Die Ikone des weltweiten Dschihad geht langsam. Vorsichtigen Schrittes kommt der Mann den schmalen Gang entlang. Ein maskierter Wächter führt ihn. Mohammed Haydar Zammar, 57, ein gebürtiger Syrer aus Hamburg, war Mudschahid in Bosnien, er war bei al-Qaida in Afghanistan, bei der Hamburger Zelle der 9/11-Attentäter und später bei den Schlächtern des "Islamischen Staates" (IS). Nun sitzt er in einem Gefängnis des kurdischen Geheimdienstes irgendwo im Nordosten Syriens. Der Hüne von einst, der bei 1,93 Meter Länge 145 Kilogramm wog, ist schmaler geworden. Der mächtige Vollbart ist einer gestutzten Version gewichen.

Zammar ist ein Veteran aus über zwei Jahrzehnten Glaubenskrieg. Er ist Täter, Opfer und Zeuge zugleich. Auf einer Reise nach Marokko verschleppte die CIA ihn einst und brachte ihn in sein Geburtsland Syrien, wo er für Jahre in den Foltergefängnissen des Assad-Regimes verschwand. Ab 2013 war er beim IS. Die Rolle der deutschen Behörden in dem Fall hat in Berlin eine Affäre ausgelöst und einen Untersuchungsausschuss gezeitigt.

Zammar hat sich seit 2001, dem Jahr der Anschläge vom 11. September, nicht öffentlich geäußert. Nun ist es einem Team von SPIEGEL und SPIEGEL TV gelungen, ihn zu treffen. Sechs Monate dauerten die Verhandlungen mit der Führung der YPG, dem syrischen Ableger der Arbeiterpartei Kurdistans, PKK, die Zammar nach eigenen Angaben im Winter festgenommen hat. Wenn er selbst bereit sei zu reden, hieß es zuletzt, dürfe er.

Zammar setzt sich, begrüßt alle Anwesenden höflich. Er hat lange kein Deutsch gesprochen. Er wird während der kommenden 77 Minuten immer wieder die richtigen Worte suchen müssen. Er wird sich zur Mitgliedschaft im IS bekennen, aber seine Mitwisserschaft am 11. September bestreiten.

SPIEGEL: Herr Zammar, wie geht es Ihnen?

Zammar: Alhamdulillah, es geht mir gut. Klar, Gefängnisse in arabischen Ländern sind anders als in Deutschland. Wir sind hier mit 28 Personen in einer kleinen Zelle, können nachts nur auf der Seite liegend schlafen. Wir haben das den Wärtern gesagt, aber die Lage ist so: Die haben nicht genug Gefängnisse, aber sehr viele Gefangene, vom "Islamischen Staat" und anderen Gruppierungen.

SPIEGEL: Haben Sie sich ergeben, oder wie sind Sie hierhergekommen?

Zammar: Ich war mit meiner Frau und den Kindern in Darnidsch, einem Dorf auf der östlichen Euphrat-Seite nahe der Stadt Deir al-Sor. Wir saßen fest, die Kurden waren schon überall. Wir hatten kein Auto, kein Motorrad, kein Geld, und ganz gesund bin ich auch nicht mehr. Ich sah keine andere Möglichkeit, als mich zu ergeben. Ich wollte nicht wieder ins Gefängnis, aber was sollte ich machen? Ich wurde verhaftet, meine Frau wurde weggebracht, ich habe seither keinen Kontakt mehr zu ihr.

SPIEGEL: Ihre Frau ist doch in Deutschland?

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 47/2018.
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