Vor einer Mülltonne in einer Seitenstraße in Athen sitzt der Mann, der fast keine Zähne mehr hat. Sein Gesicht ist blass und ausgemergelt. Leute ziehen vorbei, doch der Obdachlose, der wie 60 aussieht, aber vermutlich jünger ist, scheint sie nicht mal zu sehen. Seine glasigen Augen sind nur auf die Glaspfeife in seiner Hand gerichtet, die er mit einem Feuerzeug erhitzt. Ein paar Sekunden noch bis zum nächsten Schuss.

Sissa heißt die Droge, die Griechenlands Arme zerstört. Das "Kokain der Armen" wird sie auch genannt. Weil eine Dosis gerade mal ein bis zwei Euro kostet - fünfmal weniger als Heroin. Seit der Finanzkrise, die vor einem Jahrzehnt begann, hat sich der Stoff rasant in Griechenland verbreitet.

Besonders bekannt ist die Billigdroge in Athen. Öffentliche Plätze und Straßen in der Innenstadt gelten als Treffpunkte für Drogensüchtige, wo Sissa gespritzt oder geschnupft wird. Viele inhalieren die Droge auch mit einer Glaspfeife - daher der Name, der wie das arabische Wort für Wasserpfeife "Schischa" klingt. Er stammt aus dem Persischen und bedeutet "Glas". Aber auch außerhalb der Hauptstadt wird Sissa mittlerweile konsumiert.

Die Droge wird offenbar immer beliebter. "Wir können beobachten, dass der Sissakonsum weiter steigt", sagt Konstantinos Kokkolis, Psychiater und Programmdirektor der griechischen Antidrogenorganisation Okana. Wie viele Menschen Sissa konsumieren, lässt sich schwer sagen. Im Jahr 2017 gab es laut Europäischem Beobachtungszentrum für Drogen und Drogensucht in Griechenland 14.462 hochgefährdete Abhängige von Opioiden. 

Laut Kokkolis greifen vier bis sechs Prozent der Süchtigen in den Therapieprogrammen seiner Organisation auf den Stoff zurück - zusätzlich zu anderen harten Drogen. Hinzu kämen all jene, die ausschließlich Sissa konsumieren. Weil das vor allem Obdachlose und illegale Einwanderer sind, tauchen die jedoch in den Statistiken oft gar nicht auf. Man könne aber beobachten, dass sich Sissa immer stärker verbreitet, so Kokkolis.

Die synthetische Droge wird in Griechenland hergestellt, meist in illegalen Labors. Hauptbestandteil ist Crystal Meth, dazu werden andere billige, oft hochgiftige Substanzen gemischt. Unzählige Rezepte kursieren im Internet, mit Bestandteilen wie Batteriesäure oder Motoröl. Dass die Produktion so einfach ist, erklärt auch den niedrigen Preis. Deshalb sind es vor allem Menschen am Rand der Gesellschaft - Migranten und Obdachlose - die auf den gefährlichen Stoff zurückgreifen. Jene, die nichts mehr zu verlieren haben, erleben einen kurzen Trip für wenig Geld.

Experten warnen vor den Folgen, die oft tödlich sind. "Sissa führt extrem schnell zur Abhängigkeit", sagt Dimitris Kordatos, Psychiater am staatlich finanzierten Therapiezentrum Kethea in Athen. Oft reiche schon eine geringe Dosis, um Menschen süchtig zu machen. Kurzzeitig erzeugt die Droge ein Gefühl der Euphorie, sorgt für erhöhte Ausdauer und ein geringeres Schlafbedürfnis. Die Nebenwirkungen sind jedoch fatal: Angstzustände, Aggressionen, Gedächtnisstörungen.

Hinzu kommen schwere körperliche Schäden, sagt Michalis Mylonas, als Streetworker für das Drogenhilfsprogramm Kethea Exelixis in Athen arbeitet. Sissasüchtige verlieren Muskelmasse, ihnen fallen die Zähne aus. "Wir sehen Abhängige, die wie Tote herumlaufen", sagt Mylonas. Er und seine Kollegen helfen Süchtigen auf der Straße, bieten ihnen Räume zum Unterschlupf, wo sie ihre Kleidung waschen oder duschen können. "Manchmal treffen wir Sissaabhängige, die nur einen Tag später sterben", sagt der Streetworker.

Mylonas sieht einen direkten Zusammenhang zwischen dem Sissatrend und der griechischen Finanzkrise. Die Billigdroge habe sich in den Jahren 2010 und 2011 auf dem Markt ausgebreitet, zu Beginn der Krise, als immer mehr Menschen in die Armut stürzten. 

Dass die meisten Sissakonsumenten Obdachlose sind, bestätigt diese These. Laut einer Studie der Obdachlosenhilfe Kyada aus dem Jahr 2016 ist die Zahl der Wohnungslosen seit der Finanzkrise dramatisch gestiegen, allein 71 Prozent der Obdachlosen sind zwischen 2011 und 2015 auf der Straße gelandet. Der Erfolg der Billigdroge steht damit sinnbildlich für den sozialen Abstieg vieler Griechen.

Auch die Gewalt im Land nehme durch den Drogenmissbrauch zu, sagt Streetworker Mylonas, und dennoch gebe es noch immer zu wenig staatliche Maßnahmen zur Bekämpfung des Problems. Häufig fänden Betroffene keinen Zugang zu Kliniken, Therapiezentren oder Beratungsstellen. Die Regierung habe keinen nationalen Aktionsplan gegen Drogenmissbrauch entwickelt. Und wie die meisten öffentlichen Einrichtungen seien Suchthilfsprogramme wie Kethea, das größte Antidrogennetzwerk in Griechenland, systematisch unterfinanziert.

Vor wenigen Monaten hat die Regierung allerdings beschlossen, eine neue Strategie im Umgang mit dem Drogenproblem zu testen: Sie will in den Großstädten überwachte Drogenkonsumräume errichten. 

Solche Einrichtungen gibt es bereits in verschiedenen EU-Ländern wie Deutschland oder Spanien: Süchtige können dort unter Begleitung von Ärzten und Psychologen illegale Substanzen konsumieren. Dadurch soll verhindert werden, dass sich Junkies durch verdreckte Spritzen mit Krankheiten anstecken oder an Überdosierung sterben. 

Bereits im Mai hatte die scheidende Syriza-Partei von Alexis Tsipras beschlossen, solche Räume in Athen und Thessaloniki aufzubauen. Auch die konservative Partei Nea Dimokratia, die die Parlamentswahl vom 7. Juli gewonnen hat, hatte mehrheitlich zugestimmt. Die erste Einrichtung soll im September in Athen öffnen, sie wird von Experten der Antidrogenorganisationen Okana und Kethea geführt.

Nicht alle sind glücklich über diese Pläne. Lokale Anwohner in der Athener Innenstadt hatten als Reaktion auf den Regierungsbeschluss einen offenen Brief geschrieben. Darin heißt es: "Wir wollen keine Experimente in unserer Nachbarschaft". Die Bewohner werfen der Regierung vor, mit der Initiative Drogenabhängigkeit zu legitimieren, statt Drogenkriminalität zu bekämpfen. "Ich will nicht, dass unsere Nachbarschaft zu einem Ort für illegale Aktivitäten wird", sagt Vasi Nikolakopoulou, die seit 1973 in der Innenstadt von Athen lebt und den Brief mitunterzeichnet hat. "Uns wurde gesagt, dass solche Einrichtungen in anderen europäischen Ländern funktionieren. Aber wie kann man Griechenland mit einem gut organisierten Land wie Deutschland vergleichen?"

Konstantinos Kokkolis hingegen, der Programmdirektor der Antidrogenorganisation, begrüßt den Vorstoß der Regierung. Er glaubt: Sichere Orte für Drogenabhängige seien ein Schritt in die richtige Richtung.

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