Hinter den Mauern eines grauen Blocks steht eine junge Frau auf einem kleinen Podest und macht große Gesten, ihr Rücken gerade. Sie wippt, schwingt, hüpft. Und manchmal wirkt es, als tanzte sie, in sich versunken, auf der kleinsten Tanzfläche der Welt. Nur tut sie das vor Publikum.

Mehr noch, als dass die Frau an diesem Nachmittag im Mai tanzt, musiziert sie. Für manche mag sie das lauteste Instrument spielen, das es gibt: Hier, in der gut besuchten Symphony Hall von Birmingham, dirigiert sie gerade das Orchester. Für andere mag sie die stillste Musikerin überhaupt sein: Könnte jemand das Orchester jetzt stumm schalten, blieben die Geräusche des Publikums und des Raums (Quietschen, Räuspern, Hüsteln). Und es bliebe der subtile Klang der Bewegungen und des Atems der Frau.

"Ich bin die Musikerin, die im besten Fall keinen Ton von sich gibt", sagt sie.

Die Stille trägt die Frau im Namen, sie heißt Mirga Gražinytė-Tyla; Tyla ist Litauisch und bedeutet Stille, ein Beiname, den sie sich selbst gegeben

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 21/2019.
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