Pep Guardiola kann dirigieren, toben, jubeln, übersprudeln. Der Meistertrainer von Manchester City scheint nicht still stehen zu können, er hat sich nicht immer im Griff. Doch dann trifft Guardiola Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan. Die freundliche Hochglanz-Dokumentation "All or Nothing", die City ein Jahr lang begleitet hat, zeigt einen artigen, fast verlegenen Guardiola, der gezwungenen Smalltalk mit dem Milliardär Scheich Mansour hält. Worüber sie sprechen, ist kaum zu verstehen. Die Hauptsache: Sie lächeln und lachen viel.

"All or Nothing" inszeniert nicht nur den Teamausflug nach Abu Dhabi wie ein Image-Video der landeseigenen Tourismusbehörde. Die Amazon-Doku zeigt auch sympathische Fußballer im himmelblauen Trikot, britische Originale in der City-Wäscheabteilung und den stets tadellos gekleideten Vorstandsvorsitzenden Khaldoon Al-Mubarak. Der Vertrauensmann des Scheichs lächelt sanft und souverän und macht auch neben dem früheren Oasis-Gitarristen Noel Gallagher, einem manischen City-Fan, eine gute Figur.

"Soft-spoken" nennen Briten das Auftreten des Chairman, in Social-Media-Kanälen wird Mubarak mit so viel Liebe und Ehrerbietung überschüttet, wie es sich Karl-Heinz Rummenigge, Hans-Joachim Watzke oder Martin Kind nicht einmal im Traum vorstellen. "Welch ein Segen unser Chairman ist", heißt es in solchen Posts, "der beste Chairman der Welt, so klug, so bescheiden", "ihr City-Fans könnt euch glücklich schätzen ihn zu haben".

Doch wofür steht dieser Mann wirklich? Welche Bedeutung hat er für Abu Dhabi, das nur halbherzig versteckt, dass es hinter dem City-Fußball-Projekt steckt? Wie arbeiten die Männer, die angeblich im Auftrag von Scheich Mansour den Premier-League-Verein führen? 

Dokumente der Enthüllungsplattform Football Leaks geben einen Einblick in das Innenleben von Manchester City – und im Gegensatz zur Amazon-Doku "All or Nothing" ist dieser Einblick unverstellt, ungeschönt. Im August 2010, zwei Jahre nach seiner Vereinsübernahme, reist Scheich Mansour erstmals zu einem Spiel seines Klubs. 

Der Ölmilliardär grüßt breit grinsend in die Menge, in der Ehrenloge neben ihm stehen seine Untergebenen mit vor Anspannung malmenden Wangenknochen. Selbst Mubarak scheint nervös. Doch das Team liefert ab, gewinnt 3:0 gegen Liverpool, der "Staatsbesuch" ist gelungen. Es bleibt bis heute der einzige, in über zehn Jahren.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich der Scheich aus der Arbeit an seinem Milliardeninvestment heraushält. Auch Khaldoon Al-Mubarak kann man keinen Vorwurf machen, wenn er sich im Tagesgeschäft nicht um Mannschaftsaufstellungen oder Finanzanalysen kümmern kann. Denn "Seine Exzellenz", wie er genannt wird, arbeitet in Abu Dhabi zugleich als Chef des Unternehmens Mubadala und der Executive Affairs Authority (EAA). 

Die beiden Jobs dürften auch den Einstieg in Manchester City erklären: Bei Mubadala handelt es sich um eine staatliche Investmentfirma, mit der die Ölmilliarden großflächig in der Welt angelegt werden. Die EAA ist ein Arm der Regierung, der die internationale Strategie des Emirats steuert.

"Das Investment in Manchester City ist ein Teil der soft-power-Strategie der Herrscherfamilie", erklärt Christopher Davidson. Der Experte von der Durham University beschäftigt sich seit Jahren mit dem Nahen Osten und betrachtet das Scheich-Investment in Manchester City als politisches Kalkül: Die Staatsführung habe den englischen Fußball als Vehikel ausgemacht, um Abu Dhabi in der Welt zu bewerben und die Beziehungen zwischen dem Emirat und dem Westen zu verbessern.

Doch wie passt das zu der offiziellen Erklärung, City sei ein reines Privatvergnügen, ein Hobbyinvestment eines Fußball-Liebhabers? 

Davidson verweist auf die Macher im Klub: "Khaldoon Al-Mubarak ist de facto der Premierminister vom Emirat Abu Dhabi", sagt der Wissenschaftler. Wieso sollte er sich um das Hobby von Scheich Mansour kümmern, der in der Hierarchie des Emirats nicht an oberster Stelle steht? "Die Verantwortlichen bei Manchester City sind vorwiegend eher die Leute des Kronprinzen als die Vertrauten von Scheich Mansour", sagt Davidson. Der Kronprinz, das ist Mohammed bin Zayed, kurz MbZ, der wahre starke Mann in Abu Dhabi und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), Kommandeur der Streitkräfte.

Im Jemen-Krieg bekämpfen die VAE-Truppen unter anderem die Huthi-Milizen und die Muslimbruderschaft. Die Nachrichtenagentur AP veröffentlichte eine detaillierte Recherche zu Folter-Gefängnissen, die in Jemen von den VAE betrieben würden. Die Emirate wiesen die Berichte zurück. "Unter der Herrschaft von MbZ haben sich die VAE zu einem brutalen, folternden Polizeistaat entwickelt, der im Ausland Kriegsverbrechen begeht", sagt der Schotte Nicholas McGeehan, der lange Zeit für Human Rights Watch gearbeitet und stets die Besitzer von Manchester City kritisiert hat. 

"Die Situation in den VAE ist abstoßend", sagt er. Es gebe dort buchstäblich keinen einzigen Menschenrechtsaktivisten mehr. "Ich habe einmal meine Kollegen bei Human Rights Watch gefragt, auf welches andere Land das noch zutrifft", schildert McGeehan. "Sie sagten: Nordkorea und Turkmenistan." Wer es in Abu Dhabi wage, etwas gegen die seit Jahrhunderten herrschende Familie zu sagen, werde verhaftet. Das größte Emirat der VAE hat in den vergangenen Jahrzehnten durch seinen Reichtum enorm an Einfluss gewonnen. 

Es nicht der einzige Golfstaat, der sich im Fußball ausbreitet. Das verfeindete Katar richtet die nächste Weltmeisterschaft aus und hat mit fast zwei Milliarden Euro Paris Saint-Germain in die Runde europäischer Spitzenklubs gehievt. Der saudische Thronfolger, der womöglich die Ermordung eines kritischen Journalisten in der Türkei angeordnet hat, ist ein Verbündeter des Kronprinzen MbZ aus Abu Dhabi. 

 Einer der PR-Leute von MbZ heißt Simon Pearce, kommt aus Australien – und sitzt als Direktor in der Vereinsführung von City. Pearce agiert als Verbindungsmann zwischen Abu Dhabi und Manchester. Für die Öffentlichkeit ist er ein Phantom, Insider fürchten und respektieren ihn. Einer seiner Arbeitsplätze: Mubaraks EAA-Behörde in Abu Dhabi.

Von hier erteilt Pearce Aufträge an seine Kollegen in England und informiert sie über Wünsche der Herrscherfamilie und Verhandlungen mit arabischen Sponsoren. Wenn City ein Fake-Geschäft mit einer vermeintlichen Marketingrechteagentur  aufzieht, organisiert Pearce den Deal auf der Seite des Emirats. Die Freigabe von Millionenüberweisungen muss sich Pearce schließlich von Khaldoon Al-Mubarak abholen, dem Quasi-Premier des Golfstaats: Am Ende reicht ihm eine knappe Mail mit den Worten "Ok, go ahead" seines Chairmans, um das Geld auszahlen zu lassen.

Pearce hat vor seinem Einstieg in die Fußballwelt bei Burson-Marsteller gearbeitet, einer PR-Agentur, die sich auf diskrete Problemlösung und Imagekontrolle höchst einflussreicher Kunden spezialisiert hat. "Wenn das Böse PR braucht, wählt es die Nummer von Burson-Marsteller", so lautet ein sarkastisches Urteil, das der Kommunikationsfirma bis heute anhängt. Pearce ist ein Imageprofi, der Risiken für die Außenwirkung abwägt und nichts dem Zufall überlässt. Was er darum gar nicht leiden kann: kritische Nachfragen von Menschenrechtsorganisationen. So geschehen im August 2013, als Nicholas McGeehan von Human Rights Watch den Antrag auf Informationsfreigabe nach dem "Freedom of Information Act". Damit können Bürger Einblick in Behördendokumente fordern. Diese müssen sie innerhalb einer gewissen Frist verfügbar machen.

McGeehan will einen Vertrag zwischen der Stadt Manchester und dem Verein unter die Lupe nehmen. Es geht um das Gelände, auf dem die Klubchefs die neue City-Fußballwelt hochgezogen haben. Klubdirektor Pearce analysiert die Lage: Er habe sich das betreffende Dokument angesehen, schreibt er an seine Vereinskollegen, und sehe nur geringes Risiko, dass es der Menschenrechtsorganisation Munition für Kritik geben könnte. Man könne nicht verhindern, dass dieses Dokument herausgegeben wird, schreibt Pearce weiter. 

Aber immerhin schikanieren kann man den Aktivisten noch: "Er sollte es erst am Morgen des Deadline-Tags kriegen", weist Pearce an, also erst in zwei Wochen. "Ich möchte jegliches Momentum zerstören." Das EIC-Recherchenetzwerk hat Manchester City um eine Stellungnahme gebeten. Der Klub erklärte daraufhin in einem Statement, dass er die Fragen nicht kommentieren werde und sprach von einem "organisierten und eindeutigen Versuch, den Ruf des Vereins zu schädigen".

Die Episode zeigt offenbar, wie die City-Chefs ihre Macht am Liebsten ausüben: im Verborgenen. Ihre Geheimoperationen benennen sie mit Decknamen, Auseinandersetzungen mit Fußballverbänden werden bevorzugt mit diskreter Diplomatie oder internem Druck ausgetragen.

Auch die Verpflichtung des Cheftrainers Pep Guardiola ist eine geheime Mission. Der aktuell wohl beste Trainer der Welt war der dringend benötigte letzte Baustein in Abu Dhabis Prestigeprojekt, das von unternehmerischer Professionalität und sportlicher Brillanz künden soll. 

Der Vertrag, den Guardiola mit Manchester unterzeichnet, trägt das Datum des 10. Oktober 2015. Sein Gehalt und die Bonuszahlungen sind Weltklasse: In seiner ersten Saison wird er 13,5 Millionen Pfund verdienen, im Jahr darauf 16,75 Millionen. Was die Unterschrift aber so außergewöhnlich macht, ist ihr Zeitpunkt: Guardiola bindet sich bereits an City, als er mit dem FC Bayern gerade erst zwei Monate der neuen Bundesliga-Spielzeit hinter sich gebracht hat. Manchester und der Trainer bewahren Stillschweigen über den Vertrag.

Wochen später schreibt ein Journalist des britischen "Sunday Mirror", dass sich City-Sportdirektor Txiki Begiristain und Guardiola in Barcelona getroffen hätten – und spekuliert, dass sich ein Deal zwischen City und Pep anbahnt. Die Veröffentlichung passt der City-Zentrale gar nicht. Es ist ja auch mindestens eine halbe Falschmeldung, da sich kein Deal anbahnen kann, der schon längst abgeschlossen ist. "Ich rufe da an und sage ihm, dass wir die Story entfernt haben wollen", schreibt Pressesprecher Simon Heggie an seine Kollegen. 

Später meldet er sich wieder: Der Artikel werde offline genommen, "ich schicke eine Nachricht an andere Medien herum und sage ihnen, dass sie das ignorieren sollen." So behält der Fußballverein die Kontrolle über die Trainer-Bekanntgabe - und wartet damit noch über einen Monat. 

Kontrolle ist alles, und der City-Vorstand ist sich bewusst, dass ihr Verein und die arabischen Besitzer skeptisch beäugt werden. Mit sportlichem Erfolg und professioneller PR-Arbeit gewinnen sie die Deutungshoheit in Großbritannien: Die Einwohner eines Landes, das sich als Gründungsland der modernen Rechtsstaatlichkeit und Demokratie rühmt, feiern die Regierungsmitglieder von Emiraten, in denen die Todesstrafe für Ehebruch und Gefängnis für öffentliche Küsse drohen.

Bei jedem strategischen Schritt wägen die Kommunikationsprofis in Manchester die Risiken ab. Zum Beispiel bei der Auswahl der Sponsoren: Wie weit kann man gehen, um Geld zu verdienen? Anfang 2014 diskutieren die City-Chefs einen Deal mit dem Baukonzern Arabtec aus Dubai. Die Firma wird zu diesem Zeitpunkt von Hasan Ismaik geführt, dem umstrittenen Besitzer von 1860 München. Manchester lässt eine Risikoanalyse für das mögliche Geschäft anfertigen. 

In dem Dokument werden die Verantwortlichen darauf hingewiesen, dass der "Guardian" erst kurz zuvor schlechte Arbeitsbedingungen für Migranten in Abu Dhabi aufgedeckt habe. "Arabtec hängt in dieser Story mit drin", heißt es. Außerdem hätten im Mai 2013 Arabtec-Arbeiter gestreikt, "was in Gewalt und Abschiebungen resultierte". Und 2009 habe die BBC gezeigt, wie unmenschlich Arabtec ihre Arbeiter behandle. Das ist ein Dauerthema in den neureichen Wüstenstaaten. Abu Dhabi ist auf die Arbeiter aus Indien, Pakistan und Bangladesch angewiesen, die innerhalb von 40 Jahren auf endlosen Sanddünen Wolkenkratzer-Metropolen hochgezogen haben.

Das Fazit der Risikoanalyse ist eindeutig: "Die Partnerschaft mit Arabtec hat signifikantes Potenzial, die Wahrnehmung und das Standing des Klubs und seiner Besitzer zu beschädigen." Mögliche Probleme könnten sich durch einen Konflikt mit den eigenen Fans ergeben, durch negative Reaktionen anderer Sponsoren oder Menschenrechtsaktivisten.

Vicky Kloss, City-Pressesprecherin, warnt daraufhin in einer Rundmail an die Vereinsführung vor dem Arabtec-Sponsoring. "Ich glaube, das ist das größte Risiko für unsere Reputation seit 2008", schreibt sie. "Die Lücke zwischen dem, was wir tun und was Arabtec tut, ist unüberbrückbar." Sie erinnert an Nicholas McGeehan von Human Rights Watch: Ein Deal mit Arabtec "wäre für ihn wie ein Jackpot-Gewinn." 

Die City-Führung nimmt die Bedenken zur Kenntnis und trotzdem Arabtecs Geld, sieben Millionen Pfund jährlich. Denn sie schließt mit dem Unternehmen nur einen regionalen Vertrag ab. Die Verbindung von Arabtec und Manchester City soll in arabischen Staaten, in Russland, der Türkei beworben werden. Also überwiegend in Ländern, in denen demokratische Werte und Menschenrechte nicht unbedingt die höchste Priorität genießen.

Im Mai 2014 halten City-CEO Ferran Soriano, Arabtec-Boss Hasan Ismaik und Vereinsboss Khaldoon Al-Mubarak ein himmelblaues Trikot mit der Aufschrift "Arabtec" in die Kamera und verkünden das Millionengeschäft. Ihre Pressemitteilung klingt freundlich und harmonisch. Hochglanz, made in Abu Dhabi, kontrolliert von PR-Experten. Auf eine Anfrage der EIC-Journalisten hat das arabische Unternehmen nicht reagiert.

Die Arbeit der Business-Profis beschränkt sich nicht nur auf Manchester und Abu Dhabi. In den vergangenen Jahren hat der Investor auf jedem Kontinent eine Zweigstelle seiner City-Franchise errichtet. Wie die Strategie hinter der globalen Fußballgruppe aussieht und wie Filialvereine für versteckte Geldzahlungen und Steuereinsparungen genutzt werden, davon handelt Kapitel 4: Schöne neue Welt.

Das SPIEGEL-Team zu den Football Leaks:

Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch, Andreas Meyhoff, Nicola Naber, Jörg Schmitt, Alfred Weinzierl, Robin Wille, Christoph Winterbach, Michael Wulzinger

In Kooperation mit:

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