In einem engen, stickigen Saal des Städtischen Gerichts in Budapest nahm das Leben des Rui Pinto am Dienstag eine entscheidende Wende. Allein aus Portugal, wo die Ermittlungen gegen den 30-Jährigen seit Wochen fast den Rang einer Staatsaffäre haben, waren zahlreiche Journalisten eingeflogen. Der Termin wurde dort live im Fernsehen übertragen.

Mehr als zwei Stunden lang wurde Pinto angehört, dann verkündete Richterin Judit Csiszár ihren Beschluss: Auslieferung des Beschuldigten nach Portugal.

Es dauerte einige Minuten, ehe Pinto sich sammelte, regungslos verharrte er auf einer Holzbank. Als zwei Polizisten ihn in Handschellen auf den Flur führten, blieb er vor einem Pulk Kameras stehen. Seine Stimme bebte. "Ich bin ein Whistleblower", sagte Pinto, "ich habe nur im Allgemeinwohl gehandelt, wie kann man mich deshalb ausliefern?" Seine Anwälte würden Einspruch einlegen.

Rui Pinto ist eine treibende Kraft hinter der Enthüllungsplattform Football Leaks, bis Mitte Januar nannte er sich John. Dann wurde er in Budapest verhaftet, wohin er vor Jahren gezogen war. Die portugiesische Justiz hatte einen Europäischen Haftbefehl erlassen. Demnach soll Pinto im Herbst 2015 Doyen, eine Investorenfirma, die massiv ins Fußballgeschäft drängte, zu erpressen versucht haben. Außerdem wird er in zwei Fällen der Cyberkriminalität beschuldigt. Pinto weist die Vorwürfe zurück.

Der Fall Pinto ist zu einem Politikum geworden. Es geht um die Frage, welchen rechtlichen Schutz jemand genießt, der für sich in Anspruch nimmt, Aufklärung zu betreiben und sich dabei mächtige Feinde macht. In Portugal, sagte Pinto der Richterin, erwarte ihn kein faires Verfahren.

Rui Pinto war für den SPIEGEL jahrelang ein Informant. Seit Herbst 2015 hatte die Plattform Football Leaks vertrauliche Dokumente aus der Fußballbranche ins Netz gestellt, die Geschäfte von Klubs, Investoren und Beratern offenlegten. Im Februar 2016 traf der SPIEGEL Pinto erstmals persönlich. Seither übergab er mehr als 70 Millionen Dokumente, die mit dem Recherchenetzwerk European Investigative Collaborations (EIC) geteilt wurden.

Auf Grundlage der Football-Leaks-Dokumente haben der SPIEGEL und seine Partner bislang mehr als 800 Artikel veröffentlicht. Zahlreiche dieser Enthüllungen führten zu Ermittlungsverfahren und zu Anklagen, es ging um Straftaten wie Geldwäsche, Betrug, Untreue und Steuerhinterziehung. Am spektakulärsten war der Fall Cristiano Ronaldo, der Werbeeinnahmen von 150 Millionen Euro in Spanien jahrelang nicht versteuert hatte. Neben Gesetzesverstößen dokumentieren die Football-Leaks-Daten die Schattenseiten der Fußballbranche, etwa beim Geschäft mit minderjährigen Talenten.

Die bevorstehende Auslieferung Pintos lenkt den Blick auf eine Debatte, die überall in Europa geführt wird: Wer gilt vor dem Gesetz als Whistleblower? Und welchen Schutz soll er genießen? Ausgelöst wurden die Diskussionen durch Exklusivgeschichten wie LuxLeaks, Panama Papers und Football Leaks. Ohne die Hilfe von Informanten hätten Medien Gesetzesverstöße wie Steuerbetrug nicht ans Tageslicht bringen können. Bislang tragen die Hinweisgeber in vielen Staaten das damit verbundene Risiko fast ausschließlich allein – ihnen droht der Verlust des Arbeitsplatzes, Strafverfolgung, der Weg ins Exil oder sogar Vergeltung durch Betroffene.

Die Europäische Kommission hat im Frühjahr 2018 einen Entwurf zu einer Whistleblower-Richtlinie vorgelegt, die drei Meldewege vorsieht. Generell sollten Hinweisgeber sich zuerst an das Unternehmen richten. Bleibt dies fruchtlos, oder ist das nicht Erfolg versprechend, können sie sich an zuständige Behörden wenden. Erst wenn sie auch dort nicht weiterkommen, soll ihnen der Schritt an die Öffentlichkeit erlaubt sein. Nur in begründeten Ausnahmefällen sollen sich Informanten direkt an Medien wenden dürfen, ohne den Schutz zu verlieren. Die Bundesregierung macht ihre Zustimmung von diesem Modell abhängig. Das EU-Parlament hingegen will Whistleblowern selbst überlassen, welchen Weg sie gehen.

Rui Pinto ist ein Typ Whistleblower, der in dem Brüsseler Richtlinienentwurf nicht vorkommt. Denn er arbeitete nicht für ein Unternehmen oder eine Organisation, deren Geschäfte er anprangert. Seine Einblicke in die Welt des Profifußballs erlangte Pinto von außen. Auf welchem Wege er an den Datensatz von etwa 3,4 Terabyte kam, den er dem SPIEGEL übergab, hat Pinto niemals preisgegeben. Für die Veröffentlichung ist dies auch unerheblich, selbst wenn das Material von Pinto oder Dritten widerrechtlich erlangt worden sein sollte. Die Hürden dafür definiert das deutsche Presserecht. Demnach dürfen Dokumente verwendet werden, wenn sie authentisch und von überragendem öffentlichen Interesse sind. An diesen Maßstäben hat sich der SPIEGEL bei seiner Berichterstattung stets orientiert.

Für französische Ermittler ist Rui Pinto ebenfalls ein wichtiger Zeuge, also eine Art Whistleblower. So behandeln sie ihn auch. Bereits im November vorigen Jahres hatten sich Fahnder des Parquet National Financier erstmals in Paris mit ihm getroffen. Die Sondereinheit für schwere Fälle von Wirtschaftsverbrechen hat mehrere Fußballvereine und Spieler im Visier. Pinto signalisierte Kooperationsbereitschaft und verhandelte über den Einstieg in ein Zeugenschutzprogramm.

Sein Angebot: seine Football-Leaks-Daten als Beweismittel zur Aufdeckung mutmaßlicher Straftaten. Seine Forderung: Schutz vor möglicher Strafverfolgung. Die französische Regelung für Whistleblower, die im Dezember 2016 in Kraft trat, richtet sich hauptsächlich an Hinweisgeber, die aus einem Unternehmen oder einer Organisation kommen. Doch darüber hinaus bietet das französische Recht Informanten Schutz, die Vergeltung fürchten müssen. Die französischen Ermittler schätzten Pintos Gefahrensituation als "bedrohlich" ein, deshalb wollten sie ihn im Februar wegen seines Insiderwissens ins Land holen.

Pintos Verhaftung durchkreuzte diese Pläne. Dennoch warben die Franzosen bei Strafverfolgern anderer Länder noch darum, sein Material zu nutzen, das er ihnen bereits überlassen hatte: zwölf Millionen Dateien, etwa ein Zehntel seines Bestandes. Mitte Februar organisierten sie deshalb ein Meeting bei Eurojust, einer EU-Institution in Den Haag, die grenzüberschreitende Strafverfolgung koordiniert.

Doch Portugal bestand auf Pintos Auslieferung. Worüber Antonio Cluny, der oberste Eurojust-Vertreter des Landes, nicht redete, waren seine persönlichen Drähte. Sein Sohn João Lima Cluny arbeitet als Jurist bei der portugiesischen Kanzlei Morais Leitão in einem Team, das Fußballpromis und Klubs vertritt. Auch Mandanten von ihm könnten in Verdacht geraten, sollten Strafverfolger die Football-Leaks-Daten auswerten. Im Steuerfall Ronaldo wurde zwischenzeitlich sogar gegen einen Kollegen von Morais Leitão ermittelt. Die Kanzlei und Antonio Cluny halten das nicht für einen Interessenkonflikt. Pinto hingegen sieht darin einen Beleg, wie "infiltriert" Portugals Justiz von der "Fußballmafia" sei.

Die Anschuldigungen, die die portugiesischen Behörden gegen Pinto richten, gehen auf das Jahr 2015 zurück. Pinto hatte unter falschem Namen von Verantwortlichen der Firma Doyen Geld dafür gefordert, dass er Daten über sie nicht veröffentlichte. Der Deal kam nie zustande, Pinto kassierte nichts für die Dokumente. Heute spricht er von einem Dumme-Jungen-Streich, er habe nur testen wollen, wie viel Doyen die Dokumente wert seien. Es ist zweifellos eine unappetitliche Episode.

Dass ihn nun auch die Anzeige von Doyen in Auslieferungshaft brachte, muss Pinto besonders schmerzen. Doyen ist der Sammelbegriff für eine Vielzahl intransparenter, teils in Steuerparadiesen registrierter Gesellschaften. Er steht für das, was Pinto angetrieben hat: der Kampf gegen Firmen, die im Fußball zwielichtige Geschäfte machen. Wer der Spur des Geldes folgt, erkennt, mit welchem Milieu man es bei Pintos Gegnern zu tun hat. Der Doyen-Chef bewegte sich 2015 im Dunstkreis kasachischer Oligarchen, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Milliarden im Rohstoffsektor gescheffelt hatten. Sein Vater ist Tevfik Arif, Gründer der Immobilienfirma Bayrock, die ebenso mit Donald Trump Geschäfte machte. Bayrock spielt mittlerweile sogar eine Rolle in der Staatsaffäre um den US-Präsidenten. In der kommenden Woche wird der US-Kongress einen früheren Mitarbeiter Arifs verhören.

Die Hintermänner von Doyen scheuen die Öffentlichkeit. Die Firma klagt derzeit gegen "The Black Sea", den osteuropäischen Recherchepartner des SPIEGEL, und versucht, vergangene und sogar künftige Football-Leaks-Berichterstattung über Doyen zu verbieten. Bei Google beantragte das Unternehmen, Links zu diesen Berichten auf der Website von "The Black Sea" zu entfernen.

Als Pinto im Januar in Budapest verhaftet wurde, beschlagnahmten die Beamten in seiner Wohnung auch etwa zehn Festplatten. Darauf findet sich ein Datensatz von zehn Terabyte. Richterin Csiszár verfügte, dass dieses Material nun ebenfalls nach Portugal überstellt werden soll.

Ermittler bei Eurojust sind deshalb beunruhigt. Sie heben hervor, dass möglicherweise illegal erworbene Dokumente vor portugiesischen Gerichten als Beweismittel unzulässig seien, und befürchten, dass Portugal die Football-Leaks-Unterlagen auch anderen Ländern nicht zur Verfügung stellen werde. Womöglich könnte die portugiesische Justiz das gesamte Material vernichten.

Das könnte zudem ein Problem für die Ermittlungen gegen Cristiano Ronaldo wegen mutmaßlicher Vergewaltigung in Las Vegas sein. Der SPIEGEL hatte entsprechende Vorwürfe unter anderem auf Basis von Football-Leaks-Dokumenten veröffentlicht, Ronaldo weist sie zurück. Ein Vertreter der US-Justiz war wegen dieses Falls Mitte Februar zu dem Eurojust-Treffen nach Den Haag gereist.

In den Unterlagen, die Pintos Verteidiger dem Gericht in Budapest präsentierten, findet sich auch das Schreiben einer deutschen Steuerfahndung. Ende Februar bedankte sich die Behörde bei einem von Pintos Anwälten dafür, dass der Whistleblower mit ihnen kooperieren würde, und schlug ein persönliches Treffen vor. Sein Interesse, schrieb der Steuerfahnder, gelte der Bundesliga "oder ganz allgemein deutschen Fußballklubs, Spielern oder Beratern". Pinto müsse keine Dokumente mitbringen, Gedächtnisprotokolle würden ausreichen.

Auch zu diesem "streng vertraulichen Treffen" würde es nach Pintos Auslieferung nicht mehr kommen.

Das SPIEGEL-Team zu den Football Leaks:

Rafael BuschmannJürgen DahlkampGunther LatschAndreas MeyhoffNicola NaberJörg SchmittAlfred WeinzierlRobin WilleChristoph WinterbachMichael Wulzinger

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 11/2019.
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