Was für ein erster Satz: "Als Schüler kannte ich drei Alarmstufen: Feueralarm. Terroralarm. Und Rabbi-Alarm!" Alarm, Alarm, Alarm, hört man und überhört, dass man gar nicht weiß, was ein Rabbi-Alarm eigentlich ist. So viel Alarmismus im Leben, so denkt man und fragt dann: Macht das neurotisch-wachsam, vielleicht auch misstrauisch? Erster Gedanke, erster Fehler. Echt deutsch, die Frage, so richtig nachgeboren-verständnisvoll. So bestätigungshechelnd. Er muss jetzt nur noch "Ja" sagen.

Aber Max Czollek steht auf dem Berliner Jüdischen Friedhof in Berlin-Mitte und lacht über die Frage. Er lacht laut, schiebt sein Basecap nach hinten. Sein T-Shirt, das einen Dönerspieß zeigt, spannt beim Lachen. Unter ihm die Gebeine Tausender Nazi- – Pardon! – Deutschenopfer, vor ihm der wiederhergestellte Grabstein des jüdischen Philosophen und Aufklärers Moses Mendelssohn, neben ihm die Jüdische Oberschule, die er in den Neunzigerjahren absolvierte. Und er lacht einfach nur. Was für ein blöder Anfang, der Redakteur krampft: Du sollst mich doch streicheln, den klugen, deutschen Kopf loben. Stattdessen: ein Jude, der lacht.

Sich mit Max Czollek zu verabreden ist erst mal nicht lustig. Die Bitte, sich mit mir auf einen Spaziergang zu begeben, bei dem er entscheidet, wo es hingeht, sein Berlin zeigt und erklärt, sich dabei flanierend und parlierend auf ein Gespräch einzulassen über sein im Sommer 2018 erschienenes Buch "Desintegriert Euch" – all das stieß bei ihm auf Misstrauen und Widerstand. Wohin das führen solle, und es klinge doch sehr nach Homestory, und genau so was wolle er gern vermeiden, nicht biografisch erklären, pseudofamilienpsychologisch-persönlich diskutieren – sondern zur Sache. Kein Medienjude sein. Sondern ein kluger Kopf. Oder Mensch. Oder Max Czollek.

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Also trifft man sich zu einem Vorgespräch, Pizza in Kreuzberg, voller Zweifel angesichts seines Zögerns, ob das jetzt nicht so eine am Schreibtisch vorgedachte Geschichte ist, in der einem die Protagonisten nur noch die eigenen Ideen oder Bilder von ihnen bestätigen sollen, eine Vorstellung von dem provokanten Mann, der mit seinem Buch mit dem provokanten Titel eine fulminante Streitschrift wider jüdische und deutsche Klischees und Erwartungen in den Buchläden liegen hat. Ein Schriftsteller, 32 Jahre alt, ein Intellektueller, der Aufmerksamkeit erregt, ein Berliner – und eben ein Jude. 

Als Typ nicht so krawallig wie Michel Friedman, als Denker noch nicht so klug wie Hannah Arendt – und eben gerade so was wie der, nun ja, Jude der Saison, den wir sogenannten Mainstreammedien nicht ignorieren können. Scheiß Rituale, aber man ist ja auch froh, dass Henryk M. Broder nicht mehr das letzte Wort hat. Darf man so was denken als Deutscher?

Dieser Artikel stammt aus SPIEGEL GESCHICHTE 4/2019: "Jüdisches Leben in Deutsch­land"Hier können Sie das Heft bestellen.

Man darf. Denn Czollek ist ein sensibler Mensch, aber kein überempfindlicher. Er möchte schlicht kein Teil dessen werden, was andere vor ihm schon als jüdische Rolle im Gedächtnistheater definiert haben. In Deutschland lebende Juden, die ritualisiert an Gedenktagen neben anderen Deutschen stehen, um mit ihnen gemeinsam zu weinen und zu vergeben, an jüdischen Kulturtagen zu den Klezmerklängen erschauern, brav in jedes Mikrofon sprechen, wie es um den deutschen Antisemitismus steht und was sie von Israel halten. Und letztlich mit allem, was sie tun, sagen oder unterlassen, den Deutschen das Gefühl geben, dass die Dinge wieder im Lot sind: Schalom.

Er besteht darauf, dass ich nicht über seine Familie und Familiengeschichte schreibe. Redet dann aber beim ersten Treffen über fast nichts anderes. Man kann einiges nachlesen über jüdisch-kommunistisch-künstlerische Wurzeln, aufgewachsen in Ost-Berlin und so weiter, aber Deal ist Deal, und vielleicht hat er ja auch recht. Lass uns reden, über das, was ist, ohne zu psychologisieren.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL Geschichte-Ausgabe 4/2019.
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