Die drei Frauen duzen sich sofort, als sie sich im Berliner SPIEGEL-Büro treffen, sie kennen sich schon so lange, haben so viel miteinander erlebt. Rita Süssmuth, 81, war von 1985 bis 1988 Familienministerin im Kabinett Helmut Kohl, bis sie bei ihm in Ungnade fiel. Heidemarie Wieczorek-Zeul, 75, war sowohl im Kabinett von Gerhard Schröder als auch von Angela Merkel Entwicklungsministerin und führte das Haus von 1998 bis 2009, so lange wie niemand anders. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, 67, war Justizministerin im Kabinett Kohl, trat 1996 wegen des Großen Lauschangriffs zurück – und saß 13 Jahre später wieder am Kabinettstisch.

Die drei sprechen über die Getränke. Alle möchten einen Kaffee, nur Leutheusser-Schnarrenberger nicht. Sie habe auf dem Flug nach Berlin einen gehabt, der so gut schmeckte, dass sie jetzt keinen möchte, sagt sie. Wieczorek-Zeul kann das kaum glauben: "Ein leckerer Kaffee im Flugzeug?"

Sie reden darüber, wie sich das Fliegen in den vergangenen Jahrzehnten verändert habe, dass man nun alles einzeln buchen müsse, Gepäck, Reservierung, Getränk mit Snack. "Der Service von früher ist leider weg", sagt Süssmuth. "Früher war sowieso alles besser", sagt Leutheusser-Schnarrenberger – und alle drei fangen laut an zu lachen. "Na ja", sagt Wieczorek-Zeul dann, "bei dem Thema, über das wir heute sprechen, aber nicht."

SPIEGEL: Frau Süssmuth, Sie waren die erste Frauenministerin der Bundesrepublik. Wie hat man Sie behandelt?

Süssmuth: Eben wie eine Frau und nicht wie einen Menschen. Wenn Frauen damals im Bundestag redeten, dachten ja alle: "Ach, das geht schon vorüber." Es wurde über piepsige Stimmen gelästert, über das äußere Erscheinungsbild. Ich habe auch die Geringschätzung meiner Kompetenz erlebt. Man schmähte mich, wenn es um Themen ging, bei denen ich Verantwortung hatte. Stattdessen durften Männer reden und verhandeln. Es war sehr verletzend.

SPIEGEL: Sie galten recht schnell als Rebellin.

Süssmuth: Meine Kollegen hatten angenommen, ich würde zahm sein. Ich glaube nicht, dass es ein Herzensanliegen des Kanzlers Kohl war, eine Frauenministerin zu haben. Aber die CDU hatte schon gemerkt, dass sie beim Thema Frauen, also sozialer Gerechtigkeit, Gleichstellung, Anerkennung von Kompetenzen und Verantwortung, nicht beim Alten bleiben konnte. Ich wurde ins Amt berufen, als die Grünen schon im Bundestag waren. Auch die SPD war weiter als wir. Kohl hätte wissen können, dass ich nicht ganz einfach bin. Im Vorgespräch habe ich ihm schon gesagt: "Was den Abtreibungsparagrafen 218 betrifft, da bin ich anderer Meinung." Er sagte, dafür fänden wir eine Lösung. In persönlichen Gesprächen war Helmut Kohl sehr aufgeschlossen. Er war im Grunde seines Herzens ein Liberaler. Aber er wollte keinen Ärger mit der Partei.

SPIEGEL: Und Sie haben Ärger verursacht?

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 54/2018.
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