Von Susanne Beyer, Markus Feldenkirchen, Florian Gathmann, Kevin Hagen, Julia Amalia Heyer, Christoph Hickmann, Valerie Julia Höhne, Martin Knobbe, Tim Kummert, Dirk Kurbjuweit, Timo Lehmann, Veit Medick, Ann-Katrin Müller, Ralf Neukirch, Milena Pieper, Christoph Schult, Christian Teevs, Severin Weiland, Steffen Winter

Einer freut sich ganz besonders. Er feiert diesen Sieg und die Aussicht auf den nächsten. Das ist Björn Höcke, Anführer des rechten "Flügels" der AfD. Am Wahlabend ist er ins brandenburgische Werder an der Havel gekommen, um mit den Parteifreunden anzustoßen.

Als die guten Prognosen für die AfD über den Bildschirm flimmern, ist Höcke der Erste, der den Brandenburger Spitzenkandidaten Andreas Kalbitz umarmt. Theatralisch schließt Höcke dabei die Augen. Sonst wirkt er auf solchen Veranstaltungen immer etwas angespannt und geht bald wieder. Diesmal lässt er sich von jedem Fernsehsender interviewen, der ihn anfragt, die Hände in den Hosentaschen versenkt.

Höcke ist als Nächstes dran. Im Oktober sind Wahlen in seinem politischen Heimatland Thüringen. Auch er darf mit hohen Zugewinnen für seine Partei rechnen. Denn eines weiß man jetzt, nach den Erfolgen der AfD in Brandenburg und Sachsen: Wer weit rechts steht, wer mit dem Rechtsextremismus verstrickt ist, der kann damit in Ostdeutschland ein Viertel der Stimmen gewinnen.

Und das ist die Katastrophe dieses Wahlabends. Ein altes Tabu der Bundesrepublik wurde weggeschwemmt. Es war daher etwas verwunderlich, überhaupt zufriedene Gesichter bei CDU und SPD zu sehen. Dort gab man sich mit einer "Scheinstärke" zufrieden, wie es der stellvertretende AfD-Vorsitzende in Sachsen, Maximilian Krah, ausdrückte. Dies, das muss man ihm lassen, war das Wort des Abends.

Das Wahlergebnis vom Sonntag ist in vielerlei Hinsicht trügerisch. Es beruhigt viele Politiker und Kommentatoren, weil die schlimmsten Erwartungen nicht eingetroffen sind: Die AfD wurde nirgendwo stärkste Partei. Aber sie hat in beiden Ländern rund ein Viertel der Stimmen geholt, obwohl in den Wochen vor der Wahl offenbar wurde, was ihr wahrer Kern ist, vor allem an der Person des Spitzenkandidaten von Brandenburg, Andreas Kalbitz. Er hat einen Großteil seines Lebens in rechtsextremen Kreisen verbracht, er prägt die AfD über Brandenburg hinaus, und dennoch gab ein Viertel der Wähler dieser Partei die Stimme. Bis vor einigen Jahren wäre das undenkbar gewesen. Deutschland sieht anders aus seit Sonntag.

Wer beide Wahlen zusammendenkt, muss berücksichtigen: Nach Zweitstimmen ist die AfD Wahlsieger, wenn auch knapp.

Trügerisch sind auch die angeblichen Erfolge der CDU in Sachsen und der SPD in Brandenburg. Beide Parteien rühmten hinterher den großen Kampf der Spitzenkandidaten im Schlussspurt. Als wäre das nicht selbstverständlich, als wäre es nicht das Minimum, was die Wähler erwarten dürfen.

Kretschmer und Woidke taten das, was sie tun mussten, gaben alles. Dennoch holten sie das jeweils schlechteste Ergebnis der CDU in Sachsen (32,1 Prozent) und der SPD in Brandenburg (26,2). Die AfD gewann zweistellig hinzu und landete bei 27,5 und 23,5 Prozent.

Den ersten Platz konnten die alten Volksparteien wohl nur verteidigen, weil die Wähler so klug waren. Sie entschieden am Ende, dass die AfD nicht die Nummer eins werden darf, und stärkten den jeweiligen Hauptkonkurrenten, in Sachsen die CDU, in Brandenburg die SPD.

Deshalb haben sich nicht vor allem Kretschmer und Woidke gut geschlagen, sondern einige Bürger, die mit ihrem Stimmverhalten die liberale Demokratie verteidigten. Sie wären zu feiern, nicht die Parteien, die so viele Wähler verloren haben, die CDU minus 7,3 Prozent in Sachsen, die SPD minus 5,7 Prozent in Brandenburg. So sollen Sieger aussehen?

Trügerisch war das Wahlergebnis auch, weil es, wie fast immer, an den Umfragen gemessen wurde. Die waren für Union und SPD zeitweilig noch viel schlechter, sodass die Parteien zu Siegern gegenüber den Umfragewerten wurden. Aber die sind eine Fiktion, sind kein hartes politisches Material, nur Ausdruck von Stimmungen, denen nicht das Gewicht einer Wahlentscheidung anhängt. Insofern sind solche Triumphe nicht viel Wert.

Sachsens CDU-Spitzenkandidat und Ministerpräsident Kretschmer: "Wir haben es geschafft"
Filip Singer / epa-efe / rex

Sachsens CDU-Spitzenkandidat und Ministerpräsident Kretschmer: "Wir haben es geschafft"

Beiden Parteien hat zudem der Wahlkalender die Stimmung gerettet. Für Union und Sozialdemokraten war es ein Glück, dass gleichzeitig in zwei Ländern gewählt wurde. Hätten nur die Sachsen gewählt, wäre die SPD (7,7 Prozent) jetzt verzweifelt und würde die Große Koalition im Bund stärker in Frage stellen. Eine Wahl allein in Brandenburg hätte die Union (15,6 Prozent) in eine Depression gestürzt.

Mit der Doppelwahl konnten sich beide Parteien beruhigen. Die SPD schaute auf Brandenburg, nicht auf Sachsen, bei der CDU war es umgekehrt. Aber auch das ist trügerisch, verklärt die Lage der beiden Parteien.

Wer beide Wahlen zusammendenkt, muss auch diese Zahlen berücksichtigen: Nach Zweitstimmen ist die AfD Wahlsieger, wenn auch knapp. Sie holte in Sachsen und Brandenburg zusammen 892.959 Stimmen, die CDU 892.483. Die SPD liegt abgeschlagen auf Rang drei, mit 498.618 Stimmen.

Grund zur Erleichterung gibt es also nicht. Aber auch mit dem Schein lässt sich Politik machen. Die Große Koalition ist einstweilen stabilisiert, da niemand nach der Wahl so verzweifelt ist, dass er sein Heil in der Flucht sucht.

Aber sie regiert nun ein Land, in dem eine AfD an Boden gewonnen hat, die nicht mehr als bürgerliche Partei im alten, bundesrepublikanischen Sinne gelten kann. Dieser Schein ist verflogen.

"Sie sehen doch die Farbe meines T-Shirts", sagt Frank Knobloch auf dem Weg zu einem Wahllokal in Cottbus. "Was wollen Sie noch wissen?" Knobloch trägt ein knallblaues T-Shirt und wird seine Stimme wohl der AfD geben. "Bei der letzten Landtagswahl habe ich noch CDU gewählt, aber es wird ja immer schlimmer. Jetzt geht nur noch AfD", sagt er und zählt all die Länder auf, aus denen seine Nachbarn nach Deutschland gekommen seien. Es sei unsicher geworden, behauptet er.

Gegen dieses Gefühl von ihm scheint alles andere zu verblassen, auch die Herkunft von Andreas Kalbitz, der in Brandenburg Spitzenkandidat ist.

Es ist 17 Uhr, als Kalbitz das erste Mal am Wahlabend den Saal der "Bismarckhöhe" in Werder an der Havel betritt. Er begrüßt die Anhänger, die schon da sind, lässt sich herzen. Kalbitz hat gute Laune, er weiß, dass der Abend ein guter wird für die AfD. Und ein guter für ihn.

Journalisten eilen zu ihm hin. Ein ARD-Mann fragt ihn nach den SPIEGEL-Enthüllungen der vergangenen Wochen über seine rechtsextreme Vergangenheit. "Dazu gibt's nichts mehr zu sagen", sagt Kalbitz und lächelt. Er dreht sich zu seinem Sicherheitsmann: "Wir ducken uns jetzt weg." Der Sicherheitsmann nickt, läuft mit ihm los, der Fernsehjournalist hinterher, versucht es noch mal. "Herr Kalbitz, wie war denn das jetzt mit Athen?", fragt er. "Es ist alles in bester Ordnung", sagt Kalbitz - und verschwindet in einem Nebenraum, vor dem ein Sicherheitsmann postiert ist.

In bester Ordnung? 2007 war Kalbitz mit 13 anderen deutschen Neonazis, darunter der NPD-Chef Udo Voigt, in Athen auf einem neonazistischen Aufmarsch in Griechenland. Es ist der aktuellste Beleg für Kalbitz' rechtsextreme Karriere, von der er sich nicht distanziert und die er bis heute fortführt, wenn er die Identitäre Bewegung unterstützt, Mitglieder von ihr einstellt, auch einem ehemaligen NPD-Mann einen Job gab.

Die Wähler scheint das nicht gestört zu haben. Sie wählten die Partei eines rechtsextremen Spitzenkandidaten. Es ist ein Bruch in der Parteiengeschichte der Bundesrepublik. Zwar war auch für die AfD nicht alles golden am Wahlsonntag. Sie hat gegenüber ihren Ergebnissen bei der Bundestagswahl Stimmen verloren. Aber sie bleibt stark, obwohl sie nun sichtbarer als zuvor als Partei mit rechtsextremen Neigungen im Spitzenpersonal angetreten ist.

Es ist 19.15 Uhr, als Alexander Gauland die Bühne betritt. Der Parteichef kommt aus Brandenburg, vor Kalbitz war er der Landeschef hier und gab sich gern gemäßigt, bürgerlich. Der Applaus ist lang: "Das ist ein toller Erfolg", auch wenn er sich gewünscht hätte, die Nummer eins zu werden. An die eigenen Leute richtet er einen Appell: "Ich bitte auch alle, sich im Siegestaumel trotz allem ganz vernünftig zu benehmen." Das scheint nicht selbstverständlich zu sein. Außerdem fordert er Zusammenhalt ein, "es gibt nur eine AfD", sagt er.

Kalbitz sei in der letzten Zeit, "vor allem in diesem elenden SPIEGEL-Artikel", in übelster Weise angegriffen worden, sagt Gauland. Und: "Es gibt keinen Beleg." Und das, obwohl Kalbitz seine Teilnahme in Athen selbst bestätigt hatte.

AfD-Politiker Gauland, Meuthen und Kalbitz (v.l.): "Alles in bester Ordnung"
Omer Messinger/ epa-efe / rex

AfD-Politiker Gauland, Meuthen und Kalbitz (v.l.): "Alles in bester Ordnung"

Kritik? Fehlanzeige. Auch die anderen Parteifunktionäre schweigen bislang, niemand traut sich, Kalbitz zu kritisieren. Die letzten Bürgerlichen in der Partei geben klein bei.

Das liegt auch daran, dass Kalbitz neben Gauland der mächtigste Mann in der Partei ist. Er ist der Strippenzieher des "Flügels", jener parteiinternen völkisch-nationalen Plattform rund um den Thüringer Landeschef Björn Höcke, die vom Verfassungsschutz als "Verdachtsfall" eingestuft wird. Wenn sich jemand gegen Kalbitz stellt, hat das in den vergangenen Jahren oft dazu geführt, dass die Personen ihren Job verloren oder keine guten Listenplätze mehr bekamen oder die Partei verließen. Das wissen viele in der Partei.

Und so arrangieren sich auch die selbst erklärten Gemäßigten mit Kalbitz und dem "Flügel", schließen Nichtangriffspakte wie Fraktionschefin Alice Weidel oder formulieren in einem Anti-Höcke-Appell nur noch Kritik an dem Personenkult, nicht mehr an den inhaltlichen Positionen des "Flügels". 

Die Völkischen in der Partei haben sich durchgesetzt. Das soll auch im Westen Folgen haben, hofft zum Beispiel der sächsische Spitzenkandidat Jörg Urban. Am Wahlabend um 22.03 Uhr hält Urban in Dresden eine Rede auf einem gecharterten Schiff auf der Elbe. Sie ist an die AfD-Wahlkämpfer gerichtet. "Wir haben Umfrageergebnisse gehabt, die wurden von Tag zu Tag schlechter", sagt er. Einigen sei schon das Herz in die Hose gerutscht, was werde hier manipuliert, was passiere hier. Trotzdem habe man das beste Ergebnis aller Zeiten eingefahren.

Allerdings war man nicht clever genug, dem Wahlleiter vor den Wahlen eine ordentliche Liste zu präsentieren, weshalb die AfD nicht alle Sitze im Landtag einnehmen kann. Sie wird das Ergebnis daher anfechten. Man wolle juristisch vorgehen und Neuwahlen erwirken, erklärte Generalsekretär Jan Zwerg.

Im Moment denkt Urban aber vor allem an den Westen, an einen Export von Ost nach West genauer gesagt. Bislang ging es ja meist umgekehrt. Er sagt: "Ich hoffe, die Strahlkraft aus Sachsen wird auch reichen für die alten Bundesländer, damit wir dort bald ebenso starke Ergebnisse erreichen."

Auch wenn Gauland die Probleme mit dem "Flügel" kleinredet, ihr Wahlerfolg stellt die Partei vor ein Problem. Gelingt Ende Oktober Björn Höcke ein gutes Ergebnis in Thüringen, könnte ihr Gewicht noch zunehmen und der Partei ein heißer Herbst bevorstehen. Denn Ende November wird auf dem Bundesparteitag in Braunschweig ein neuer Bundesvorstand gewählt, erst im Juli hatte der "Flügel"-Frontmann Höcke auf dem "Kyffhäuser Treffen" des rechten Netzwerks angedroht, "dass dieser Bundesvorstand in dieser Zusammensetzung nicht wiedergewählt wird".

In der Partei ist es ein offenes Geheimnis, dass Parteichef Alexander Gauland überlegt, den Parteivorsitz abzugeben und sich auf die Arbeit als Fraktionschef zu konzentrieren. Am Tag nach den beiden Landtagswahlen erklärt er zwar, er werde jetzt nicht ankündigen, auf dem Bundesparteitag "nicht zu kandidieren". "Aber wenn es gute und vernünftige Kandidaten gibt, die die Partei voranbringen – ich bin fast sicher, dass es sie geben wird –, dann bin ich natürlich bereit, in meinem Alter abzutreten", sagt der 78-Jährige am Montag in der Bundespressekonferenz.

Er gilt als Favorit für Gaulands Nachfolge: der sächsische AfD-Bundestagsabgeordnete Tino Chrupalla. Der Vizefraktionschef im Bundestag ist nach eigenen Angaben kein "Flügel"-Mann, hat aber auch keine inhaltlichen Differenzen, war zuletzt Gast auf dem Kyffhäuser Treffen und genießt dementsprechend Unterstützung. Gauland trat im sächsischen Wahlkampf mit ihm auf – sichtlich gut gelaunt.

"Flügel"-Organisator Kalbitz wiederum erneuerte nach der Brandenburg-Wahl seine Aussage, auf dem Bundesparteitag nicht als Parteichef antreten zu wollen. Er habe daran kein Interesse, "weil es nicht das notwendige integrative Signal aussendet in die West-Verbände". Es empfehle sich für diesen Posten "eher jemand", der "nicht innerhalb der parteilichen Lager klar verordnet ist". Jemand wie Chrupalla. 

Wenn die AfD nun auch noch schlau mit ihren Erfolgen umgeht, wird sie wirklich gefährlich. Zwangsläufige Chaotisierung im Wachstum war ja lange eine Hoffnung ihrer Gegner. Man sollte sich nicht darauf verlassen.

Aber es gibt nicht nur Jubel an diesem Abend. Etliche sicher geglaubte Wahlkreise hat die AfD Sachsen nicht gewonnen, darunter den von Urban.

Zu später Stunden sitzt an einem Tisch der Bar vom Dresdner Hotel Maritim André Barth und geht auf seinem Telefon die Tabellen mit den Ergebnissen durch. Er ist der Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Fraktion im Landtag. Mit 0,3 Prozent liegt seine CDU-Konkurrentin im Erzgebirge vorn. Barth hat einen Listenplatz, die Erststimme spielte eigentlich keine Rolle für ihn – nun ist er aber doch geknickt.

"Wenn wir jetzt die Ergebnisse als große Erfolge feiern, zeigt das auch: Die CDU ist bescheiden geworden."

Barth hatte Aufstiegspläne in der AfD, das dürfte nun schwieriger werden; es ist nicht mal klar, ob er seinen bisherigen Posten behalten kann. Und das alles nur wegen der paar Hundert Stimmen, glaubt er. "Ich will nun auch eine neue Balance in meinem Leben finden", sagt Barth. Seit Jahren sei er doch im Wahlkampf. Während die anderen AfD-Politiker Bier trinken, hat Barth eine Cola bestellt. "Ich will mich wieder mehr um meine Modelleisenbahn kümmern", sagt er.

Das wäre natürlich der Wunschtraum der Union. Die AfD kümmert sich um Märklin-Welten, die auch als eher konservativ gelten, die CDU um das reale Deutschland. Aber so kommt es natürlich nicht.

"Puh." Wolfgang Bosbach, konservatives Urgestein der CDU, muss am Wahlabend "einmal kräftig durchatmen". Es hätte schlimmer kommen können, findet er. "Wenn wir jetzt die Ergebnisse allerdings als große Erfolge feiern, zeigt das auch: Die CDU ist bescheiden geworden." Das muss sie wohl. Allmählich gleitet sie aus dem Status der Volkspartei hinaus, besonders deutlich in Brandenburg.

In Sachsen dagegen wird am Wahlabend der Scheinsieg gefeiert. Die Partei trifft sich im Restaurant Chiaveri hoch oben im Sächsischen Landtag. Auf der Dachterrasse mit dem atemberaubenden Blick über die Altstadt drängen sich die Gäste unter den Sonnenschirmen. Blitze zucken, es donnert, der Regen fällt in Strömen, als wolle wenigstens der Himmel darauf hinweisen, dass dies eher düstere Zeiten sind.

An einem Tisch drängen sich Kamerateams, Fotografen und die Aktivisten der Jungen Union mit den "Team-Kretschmer"-T-Shirts. Hier sitzt der einstige Ministerpräsident Kurt Biedenkopf mit seiner Gattin Ingrid. Als "König Kurt" hat er 1994 ein  Wahlergebnis von 58 Prozent für die CDU in Sachsen eingefahren. Nun muss er zittern, dass seine einst stolze Partei stärkste Kraft bleibt.

Als die 33,5 Prozent der ersten ZDF-Prognose über den Bildschirm im Chiaveri flimmern, brandet Jubel auf. Biedenkopf sagt, er sei "begeistert". Sein Nachfolger Michael Kretschmer habe "in der Partei ein neues Gemeinschaftsgefühl geweckt und jüngere Menschen angesprochen". Als Michael Kretschmer um 18.12 Uhr im Chiaveri vor seine Anhänger tritt, feierten sie ihn, als hätte er Biedenkopfs 58 Prozent getoppt. "Wir haben es geschafft", rief Kretschmer. "Das freundliche Sachsen hat gewonnen."

Landtagswahlen 2019 in Sachsen

Landtagswahlen 2019 in Sachsen

Landtagspräsident Matthias Rößler steht am Rand. Er hat einen Zettel für die Sprachregelung innerhalb der CDU in der Tasche. Schlagworte: "demütig, souverän, Blick nach vorn". Und die Kernbotschaft lautet: "Zuhören, verstehen, anpacken".

Rößler spricht von einem harten Kampf in den vergangenen Wochen, von einem Vertrauensverlust, den man wieder wettmachen müsse. "Auch die Bundespolitik hat uns Probleme bereitet", sagt Rößler und meint die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin. Rößler hatte ihren größten parteiinternen Kritiker, den ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen, in seinen Wahlkreis eingeladen.

Maaßen ist in Dresden und sitzt kurz vor Mitternacht in der Bar des Hotels "Penck" mit etwa zehn Leuten zusammen.

Es sei doch verrückt, findet Maaßen: "Die Union hat hier in Sachsen das elfte Mal seit 2016 erhebliche Verluste erlitten, und vermutlich wird die Parteiführung auch diesmal so tun, als sei nichts gewesen. Die Partei muss dringend über einen neuen inhaltlichen Kurs nachdenken. Und weil er mit dem bestehenden Führungspersonal nicht möglich ist, braucht es auch personelle Konsequenzen."

AKK weg? Merkel weg? Die großen Fragen liegen auch nach der Wahl auf dem Tisch. Zu einer Koalition mit den Grünen sagt Maaßen: "Die CDU sollte zumindest ihre Mitglieder befragen, ob sie das wollen. Ich bin gegen eine Koalition mit den Grünen, sie würde der Partei sehr schaden."

CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer, Kretschmer: Sehen so Sieger aus?
Maja Hitij / Getty Images

CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer, Kretschmer: Sehen so Sieger aus?

Ebenso sieht das Werner Patzelt, Politikwissenschaftler und, wie Maaßen, Mitglied der konservativen Splittergruppe WerteUnion. Er wurde von der Landes-CDU als Wahlkampfberater engagiert, womit man sich von Angela Merkels Flüchtlingspolitik distanzierte. Die WerteUnion kämpft heftig dagegen.

Patzelt hatte Kretschmer vorgeschlagen, eine Minderheitsregierung zu bilden – und damit auch auf eine mögliche Zusammenarbeit mit der AfD zu setzen. Kretschmer erteilte dem Vorschlag eine Absage und bekräftigte das am Wahlabend. Einzige Option: ein Bündnis mit der SPD und den Grünen, die Kenia-Koalition. Patzelt sagt: Das würde "die CDU zerreißen".

Aus vielen Gesprächen wisse er, dass jene Wähler, die von der CDU zur AfD gewandert sind, nichts weniger wollten als eine CDU-Regierung mit den Grünen. "Folglich befürchte ich, dass die CDU in einer solchen Koalition Schaden nimmt und die AfD gemästet wird." Er sieht diesen Kurs skeptisch, sehe aber, dass der Landesvorsitzende jedes Recht habe, diesen Weg zu gehen. Deshalb beharre er auch nicht auf alten Vorschlägen.

Das Verhandlungsgewicht gegenüber den Grünen könnte steigen, sollte die CDU einen Mitgliederentscheid über die Koalition planen. "Das wäre durchaus eine taktische Überlegung für die CDU, die wir erwägen sollten", sagt er.

Für die AfD sind diese Überlegungen eine schöne Chance, die CDU zu spalten. In der Bundespressekonferenz am Montagmorgen behaupten die Wahlsieger Andreas Kalbitz und Jörg Urban, dass Kooperationen zwischen AfD und CDU auf lokaler Ebene bereits Alltag seien. Die Realität sei viel weiter als das, was die Union auf der Bundesebene vertrete, sagt Kalbitz. Es gebe zwar noch keine formalen Koalitionen, jedoch praktische Zusammenarbeit.

Jörg Urban pflichtet ihm bei: "Es wird sicherlich ein ostdeutsches Bundesland sein, wo die AfD zum ersten Mal mit der CDU oder auch der FDP eine bürgerliche Regierung bilden wird."

"Es wird ein ostdeutsches Bundesland sein, wo die AfD zum ersten Mal mit der CDU eine Regierung bilden wird."

Auch Gauland macht mit Blick auf die sächsische CDU deutlich, dass er sich ein gemeinsames Regieren mit der CDU in Zukunft vorstellen könne. "Ich bin sehr zuversichtlich, dass sich mittelfristig eine bürgerliche Mehrheit durchsetzen kann", so Gauland in der Pressekonferenz. Im Vergleich der Brandenburger und der sächsischen CDU habe Michael Kretschmer immerhin die richtigen Signale gesendet. Außerdem habe es in Sachsen CDU-Politiker wie Hans-Georg Maaßen und Werner Patzelt gegeben.

Vor allem Maaßen wird AKK weiter nerven, wird Unruhe in die Partei tragen. Durch das Wahlergebnis in Sachsen hat die Vorsitzende allerdings Zeit gewonnen, sie kann Luft holen, sich aber nicht sicher fühlen. Das ist schon am Wahlabend im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin zu spüren, wo anlässlich der Wahlen in Sachsen und Brandenburg die regionalen Klassiker Quarkkeulchen mit Pflaumenkompott und Pellkartoffeln mit Kräuterquark gereicht werden. Die Unzufriedenheit mit Kramp-Karrenbauer wird zwar fürs Erste kaum öffentlich artikuliert, aber sie ist da. Die Vorsitzende weiß das: "Und es gehört zur Wahrheit, dass wir über manche Hürden gemeinsam, auch ich persönlich, nicht so elegant sind, wie das hätte sein sollen", sagt sie am Montagmorgen in der ARD.

Ausgerechnet der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther, ein Unterstützer Kramp-Karrenbauers, traut sich am Montag in der "Welt" zu einigen mahnenden Sätzen: Die Ansprache der Parteichefin und ihres Generalsekretärs Paul Ziemiak sei "offenkundig nicht perfekt", das Wahlergebnis nennt Günther ein "Alarmsignal" und verlangt, "dass wir auch inhaltlich klare Punkte setzen".

Landtagswahlen 2019 in Brandenburg

Landtagswahlen 2019 in Brandenburg

Nur wie?

Innere Sicherheit, eine strenge Zuwanderungspolitik – das will der rechte Flügel der Partei. Klimaschutz, eine liberale Gesellschaftspolitik – das will der linke Flügel. Und Kramp-Karrenbauer hat bislang kein Talent gezeigt, die beiden Seiten miteinander zu versöhnen. Ihr fehlt aber auch die Autorität, auf einen der Flügel zu setzen, wie einst Merkel.

Die trat am Wahlabend nicht in Erscheinung, wurde kaum erwähnt bei all den Gesprächen und Diskussionsrunden. Schon im Wahlkampf spielte Merkel fast keine Rolle, als habe sie mit all dem nichts zu tun. Dabei ist sie als Phantom immer dabei, da ihre Flüchtlingspolitik die AfD stark gemacht hat.

Kretschmer hat in Sachsen gezeigt, dass man als CDU-Politiker Erfolg haben kann, wenn man sich von Merkel absetzt. Das war bislang meist anders. Damit beginnt die Endphase der Endphase der Ära Merkel, als letzte Station eines Übergangs, der viel zu lange dauert. Die Politik hat eine Schieflage, wenn die theoretisch wichtigste Akteurin in wichtigen Situationen nicht mehr agiert.

Ein Vizekanzler kann das nicht ersetzen, auch wenn Olaf Scholz nach dem Wahlsonntag seltsam entspannt ist. Scholz, der bald auch SPD-Vorsitzender sein möchte, trägt Jeans, dazu ein offenes Hemd, er sieht etwas lässiger als sonst. Berlin-Mitte, Bundesfinanzministerium, Montag um halb neun.

Nein, das Wahlergebnis regt ihn nicht auf. Weder die traurigen 7,7 Prozent seiner Partei in Sachsen noch die Erfolge der AfD. Man muss allerdings wissen, dass Scholz so gut wie nie etwas aufregt. Die SPD könnte sogar unter die Fünf-Prozent-Hürde sacken, und Scholz würde es wohl als Teil seines Plans für den baldigen Einzug ins Kanzleramts umdeuten.

Im Umgang mit der AfD mahnt er seit Langem zur Gelassenheit. Er glaubt, man könne diese Partei wieder kleinkriegen, indem man den Menschen gute Politik anbietet, Lösungen für ihr Leben.

Eine Gelegenheit bietet sich am Freitag, den 20. September. Dann trifft sich das von Angela Merkel ins Leben gerufene Klimakabinett, es geht um die Herausforderung des Klimawandels und darum, was diese Regierung ihr politisch noch entgegensetzen kann. "Wir brauchen einen großen Wurf in der Klimapolitik, wenn wir als Regierung weiter eine Berechtigung haben wollen, das Land zu führen", sagt Scholz: "Am Ende müssen wir sagen können: Das reicht, damit wir die Klimaziele erreichen, die wir uns selbst gesetzt haben und auf die wir uns international verständigt haben. Ein Klein-Klein in der Klimapolitik hilft nicht weiter. Wir müssen wegkommen von einer Politik, in der wir uns Richtiges nicht trauen, weil wir zu ängstlich sind wegen der möglichen Reaktionen."

Es klingt fast wie eine Drohung an die Koalitionspartner CDU und CSU, nach dem Motto: Wenn wir da nicht liefern, ist die Regierung am Ende.

Scholz muss das Signal setzen, dass auch er diese Koalition nicht um jeden Preis fortsetzen will. Er weiß, dass seine Konkurrenten um den Parteivorsitz den Druck nun erhöhen werden. Karl Lauterbach, einer von Scholz‘ Rivalen, twittert am Montag: "Die GroKo schadet mittlerweile allen außer der AfD."

Die gute, alte SPD, es gibt sie noch. Am liebsten kümmert sie sich um Organigramme, auch in höchster Not.

Auf 23 Regionalkonferenzen muss sich Scholz von Mittwoch an der Partei präsentieren, zusammen mit seiner Partnerin Klara Geywitz. Die hat es am Sonntag in Potsdam nicht mehr in den Landtag geschafft, für ihre Bewerbung um den Vorsitz ist das ein schwerer Rückschlag. Andererseits dürfte sie jetzt sehr viel Zeit für die SPD haben.

Die beschäftigt sich an diesem Morgen tatsächlich mal wieder mit sich selbst – ausgerechnet am Tag nach diesen Wahlen. In der Vorstandssitzung geht es darum, wie die Parteistrukturen verschlankt werden können, die sogenannte Organisationspolitische Kommission legt erste Vorschläge auf den Tisch. Diskutiert wird unter anderem, sowohl den Vorstand als auch die Parteitage zu verkleinern – und die Zahl der stellvertretenden Vorsitzenden von sechs auf drei zu reduzieren. Selbst der Posten des Generalsekretärs scheint nicht sakrosankt. Im Papier heißt es, das Zusammenspiel von Doppelspitze, Generalsekretär, Schatzmeister und Bundesgeschäftsführer solle geklärt werden.

Die gute, alte SPD, es gibt sie noch. Am liebsten kümmert sie sich um Organigramme, auch in höchster Not. Dieses wäre geradezu eine Revolution. Die Frage ist nur, ob das da draußen irgendjemanden interessiert.

Menschen wie Rico Zimmerling beispielsweise, der am Sonntagnachmittag sein Fahrrad vor dem Wahllokal im sächsischen Stauchitz abstellt, eine Gemeinde zwischen Leipzig und Dresden, 3200 Menschen.

Scholz (l.), Geywitz: "Freue mich auf die nächsten Wochen"
Kay Nietfeld / dpa

Scholz (l.), Geywitz: "Freue mich auf die nächsten Wochen"

Zimmerling arbeitet als Bauleiter, spricht man ihn auf die SPD an, fährt er mit der Hand unwirsch durch die Luft: "Die Parteien sind doch veraltet und bieten nichts Aktuelles mehr." Er schiebt gleich nach: "Die müssen sich erst mal neu erfinden, da wird jetzt eine neue Spitze zusammengewürfelt, in aller Ruhe. Aber die Probleme, die haben wir jetzt."

Der 39-Jährige will nicht darauf warten, bis die SPD irgendwann mal einen neuen Kurs und eine neue Führung gefunden hat. "Es müsste jetzt etwas passieren, bei der SPD weiß ich aber nicht, wo die hinsteuern." Dann dreht er sich um und geht ins Wahllokal.

Wen hat er gewählt? Die Sozialdemokraten wohl eher nicht.

Am Ende dieses Tages wird die SPD hier bei 4,4 Prozent landen. In Stauchitz ist die Fünf-Prozent-Hürde schon gerissen.

In Berlin setzt Olaf Scholz jetzt wieder sein typisches Lächeln auf, das so rätselhaft selbstgewiss wirkt. Und er sagt, tatsächlich, an diesem Montagmorgen: "Ich freue mich auf die nächsten Wochen."

Etwas grüblerischer zeigten sich nach dem Wahltag die Grünen. Gemessen an den eigenen Worten und Ansprüchen ist dieser nicht ganz glücklich verlaufen.

Die Parteichefs Robert Habeck und Annalena Baerbock hatten die drei Wahltermine in Brandenburg, Sachsen und im Oktober in Thüringen zum Ereignis des Jahres erklärt – für die Partei und auch für sie selbst. Es klang immer etwas Menetekelhaftes mit: die Frage, ob das Hoch, das die Grünen jetzt länger trägt als je zuvor, anhalten wird.

Robert Habeck dürfte in nächster Zeit etwas seltener gefragt werden, was er als Bundeskanzler zu tun gedenke.

Die Ostwahlen sollten eine Art Reifeprüfung sein, nach dem Motto: Wenn wir es dort schaffen, schaffen wir es überall. Endlich wollten sie das Image abstreifen, eine Partei der besserverdienenden Wessis zu sein, die vom Osten keine Ahnung hat, und schlimmer noch: kein Interesse zeigt. "Alle reden von Deutschland, wir reden vom Wetter", das war ja keine üble Nachrede, sondern der grüne Slogan im Jahr 1990, dem Jahr der Wiedervereinigung.

Stellvertretend für viele in seiner Partei hat Habeck den Wahlkampf im Osten als eine Art Mea-culpa-Tour aufgezogen. Zu lange habe man sich nicht für die Regionen dort interessiert, sei besserwisserisch und hochnäsig gewesen, er selbst mache da keine Ausnahme, müsse viel nachholen. So war er unterwegs. Es ist typisch für Habeck, erst mal die eigene Schwäche offenzulegen; es ist seine Art, sich unangreifbar zu machen.

Das Ergebnis vom Sonntag mag gemessen an der Vergangenheit respektabel sein 10,8 Prozentin Brandenburg, 8,6 Prozent in Dresden. In Brandenburg haben die Grünen ihr Ergebnis nahezu verdoppelt. Gemessen an den jüngsten Erwartungen aber ist es nicht berauschend. Das merkt man auch Habecks routiniertem Klatschen am Abend der Wahl in der Parteizentrale an. Er bedankt sich für einen "perfekten Wahlkampf".

Grünen-Parteispitze Baerbock (r.) und Habeck: "Ein bisschen egal"
Markus Schreiber / AP Photo

Grünen-Parteispitze Baerbock (r.) und Habeck: "Ein bisschen egal"

Auch Baerbock "freut sich total" über das Ergebnis, räumt aber ein, dass die Erwartungen bei manchen höher waren. Die Leute hätten nicht in einem Bundesland leben wollen, in dem die AfD stärkste Partei ist. "Deshalb ist es uns nicht gelungen, die sehr gute Stimmung in jede einzelne Stimme umzusetzen."

Habeck findet, ein halbes Prozent sei mehr oder weniger doch "ein bisschen egal". Am Ziel, die AfD nicht stärkste Partei werden zu lassen, hätten die Grünen jedenfalls mehr als nur mitgewirkt und dabei, selbstverständlich, "auch Federn gelassen". Nun dürfen sie wahrscheinlich in zwei weiteren Ländern mitregieren, in Sachsen mit CDU und SPD, in Brandenburg mit SPD und Linken. Als Juniorpartner jeweils.

Haben sie immerhin geschafft, was sie auch wollten? Die Grünen und den Osten näher zusammenzubringen? Habeck nickt.

Einen Vorteil hat der eher durchwachsene Wahlausgang für die Grünen in jedem Fall: Robert Habeck dürfte in nächster Zeit etwas seltener gefragt werden, was er als Bundeskanzler zu tun gedenke. Der Hype um ihn und den Höhenflug seiner Partei hatte nach den Europawahl bisweilen groteske Züge angenommen. Jedenfalls haben die Wähler in Brandenburg und Sachsen nun noch einmal daran erinnert, wie es war, als die Grünen noch eine herkömmliche Acht-Prozent-Partei waren, die über das überschaubare Millieu ihrer Kernklientel kaum jemanden interessiert.

Das hätte sich die FDP am Wahlabend gern nachsagen lassen, aber sie kam weder in Sachsen noch in Brandenburg über fünf Prozent. Auch sie tat sich im Osten traditionell schwer, da ihr der Ruf anhaftet, eine zutiefst westdeutsche Partei zu sein. Die FDP wird dort, trotz kleiner Zuwächse, nicht gebraucht.

Bei der Wahlparty der Brandenburger FDP passte der Ort zur Stimmung. In einem fensterlosen Raum im Erdgeschoss eines Potsdamer Hotels verfolgten enttäuschte Liberale die Bekanntgabe der ersten Prognose. Wer auf die Terrasse wollte, um zumindest den lauen Abend zu genießen, musste durch einen Saal hindurch, auf dem die Grünen ein Buffet für ihre Feier aufgebaut hatten.

In Dresden sah es am Sonntagabend nicht besser aus. "Für mich ist das zutiefst frustrierend", sagt der sächsische FDP-Chef Holger Zastrow. Der Unternehmer hatte in seinem Landesverband einen eigenen Wahlkampfstil gepflegt, weitgehend unabhängig von der Bundespartei, "mit eigenem Strickmuster", wie er sagt. Und dennoch: "Auch ich habe es nicht gewuppt", sagt Zastrow.

AfD-Anhänger beim Politischen Frühschoppen: "Auf allen inhaltlichen und politischen Ebenen jagen"
Andreas Gebert / Reuters

AfD-Anhänger beim Politischen Frühschoppen: "Auf allen inhaltlichen und politischen Ebenen jagen"

Aber das eigentliche Problem der FDP sind nicht ihre Spitzenkandidaten in den Ländern. Es sitzt tiefer. Durch die Absage an Jamaika im Bund und die rhetorischen Fehltritte ihres Vorsitzenden Christian Lindner ("Klimaschutz ist eine Sache für Profis") erscheinen die Liberalen den meisten Wählern nicht als ernstzunehmende politische Alternative.

In der Partei beklagen die einen fehlende Empathie mit der Klimabewegung, die anderen würden gern stärker auf die AfD zugehen. Wer Christian Lindner am Sonntagabend in der Berliner FDP-Zentrale erlebt, gewinnt den Eindruck, er wolle in Zukunft im Zweifel lieber rechts als links blinken. "Die Strategie des Moralisierens und der Ausgrenzung, auch der Kritik an den Wählerinnen und Wählern der AfD, diese Strategie der etablierten Parteien hat nicht funktioniert", sagt er in einer kurzen Ansprache. Deutschland sei gespalten zwischen Grünen und AfD-Hochburgen. Deshalb brauche das Land "in vielen Fragen wie der Migration und dem Klima, den beiden Treibsätzen der politischen Debatte, einen neuen Konsens".

Ob er selbst einen Fehler gemacht habe, wird der Parteichef am nächsten Morgen in der Bundespressekonferenz gefragt. "Können Sie mal was vorschlagen?", gibt er die Frage gereizt zurück. "Wir gewinnen gemeinsam, wir verlieren gemeinsam", fügt der FDP-Chef hinzu.

Immerhin beginnt in seiner Partei nun eine – wenn auch zaghafte – Debatte über die Gründe für den Misserfolg. Einen offenen Diskurs hatte es in der Ära Lindner bislang eher selten gegeben. Der Thüringer FDP-Spitzenkandidat Thomas L. Kemmerich wirft seiner Partei vor, beim Klima und in der Migration keinen klaren Kurs zu haben und legt sich mit den verbliebenen Linksliberalen an. Wenn die FDP in den Ländern zu einem Thema klar Position beziehe, "springt uns ein Gerhart Baum oder die Julis entgegen", hat er nach der Wahlnacht erklärt.

Der Altliberale Baum, einst Bundesinnenminister und so etwas wie das Restgewissen einer FDP aus den Zeiten der sozialliberalen Ära, reagiert auf die Kritik Kemmerichs gereizt. "Warum kritisiert Herr Kemmerich diejenigen, die die Schwächen der FDP benennen, statt selbst dafür zu sorgen, dass die Partei liberale Wähler erreicht", sagt er. Die "Schwäche der FDP ist es, dass sie keine verlässlichen politischen und gesellschaftlichen Alternativen anbietet", sagt er. "Ohne Kurskorrektur wird das nicht gehen."

Der alte Mix aus Kümmerer- und Protestpartei funktioniert bei der Linkspartei nicht mehr.

Ein Satz, der am meisten wohl für die Linken gilt. Für sie sind die Wahlen in Brandenburg und Sachsen ein Debakel. Im Osten gerierten sich die Genossen immer als Volkspartei. Doch jetzt sind sie abgestürzt. Nur noch gut zehn Prozent in beiden Ländern – beinahe Westwerte. In Potsdam könnte die Linke sogar nach zehn Jahren aus der Regierung fliegen, sollte sich die SPD auf ein Kenia-Bündnis mit Union und Grünen einlassen.

Längst steckt die Partei in einer tiefen Identitätskrise. Der alte Mix aus Kümmerer- und Protestpartei funktioniert nicht mehr. Stattdessen haben die Genossen ein Imageproblem. Bei den Wahlen verlieren sie an die AfD – aber auch an Union, SPD, Grüne. Das lässt Spielraum für Interpretationen, für Streit um den künftigen Kurs.

In den vergangenen Monaten hatte es bereits aus Teilen der Partei heftige Kritik an der Strategie der Vorsitzenden gegeben, auf neue, eher grüne Wählermilieus zuzugehen. Diese Debatte bricht nun wieder auf. "Wenn uns die Stammwählerschaft wegbricht, kann unsere Partei schnell Geschichte werden", sagt Vize-Fraktionschef Fabio De Masi. "Eine überdrehte Lifestyle-Partei funktioniert vielleicht in den Städten, aber nicht in der Fläche." Spätestens nach der Thüringen-Wahl im Oktober, fordert De Masi, "sollten die Parteivorsitzenden in Aussicht stellen, nicht mehr anzutreten".

Im kommenden Jahr stehen bei den Linken Vorstandswahlen an. Ob Katja Kipping und Bernd Riexinger noch einmal kandidieren, ist offen. Die beiden Parteichefs verteidigen am Montag in der Bundespressekonferenz ihre Linie. Es wäre verrückt, Klimaschutz und die soziale Frage gegeneinander auszuspielen, sagt Riexinger. Kipping sagt aber auch: "Wir werden uns über eine Neuaufstellung verständigen – ohne Tabus." In der Vorstandssitzung wird sie kurz zuvor offenbar noch konkreter. "Ich klebe nicht an meinem Stuhl", sagt Kipping nach Angaben mehrerer Teilnehmer. Vielleicht soll der Satz nur die schockierten Genossen beruhigen. Doch der nächste Machtkampf ist längst in Gange.

"Große Koalition" wirkt wie ein Begriff aus einer anderen Zeit.

Das schlechte Ergebnis der Linken verhindert auch, dass sich die Union ernsthaft Gedanken darüber machen muss, ob sie eine Koalition mit dieser Partei akzeptabel fände. Ein solches Bündnis wird es nicht geben, und das ist immerhin ein positives Ergebnis dieser Wahl. Denn es nützt niemandem, wenn sich in der Not Parteien zusammentun, die nichts miteinander zu tun haben wollen. Schon bei der CDU und den Grünen in Sachsen wird das schwierig.

Das ist die eigentliche Zumutung dieses Wahlergebnisses, dass eine Partei, die weit entfernt ist von einer Mehrheit, die politische Tagesordnung so sehr dominiert. Das ist in gewisser Weise verständlich, weil die AfD das große deutsche NS-Tabu unterminiert und damit für Aufregung sorgt. Derzeit, so bitter das ist, ist sie das Zentrum, um das alle anderen kreisen, mit gebührendem Abstand.

Mit einem Spitzenpolitiker wie Kalbitz können die anderen Parteien die AfD nur ausgrenzen. Aber diese Ausgrenzung wird wieder zum Argument für die AfD, wie scheinheilig die liberalen Demokraten seien. Politik wird nach diesem Wahltag noch komplizierter.

Das gute alte Zweierbündnis ist auf dem Rückzug, Große Koalition wirkt allmählich nur noch wie ein Wort aus einer anderen Zeit. Die Dreierkoalition wird zum Normalfall. Bislang gibt es sie in sechs Bundesländern, zwei weitere kommen nun wahrscheinlich hinzu, ersetzen eine Große Koalition in Sachsen und ein rot-rotes Zweierbündnis in Brandenburg.

Das alles passiert auch wegen einer AfD, deren Sound so klingt wie zum Beispiel in einer  Wahlanalyse des sächsischen Generalsekretärs Jan Zwerg. Er klagte über "massive Behinderungen durch Medien, Gewerkschaften, Kirchen, Linksextremisten und auch durch Verbände der Großindustrie". Der CDU-Sieg sei "das erbärmliche Ergebnis eines Komplotts von SPD, Grünen und Linken". Die gekürzte Landesliste sei "ein perfides Beispiel massiver Wahlbehinderung" und eine "politische Schmierenkomödie". Die CDU habe bereits vor der Wahl festgelegt "mit ultralinken Umweltutopisten und Einwanderungsfanatikern" und einer "zerbröselnden einstigen Arbeiterpartei weiterzuwursteln". Fazit: "Wir werden diesen peinlichen, rückgratlosen Block auf allen inhaltlichen und politischen Ebenen jagen."

So redet man nicht über Gegner, so redet man über Feinde.

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