Dieser Text gehört zur Reihe "Bestseller von SPIEGEL+", er ist zuerst erschienen im Oktober 2017.  


Ein Kleintransporter mit französischem Kennzeichen fuhr über die Stadtgrenze von Speyer, im Gepäck einen Sarg aus Blei. Das Behältnis ist winzig, kaum größer als ein Ziegelstein, und schlichter, als man erwarten könnte. Doch das, was darin beerdigt wurde, schrieb Weltgeschichte.

Als die Schatulle im Jahre 1838 bei Grabungen in der Kathedrale von Rouen entdeckt und geöffnet wurde, war nichts mehr von dem Organ zu erkennen, das einst im Brustkorb eines legendären Herrschers geschlagen hatte. Nur bräunlich-weiße Krümel und Stofffragmente waren geblieben vom "Löwenherz" des Richard Plantagenêt, eines der bekanntesten Helden aller Zeiten; den Beinamen verdankt er dem ihm zugeschriebenen Mut und außergewöhnlicher Kampfeskraft.

Der Fund in Rouen, der mithilfe einer Inschrift auf der Innenseite des Deckels identifiziert werden konnte, war speziell, aber nicht sensationell. Man wusste schon damals, dass Löwenherz kurz vor seinem Ableben im April 1199 eine sogenannte Körperteilung verfügt hatte. Das war im Mittelalter nicht unüblich und sollte unter anderem gewährleisten, dass die Untertanen dem verblichenen Herrscher an mehreren Orten gedenken konnten. Sein Körper möge in der Abtei Fontevraud neben dem seines Vaters ruhen, hatte Löwenherz auf dem Sterbebett bestimmt - doch sein Herz müsse nach Rouen, dessen Bewohner ihm stets treu ergeben gewesen seien.

Wie eine Analyse im Jahr 2012 ergab, war mithilfe von Myrrhe, Gänseblümchen und anderen Substanzen versucht worden, den Körperteil vor Verwesung und Gestank zu schützen; doch auch das "Löwenherz" erlitt am Ende ein irdisches Schicksal.

Der organische Abfall wird nun außerhalb des Kästchens in Rouen verwahrt und nicht mit nach Speyer geliefert. Dennoch, die Besucher der Landesausstellung im Historischen Museum der Pfalz dürften dem Herzschrein einen großen Teil ihrer Aufmerksamkeit schenken.

Knapp 200 Exponate aus sieben Ländern, darunter mittelalterliche Schriften und der Abguss von Richards Grabplatte, werden die Kuratoren bis zur Eröffnung der Löwenherz-Schau am 17. September in Empfang genommen haben. Es wird die erste große Ausstellung zum Leben des legendären Königs auf dem europäischen Festland sein, und dass sie in Speyer stattfindet, liegt in der Logik seiner Geschichte: Richard, der damals über große Teile des heutigen Frankreich herrschte und dort auch seine Heimat sah, verbrachte mehr Zeit auf dem Territorium des römisch-deutschen Kaisers als auf der englischen Insel. Dort hielt er sich wohl gerade einmal ein halbes Jahr auf.

Insgesamt 14 Monate am Stück lebte er hingegen in Speyer und weiteren Orten am Oberrhein, die zum Reich des Staufers Heinrich VI. zählten. Wer sich mit dieser Zeit genauer beschäftigt, lernt einen Richard kennen, der eine Belastung für sein Volk und von Feinden umzingelt war. "Man muss ihn schon ein bisschen vom Sockel stoßen", sagt der Heidelberger Mittelalterexperte Bernd Schneidmüller, der den Ausstellungsmachern in Speyer als Berater zur Seite stand.

Der unfreiwillige Aufenthalt des englischen Königs begann am 20. Dezember 1192 in der Nähe von Wien. Richard und ein kleiner Begleittrupp kamen aus dem Heiligen Land, wo ihnen die Befreiung Jerusalems misslungen, dafür aber zumindest die Eroberung der Hafenstadt Akko geglückt war. Warum man eine Rückreiseroute über das heutige österreichische Staatsgebiet wählte, lässt sich nicht mehr klären. Auf jeden Fall war das heikel, denn Wien war das Gebiet Herzog Leopolds.

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