Selten wurde ein politischer Countdown so präzise geplant. Kein Detail sollte 1997 dem Zufall überlassen bleiben, als die Kronkolonie den Besitzer wechselte, als die kapitalistische Perle Hongkong nach langjährigen Verhandlungen schließlich friedlich an den roten Drachen übergeben wurde - 69 Milliarden Dollar Devisenreserven für die Volksrepublik China inklusive. Schon Monate vor dem Tag X sind die letzten Hongkong-Briefmarken mit dem Konterfei von Elizabeth II. gedruckt, dann werden die roten Briefkästen mit der Krone abgeschraubt und die 1200 Porträts der Monarchin in den Amtsstuben abgehängt. Vor dem Ereignis ist die Queen entsorgt.

Und dann läuft am 30. Juni 1997 vor unseren Augen alles so ab, wie von den Choreografen der alten und neuen Ordnung westöstlich durchgeplant: Am Nachmittag verlässt Chris Patten, der 28. und letzte britische Gouverneur, seinen Regierungssitz, an seiner Seite die Familie. Er wirkt alles andere als entspannt; vielleicht denkt er daran, dass die Demokratiebestrebungen der letzten Zeit doch ein wenig zu spät begonnen haben, nach rund 150 Jahren arroganter Gutsherrenzeit; vielleicht hat er auch noch die jüngsten Beschimpfungen der Pekinger Regierungspresse im Ohr, "Hure" haben sie ihn genannt, ihm unterstellt, bewusst einen Neustart zu erschweren.

Im Beisein von Prinz Charles wird der Union Jack eingeholt, eine Dudelsack-Band spielt, bei Pattens drei Töchtern fließen die Tränen. Und die neuen Herren sitzen beim Bankett im prächtigen Convention Centre steif auf ihren Plätzen wie Wachsfiguren: allen voran Jiang Zemin, der Staatspräsident, der kurz nach dem Massaker an den demonstrierenden Studenten auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens als KP-Chef inthronisiert wurde.

Chris Patten, der letzte britische Gouverneur Hongkongs
AP/Eric Draper

Chris Patten, der letzte britische Gouverneur Hongkongs

Gebetsmühlenartig wird an diesem Abend wiederholt, was vereinbart wurde - "ein Land, zwei Systeme", heißt die Zauberformel, nach der Hongkong noch 50 Jahre seine Freiheiten behalten soll, eine eigene Währung, ein eigenes Steuersystem, in einer "Sonderverwaltungsregion" mit weitreichender Autonomie, freilich als "unveräußerlicher Teil der Volksrepublik China". Und immer wieder werden auch Deng Xiaopings beschwichtigende Worte zitiert, der neben Margaret Thatcher als eigentlicher Architekt der Vereinbarungen gilt: "Die Pferde werden weiterrennen, die Tänzer sich weiterdrehen."

An diesem letzten Abend der alten Zeit stürzt sich die Sechsmillionenstadt ins Feiern. In den engen Gassen trinken die Arbeiter Bier und Hirseschnaps, wer es sich leisten kann, hat ein Gala-Dinner in einem der Hotels gebucht, die freien Blick auf das Wasser und das Feuerwerk um Mitternacht erlauben. Bei unserer Party im "Regent" fließt der Champagner, die Stimmung ist so ausgelassen, als gäbe es für Hongkong kein Morgen. Die letzte Minute der Kolonialmacht wird von allen im Festsaal gemeinsam heruntergezählt, und als es dann "three, two, one" heißt, bekommen selbst wir Berufszyniker einen Kloß im Hals. Für meine Frau und mich war diese Stadt von 1980 bis 1985 Heimat, unser Sohn hat hier Abitur gemacht, der Abschied des Empire vom "Duftenden Hafen" ein Muss-Termin.

ANZEIGE

Dieser Artikel stammt aus SPIEGEL GESCHICHTE 1/2013

"Das Britische Empire - 1600-1947: Als England die Welt regierte"



Heft bei Amazon bestellen

ANZEIGE

Dieser Artikel stammt aus SPIEGEL GESCHICHTE 1/2013

"Das Britische Empire - 1600-1947: Als England die Welt regierte"

Heft bei Amazon bestellen

Die "Britannia" läuft aus, mit Prinz Charles an Bord, kurz nach Mitternacht. Wir sehen auf dem Fernsehschirm, wie er noch einmal in die Stadt zurückwinkt. Würdevoll und wehmütig ist dieser Abschied, das Ende der letzten kolonialen Perle Londons. Der Niedergang einer früheren Weltmacht, der Aufstieg einer neuen: Augenfälliger kann Symbolik kaum sein. Und der Himmel weint. Es stürmt und schüttet schon am Übergangstag. Aber dann öffnen sich alle Schleusen, es regnet tagelang. Ist die Sintflut eine Warnung der Götter? Joseph Wong, Experte für die Fengshui-Lehre von Wind und Wasser, orakelt düster: "Diesem Bastard, gezeugt vom britischen Löwen und chinesischen Drachen, stehen schwere Zeiten bevor."

Bald zeigt sich, wie richtig Meister Wong liegt: Hongkongs erstes Jahr unter der Ägide der Volksrepublik wird zum "Annus horribilis". Die Asien-Krise, von Thailand ausgehend, lässt die Börse abstürzen. Dann erzwingt die Vogelgrippe das Notschlachten von 1,4 Millionen Hühnern. Und schließlich vergiften noch Killeralgen Fischbestände - "Rote Gezeiten" heißt die Plage.

Doch Nachrufe erweisen sich als verfrüht: Hongkong ist der Ort der permanenten Wiedergeburt und hat sich bald wieder aufgerappelt. Heute gehört es wieder zu den erfolgreichsten Städten der Welt. Und hat nur für jemanden, der sich wirklich gut auskennt, einen Teil seines Charmes verloren.

Schicken Sie uns Ihr Feedback zu diesem Beitrag.
Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL Geschichte-Ausgabe 1/2013.

Lade...

Sie wollen SPIEGEL+ auch nach dem Tag der offenen Tür nutzen?

Starten Sie einfach Ihren kostenlosen Probemonat und sichern Sie sich auch weiterhin alle Vorteile von SPIEGEL+:

  • Jeden Tag mehr Durchblick: Besondere Reportagen, Analysen und Hintergründe auf SPIEGEL ONLINE zu Themen, die unsere Gesellschaft bewegen, von Reportern in aller Welt.
  • Dazu die digitale Ausgabe des wöchentlichen Magazins.
  • Einmal anmelden, überall nutzen – mobil, Web, Tablet, auf allen Ihren Geräten.
  • Flexible Laufzeit, jederzeit online kündbar
Hinweis

SPIEGEL+ kann in Ihrer App leider nicht dargestellt werden. Bitte installieren Sie die aktuelle App-Version oder wechseln Sie auf die mobile Website m.spiegel.de, um SPIEGEL+ lesen zu können. Vielen Dank!

SPIEGEL+ kann in Ihrem Browser leider nicht dargestellt werden. Bitte installieren Sie die aktuelle Version Ihres Browsers oder wechseln Sie zu einem anderen aktuellen Browser, um SPIEGEL+ lesen zu können. Vielen Dank!

SPIEGEL+ kann auf Ihrem Gerät leider nicht angezeigt werden. Bitte aktualisieren Sie, wenn möglich, Ihr Betriebssystem. Vielen Dank!