Einen Tag vor dem Länderspiel gegen Serbien in Wolfsburg steht Leroy Sané, 23, in Jogginghose und Kapuzenjacke in einem Konferenzraum und hört sich an, was der Bundestrainer über ihn zu sagen hat.

Joachim Löw, 59, sitzt auf einer kleinen Bühne und erklärt, dass "der Leroy" sich toll entwickelt habe, dass der Flügelstürmer von Manchester City "außergewöhnliche Fähigkeiten" mitbringe und künftig einer der Anführer der neu formierten Nationalmannschaft sein werde.

Sané zuckt kurz mit den Mundwinkeln.

Noch im vorigen Sommer war er für Löw nichts weiter als ein aus dem Ruder gelaufenes Talent, ein Egoist, der sein eigenes Konterfei als Tätowierung auf dem Rücken trägt und zu wenig Respekt vor Kollegen zeigt. Kurz vor der Abreise zur WM nach Russland strich der Bundestrainer den Dribbler aus dem Kader. Stattdessen durfte ein Oldie wie Mario Gomez, 33, vom VfB Stuttgart nach Moskau mitreisen.

Aus heutiger Sicht klingt das wie ein Witz. Aber so waren die Verhältnisse im absurden deutschen Fußballjahr 2018.

Inzwischen ist viel passiert. Die Nationalmannschaft spielt nur noch zweitklassig. Selbst gegen schwache Serben, die am Mittwoch ein Aufwärmgegner für das EM-Qualifikationsspiel gegen die Niederlande am Sonntag sein sollten, reichte es nur zu einem 1:1.

Löw ist dabei, seine Auswahl umzubauen. "Wir stehen vor einer neuen Zeitrechnung", sagt er. Er hat altgediente Spieler aus dem Kader geworfen. Mit jungen Profis will der Bundestrainer "mehr Tempo, Dynamik und Zielstrebigkeit" in das Spiel bringen.

Sané ist das Gesicht der neuen Nationalmannschaft. Die Zukunft. Auf einem Werbebanner des neuen DFB-Sponsors VW wird er, umringt von jubelnden Fans, groß in Szene gesetzt. Der arrivierte Kollege Manuel Neuer hingegen, mit 32 Jahren und 85 Länderspielen dienstältester Nationalspieler, grüßt auf dem Bild etwas versteckt aus dem Hintergrund. Es wirkt, als wollte er sich bereits verabschieden.

Vorigen November traten Sané und Neuer gemeinsam vor einem Länderspiel gegen Russland in einer Schule in Leipzig auf. Während der Fußballer aus Manchester lächelnd Dutzende Selfiewünsche der Schüler erfüllte, wurde Neuer von Journalisten, die zu dem PR-Termin angereist waren, mit unangenehmen Fragen gelöchert.

"Warum halten Sie nicht mehr die unhaltbaren Bälle?"

"Stimmen die Reflexe nicht mehr?"

Neuer musste sich vorkommen wie der Insasse eines Pflegeheims. Es sei alles in Ordnung mit seiner Form, blaffte er, "ich bin mit mir im Reinen". Sané saß neben ihm und blickte betreten zu Boden.

Von den Fußballern, die 2014 in Rio de Janeiro das WM-Finale gewannen, gehören nur noch Neuer und Toni Kroos zur Nationalmannschaft. Schwer zu sagen, wie lange noch.

Nach anfänglichem Zögern will Löw beweisen, dass er kein Bremser ist, sondern ein Erneuerer, ein Reformer. Während Neuer wegen schwankender Leistungen kritisiert wird, spielt sein Konkurrent Marc-André ter Stegen, 26, beim FC Barcelona eine starke Saison. In TV-Expertenrunden wird nicht darüber debattiert, ob ter Stegen die neue Nummer eins wird, es stellt sich die Frage: Wann fällt Neuer?

Der Konkurrenzkampf der jungen gegen die alten Spieler, das ist seit der verkorksten WM eines der Reizthemen innerhalb der DFB-Auswahl. Alles fing im vorigen Juni mit der Personalie Neuer an, mit der Entscheidung Löws, als Nummer eins für das Turnier in Russland den Bayern-Torwart zu nominieren, obwohl dieser wegen einer Fußverletzung monatelang nicht hatte spielen können.

Von vielen jungen Spielern wurde die Nominierung als Hinweis darauf ausgelegt, dass der sportliche Wettkampf in der Mannschaft ausgehebelt sei, dass der Trainer sich im Zweifel für seine verdienten Kräfte entscheiden würde. Ter Stegen nahm die Degradierung tapfer hin und beschwerte sich nicht. Inzwischen erhebt der gebürtige Mönchengladbacher offen Ansprüche. Er wolle den Umbruch in der Nationalmannschaft auch auf der Position im Tor herbeiführen, sagt er.

Neuer und ter Stegen haben kein schlechtes, aber auch kein besonders gutes Verhältnis. Sie respektieren einander, reden aber nur das Nötigste miteinander. Im Umfeld ter Stegens ist man der Meinung, dass es zum Wechsel im Tor der Nationalmannschaft kommen werde. Allerdings wurde die Linie ausgegeben, keinen weiteren Druck aufzubauen. Das ist klug. Löw ist niemand, der auf forsche Forderungen reagiert. Er kann sehr bockig sein, wenn er der Meinung ist, dass ein Spieler sich zu sehr in den Mittelpunkt stellt.

Dass Löw ter Stegen gegen Serbien in der zweiten Halbzeit spielen ließ, war ein Statement. Der Bundestrainer steht nicht mehr felsenfest hinter Neuer.

Andererseits wird sich Löw hüten, Neuer genauso abzuservieren wie kürzlich dessen Vereinskollegen Mats Hummels, Thomas Müller und Jérôme Boateng. Es wird eine schleichende Machtübernahme geben. Neuer wird mit allen Ehren und Feuerwerk vor großem Publikum verabschiedet werden.

Danach muss Löw hoffen, dass seine neu aufgestellte Nationalmannschaft gute Ergebnisse einspielt. Weil es sonst einen weiteren Wechsel geben könnte: auf der Position des Trainers.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 13/2019.

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