Selbst der Serientäter, der zehn Jahre hinter Gittern saß, durfte auf Resozialisierung hoffen. Vielen wäre es sogar das Liebste gewesen, er hätte nie im Gefängnis gesessen. Dass Strafe Menschen nicht bessere, sondern im Gegenteil auf noch größere Abwege führe, galt unter Linken als ausgemacht.  

Seit Kurzem gibt es eine Bewegung, die ein radikales Gegenprogramm vertritt. Wer als zu rechts gilt, dem soll der totale gesellschaftliche Ausschluss drohen. Nichts mehr mit Integration und Strafverschonung: "Nazis raus" heißt das Motto der Kampagne, bei der sich vor allem Leute engagieren, die sich selbst als aufgeklärte, vorurteilsfreie Menschen sehen.

Wie bei vielen schnell aufgelegten Programmen ist einiges offen. So bleibt die Frage unbeantwortet, was genau mit den Nazis passieren soll, die nun rausmüssen. Reicht Isolation? Sollten sie aus Deutschland ausgewiesen werden? Oder muss man sie in einer der Mondraketen von Elon Musk in die Umlaufbahn schießen?

Einige Aktivisten erklären, dass mit der Parole "Nazis raus" gemeint sei, Nazis sollten sich nicht mehr öffentlich äußern können. Auch das wird ein frommer Wunsch bleiben. Menschen reagieren meiner Erfahrung nach nicht verständnisvoll, wenn man ihnen sagt, dass sie die Klappe halten sollen, sondern eher trotzig. In einer Demokratie kommt verschärfend hinzu, dass sogar Nazis eine Stimme haben. Wenn man Pech hat, wählen sie genau die Leute, die ihnen sagen, dass sie sie prima finden.

Ich glaube, dass es den Anhängern der "Nazi raus"-Bewegung vor allem darum geht, sich selbst in ein günstiges Licht zu setzen. Wer bei der Kampagne mitmacht, signalisiert damit allen, auf deren Urteil er wert legt, dass er auf der richtigen Seite steht. Jede Demo funktioniert im Prinzip so. Wichtiger als das Anliegen, das man vertritt, ist das Gruppenerlebnis, für eine gute Sache zu streiten.

"Nazis rein" wäre als Motto sehr viel gesellschaftsdienlicher. Selbst echte Nazis hat man zu integrieren versucht. Neben die Entnazifizierung trat nach 1945 schon bald die "Reeducation", mit der die Amerikaner aus überzeugten Nationalsozialisten brave Demokraten machen wollten. Leider kann man sich auf das Geschichtsbewusstsein der Deutschen nicht mehr verlassen. Das gilt, wie sich zeigt, auch für Linke.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 4/2019.
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