Auf einer Zugfahrt in Deutschland 1999 spricht ein Islamist zwei Fahrgäste mit Bart an. Er vermutet zu Recht, es seien Glaubensbrüder. Sie leben in Hamburg und sind Araber. Das Gespräch kommt auf den Krieg in Tschetschenien und den dortigen Kampf gegen die Ungläubigen. Einige Zeit später rufen die beiden Bärtigen den Islamist an, denn sie wollen beim Dschihad in Tschetschenien mitmachen. Er verweist sie an einen Glaubensbruder in Duisburg, einen Kontaktmann al-Qaidas.

Anschläge am 11. September 2001
Sean Adair/ REUTERS

Anschläge am 11. September 2001

Die beiden Hamburger fahren zusammen mit einem Bekannten zu ihm. Ihre Namen: Ramzi Binalshibh, Marwan al-Shehhi und Ziad Jarrah. Der Kontaktmann rät, zunächst eine Kampfausbildung in Afghanistan aufzunehmen. Dann könnten sie von dort aus nach Tschetschenien gehen. Ende 1999 reisen die drei mit einem vierten Araber aus Hamburg, Mohammed Atta, nach Afghanistan. So steht es im 567 Seiten langen 9/11-Bericht der Untersuchungskommission des US-Kongresses von 2004. Die Kommission bestand aus zehn Mitgliedern und hatte 81 Mitarbeiter.

Die vier Araber bildeten den Kern der Hamburger Terrorzelle, die 2001 die schwersten Terroranschläge der Geschichte verüben sollten. Atta war ihr Kopf und steuerte die erste Maschine in das World Trade Center. Ohne ihn hätte es 9/11 nicht gegeben.

Eine zentrale Frage lautet seither: Wie kamen Studenten aus Hamburg in Kontakt mit al-Qaida? Nach dem 9/11-Bericht war es eine Zufallsbekanntschaft in der Bahn. Jedoch beruht diese Version auf der Aussage Binalshibhs, mutmaßlich unter Folter in einem CIA-Verlies. Deutsche Behörden ermitteln bis heute wegen 9/11. Sie hatten auch den Duisburger in Verdacht, haben die Ermittlungen gegen ihn aber längst eingestellt. Die Bahngeschichte, fanden sie schon 2008, habe "Legendenstatus".

Ermittler vermuteten einen früheren Kontakt Attas mit al-Qaida in Afghanistan. Einen Beweis gibt es dafür nicht - aber ein bislang unterschätztes Indiz.

Die Autoren des 9/11-Berichts waren ebenfalls misstrauisch. Sie beklagten, sie hätten die Gefangenen nicht befragen, sondern nur Geheimdienstberichte über die Vernehmungen einsehen dürfen. Sie hätten zwar Fragen an die Gefangenen einreichen können, aber keinen Einfluss darauf gehabt, ob und, wenn ja, wann und wie sie gestellt wurden. Nicht mal die Vernehmer hätten sie sprechen können.

Nach Prüfung und Vergleich mit anderen Quellen hielt die Kommission die Bahngeschichte dennoch für brauchbar. Nur wunderte sie sich: "Die Geschwindigkeit ist erstaunlich, mit der Atta, Shehhi, Jarrah und Binalshibh Kernmitglieder der 9/11-Verschwörung wurden." Die Kommission und deutsche Ermittler vermuteten einen früheren Kontakt Attas mit al-Qaida in Afghanistan, fanden jedoch keinen Beweis. Den gibt es bis heute nicht, aber ein bislang unterschätztes Indiz.

Lade...

Gutes lesen. Mehr verstehen.

Sie haben keinen Zugang? Jetzt gratis testen!

  • Jeden Tag mehr Durchblick: Besondere Reportagen, Analysen und Hintergründe auf SPIEGEL ONLINE zu Themen, die unsere Gesellschaft bewegen, von Reportern in aller Welt.
  • Dazu die digitale Ausgabe des wöchentlichen Magazins.
  • Einmal anmelden, überall nutzen – mobil, Web, Tablet, auf allen Ihren Geräten.
  • Flexible Laufzeit, jederzeit online kündbar
Hinweis

SPIEGEL+ kann in Ihrer App leider nicht dargestellt werden. Bitte installieren Sie die aktuelle App-Version oder wechseln Sie auf die mobile Website m.spiegel.de, um SPIEGEL+ lesen zu können. Vielen Dank!

SPIEGEL+ kann in Ihrem Browser leider nicht dargestellt werden. Bitte installieren Sie die aktuelle Version Ihres Browsers oder wechseln Sie zu einem anderen aktuellen Browser, um SPIEGEL+ lesen zu können. Vielen Dank!

SPIEGEL+ kann auf Ihrem Gerät leider nicht angezeigt werden. Bitte aktualisieren Sie, wenn möglich, Ihr Betriebssystem. Vielen Dank!