Der einflussreichste Rassenhygieniker des "Dritten Reichs" fehlte, als in der Nacht des 16. Oktober 1946 zehn der schlimmsten Verbrecher des Naziregimes in der Sporthalle des Nürnberger Justizgefängnisses gehenkt wurden.

Der in der Schweiz geborene Psychiater Ernst Rüdin war von den Alliierten zuvor als Mitläufer aussortiert worden – obwohl Tausende Tote auch auf das Konto dieses selbst ernannten Reformers gingen. Lediglich durch ein Herzleiden eingeschränkt, verlebte Rüdin seine letzten Lebensjahre in München; 1952 starb er.

Statt Kranken zu helfen, kannte dieser Psychiater für vermeintlich Schwachsinnige und "Degenerierte" vor allem eine Therapie: die Zwangssterilisation. Schon etliche Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten machte er als radikaler Verfechter eines sogenannten erbgesunden Volkes von sich reden.

Es dauerte dennoch bis in die Achtzigerjahre, dass sich Forscher erstmals darüber Gedanken machten, ob und in welcher Weise Rüdin Schuld auf sich geladen hatte.

Was bis heute kaum bekannt ist: Bis weit in die Nachkriegszeit hinein propagierte eine Gruppe internationaler Mediziner die Lehren Rüdins – in den USA, in Großbritannien und sogar im liberalen Schweden.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 21/2019.
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