Dieses Interview erschien zuerst im Juni 2018 - also vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Schon damals lautete die große Streitfrage in der deutschen Nationalmannschaft: Neuer oder ter Stegen.


Oliver Kahn, 48, gilt als einer der besten deutschen Torhüter der Geschichte. Mit Bayern München gewann er die Champions League und den Weltpokal, mit der Nationalmannschaft verlor er 2002 das WM-Finale gegen Brasilien. Heute arbeitet Kahn als TV-Experte und Unternehmer, seine Firma Goalplay unterstützt weltweit Torwarttrainer.


SPIEGEL: Herr Kahn, das Champions-League-Finale 2018 hat Loris Karius, der Torwart des FC Liverpool, mit zwei Fehlern mitentschieden. Am folgenden Morgen meinte Karius, er habe nicht geschlafen, die Szenen seiner Fehler gingen ihm noch durch den Kopf. Kennen Sie das?

Kahn: 1999 habe ich mit Bayern München das Champions-League-Finale gegen Manchester United in der Nachspielzeit verloren. Die Gegentore waren zwar nicht meine Fehler, aber es war trotzdem grausam. Anders war es beim WM-Finale 2002 gegen Brasilien.

SPIEGEL: Sie ließen einen Schuss vor die Füße von Ronaldo prallen, der das 1:0 erzielte.

Kahn: In solchen Momenten entstehen extrem negative Gefühle, wie sie Loris Karius erlebt hat. Direkt nach dem Spiel kann man noch damit umgehen. Aber irgendwann sinkt der Adrenalinspiegel, und der Körper fährt sich runter. Das ist der Moment, in dem es richtig hart wird, weil man dann anfängt, über die Konsequenzen nachzudenken.

SPIEGEL: Wann kam das bei Ihnen?

Kahn: Ich weiß noch, wie ich am Morgen nach dem Champions-League-Finale 1999 im Hotelzimmer aufgewacht bin. Ich habe mich gefühlt, als wäre mir ein Amboss aus dem zehnten Stock auf den Kopf gefallen. Als Spieler träumt man ein ganzes Leben davon, diesen großen Titel zu gewinnen, und dann lassen wir ihn uns in zwei von drei Minuten Nachspielzeit wegnehmen!

SPIEGEL: Durchlebt das jeder Spieler?

Kahn: Es gibt auch Spieler, die machen sich nicht so viele Gedanken. Mario Basler hat wenige Stunden nach der Niederlage gegen Manchester beim Bankett schon wieder gefeiert. Das war seine Art, das zu verarbeiten. Torhüter sind meistens anders gestrickt. Ich will sagen: Es hängt nun sehr stark von Karius' Charakter ab, wie er diesen ganzen Wahnsinn verarbeitet.

SPIEGEL: Er ist noch sehr jung.

Kahn: Das ist genau der Punkt. Er kennt solche Situationen noch nicht. Ein Spieler mit größerer Erfahrung kann das möglicherweise schneller verarbeiten und den Blick wieder nach vorn richten. Bei einem noch jungen Sportler gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder er wächst an der Situation, was viel mentale Arbeit erfordert, oder, wie ich bereits bei der TV-Analyse im ZDF gesagt habe: So etwas kann auch mal eine Karriere zerstören.

SPIEGEL: Ihnen ist schon bewusst, dass er Ihren Kommentar auch mitbekommt?

Kahn: Für Phrasendrescherei nach dem Motto "Kopf hoch, das wird schon wieder" bin ich nicht zu haben. Weil es der Situation nicht gerecht wird, sondern sie banalisiert. Wie oft haben wir erlebt, dass Sportler nach so einem Fiasko nicht mehr ihr höchstes Niveau erreicht haben. Andererseits haben wir zum Beispiel Bastian Schweinsteiger gesehen, der im Champions-League-Finale 2012 gegen Chelsea den entscheidenden Elfmeter verschossen hat. Was wurde damals für eine Häme über ihn ausgeschüttet. Ein Jahr später wurde er Champions-League-Sieger und 2014 Weltmeister, weil er die richtigen Schlüsse gezogen hat. Ich wünsche Loris Karius, dass es ihm gelingt, ähnlich gestärkt aus diesem Erlebnis hervorzugehen.

SPIEGEL: Karius hat sich tränenreich bei den Fans entschuldigt. Ist es ein gutes Zeichen, dass er seine Gefühle zeigt?

Kahn: Entscheidend ist immer die eigene Authentizität. Wenn ich wirklich das Bedürfnis in mir spüre, meine Gefühle zu zeigen, dann sollte ich das tun. In solchen Situationen reagiert jeder Spieler anders. 1999 konnte ich kaum Emotionen zeigen, ich hatte eher ein Gefühl der kompletten inneren Lähmung. 2002 war es schon besser. Da habe ich mich nach dem WM-Finale eben ein paar Minuten an den Pfosten gesetzt.

SPIEGEL: Weil Sie allein sein wollten?

Lade...

Gutes lesen. Mehr verstehen.

Sie haben keinen Zugang? Jetzt gratis testen!

  • Jeden Tag mehr Durchblick: Besondere Reportagen, Analysen und Hintergründe auf SPIEGEL ONLINE zu Themen, die unsere Gesellschaft bewegen, von Reportern in aller Welt.
  • Dazu die digitale Ausgabe des wöchentlichen Magazins.
  • Einmal anmelden, überall nutzen – mobil, Web, Tablet, auf allen Ihren Geräten.
  • Flexible Laufzeit, jederzeit online kündbar
Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 23/2018.
Hinweis

SPIEGEL+ kann in Ihrer App leider nicht dargestellt werden. Bitte installieren Sie die aktuelle App-Version oder wechseln Sie auf die mobile Website m.spiegel.de, um SPIEGEL+ lesen zu können. Vielen Dank!

SPIEGEL+ kann in Ihrem Browser leider nicht dargestellt werden. Bitte installieren Sie die aktuelle Version Ihres Browsers oder wechseln Sie zu einem anderen aktuellen Browser, um SPIEGEL+ lesen zu können. Vielen Dank!

SPIEGEL+ kann auf Ihrem Gerät leider nicht angezeigt werden. Bitte aktualisieren Sie, wenn möglich, Ihr Betriebssystem. Vielen Dank!