Warum ist der linke Unterkiefer stets dunkelgrau, der rechte hingegen elfenbeinweiß? Und wieso unterscheiden sich die beiden Körperhälften in ihrer Marmorierung so deutlich voneinander? Eine Laune der Natur? Solch markante Asymmetrie findet sich selten im Tierreich – und doch gilt sie Forschern nur als eines von vielen Mysterien, die der Omurawal ihnen aufgibt.

Das größte Rätsel ist, dass es diese Tiere überhaupt gibt. Wie nur war es möglich, dass die Existenz dieser 20-Tonnen-Kolosse Fischern, Walfängern und Meeresforschern über Jahrhunderte verborgen geblieben ist? Erst im Jahr 2003 wurde diese Walart anhand eines Kadavers und mehrerer in Museen aufbewahrter Gebeine beschrieben. 2014 sichtete und filmte erstmals ein Forscherteam lebende Exemplare.

Jetzt hat Salvatore Cerchio vom New England Aquarium in Boston eine umfängliche Studie über diese Spezies vorgelegt. Wichtigstes Ergebnis: Omurawale sind weiter verbreitet als gedacht. Sie kommen in vielen tropischen Meeren vor. Und sie halten sich überwiegend in flachen Küstengewässern auf. Es muss also immer wieder zu Begegnungen mit Menschen gekommen sein. Trotzdem nahm niemand von der Walart Notiz.

Cerchios Bestandsaufnahme öffnet nun ein Fenster in die unbekannte Welt der Omurawale – und offenbart zugleich, wie groß die Lücken im Wissen des Menschen über das Leben im Meer noch immer sind.

Jahrelang verfolgte Cerchio eine Population der Wale vor der Nordwestküste Madagaskars. 247 Begegnungen mit den schlanken, elf Meter langen Meeressäugern hat er dokumentiert, 78 Gewebe- und 15 Kotproben gesammelt. Irgendwann war er mit vielen der Individuen vertraut. Ein Weibchen sichtete er viermal in verschiedenen Jahren.

Auch Mikrofone setzten die Forscher aus, um die Gesänge der Wale aufzunehmen. Rund ums Jahr fingen sie so ihre tiefen, tuckernden Laute ein. Vier Individuen markierten sie mit Sendern. Per Satellit konnten sie so nachvollziehen, wie die Omurawale entlang der Küste nach den jeweils besten Krillgründen suchten.

Cerchios großes Omurawal-Abenteuer begann im August 2011. Als er, wie so oft, von der Insel Nosy Be im Nordwesten Madagaskars aufs Meer hinausfuhr, um die dort heimischen Buckeldelfine zu beobachten, sah er plötzlich die Dampffontäne eines Wals. Er hielt den Bootsführer an, in diese Richtung zu steuern, und prompt tauchten zwei Rückenfinnen auf: ein Muttertier mit Kalb. Sie gehörten einer Spezies an, die Cerchio nie zuvor gesehen hatte.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 20/2019.
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