist heute ein Flecken in der Wüste im Nordwesten Ägyptens. Al-Alamein, das sind Felsen und Sand, Kameldornbüsche und Stromleitungen. Al-Alamein ist ein Bahnhof ohne Fahrplan, ohne Menschen, ohne Züge, al-Alamein ist ein Dorf mit ein paar Häusern. Damals, 1942, gab es hier nur die Bahnstation, sie gab der Schlacht den Namen.

Heute gibt es hier die Gedenkstätten. Viele. Große Gedenkstätten.

Die italienische Gedenkstätte, Kilometer 120, liegt auf einem jener vielleicht zehn Meter hohen Hügel, die 1942 freie Sicht auf die Schlacht gestatteten, "Quote 33" nannten die Italiener ihren Hügel. Es ist eine Kathedrale des Krieges, ein Achteck mit reichlich Marmor, und die Toten liegen in engen Gräbern, übereinander auf zwölf Ebenen.

Gräber wie Schließfächer.

4313 Tote liegen in der deutschen Kriegsgräberstätte al-Alamein, Kilometer 115. Die deutsche Gedenkstätte ist ein Achteck aus Kalksandstein, eher Burg als Kirche, vor jeder der acht Ecken steht ein kleiner Turm. Und in der Mitte, unter freiem Himmel, steht ein Obelisk, rundherum stehen Sarkophage für die damaligen deutschen Regionen, die Gräber sind in den Gruften darunter.

Und 7367 Soldaten liegen in den Gräbern der Commonwealth-Gedenkstätte, jedes Grab hat seinen eigenen Stein, und Gärtner gießen die Blumen und harken die Wege.

Der Afrikakrieg begann damit, dass Mussolinis Italien von dem bereits unter seiner Kontrolle befindlichen Libyen aus in Richtung Suezkanal marschierte. 1941 rückten die dort bedrängten Briten zum Gegenangriff vor, und da die Italiener zu schwach waren für dieses Duell, beschloss Hitler, Mussolini zu Hilfe zu kommen. "Due Popoli – una Guerra", "Zwei Völker – ein Krieg" stand auf den Briefmarken der Propagandaministerien. So kam das "Deutsche Afrikakorps" zum Einsatz. Hier im Wüstensand von al-Alamein tarnten daher Tausende von Soldaten ihre Fahrzeuge mit Gestrüpp, hier schrieben sie ihre Feldpost, hier suchten sie Schatten und Schutz vor dem Sand: Sie klebten die Hosen an die Beine und die Ärmel an die Handgelenke, aber der Sand der ägyptischen Wüste findet Augen und Körperöffnungen, "Ghibli" heißt der Wüstenwind von al-Alamein.

Der britische Premierminister Winston Churchill (l.) mit General Bernard L. Montgomery
AFP

Der britische Premierminister Winston Churchill (l.) mit General Bernard L. Montgomery

Erwin Rommel, 1891 in Heidenheim geboren, war aggressiv, schnell, Rommel war der Mann des Blitzkriegs. Er war der Sohn eines Schuldirektors und wollte mal Flugzeugingenieur werden, aber weil er als Soldat so schnell Karriere machte, blieb Rommel Soldat. 1912 war er Leutnant, im Ersten Weltkrieg erhielt er das Eiserne Kreuz und den preußischen Pour le mérite.

Rommel war eine Heldenfigur: Er galt als wagemutig, schlau, ehrlich. Im Juni 1942 hatte er die Festung Tobruk erobert, zugetraut hatten ihm die Briten das nicht, und dieser Sieg machte Rommel zum Generalfeldmarschall.

Als Tobruk an die Deutschen fiel, war Winston Churchill gerade bei Präsident Roosevelt in Washington und, so sagte Churchill später: "Ich versuchte gar nicht erst, mein Entsetzen vor dem Präsidenten zu verbergen. Der Augenblick war zu bitter. Niederlage ist eines, Schande ist ein anderes." Natürlich zog Rommel weiter nach Osten, und darum war er nun, im Oktober 1942, vor al-Alamein, und darum glaubte Adolf Hitler, dass die Deutschen bald in Kairo sein würden, Hitler träumte sogar davon, dass das siegreiche Afrikaheer bald, aus dem Süden kommend, den Russlandfeldzug stärken würde.

Vielleicht wusste Rommel es ja schon vor der Schlacht besser: Er war krank, und ihm fehlten Soldaten, Panzer, Benzin, ihm fehlte alles. Wüstenkriege funktionieren meistens wie Pendel: Weil die Verlierer einer Schlacht zurück zu den eigenen Versorgungsstellen und Oasen getrieben werden und weil sich die Sieger immer weiter von den ihren entfernen, werden die Verlierer stärker und die Sieger schwächer, und ziemlich oft sind deshalb die Verlierer der letzten Schlacht die Sieger der nächsten. Hin und her geht es in der Wüste, bis ein Verlierer sich nicht mehr erholt.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der Ausgabe 2/2019.
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