Der russische Kanal RT Deutsch verbreitet seit einiger Zeit eine mehrteilige Reportage. Ihr Titel: "Wie das ZDF Geschichte verdreht: 'Der Zweite Weltkrieg und die Blockade von Leningrad'". Im Zweiten Deutschen Fernsehen, so lautet der Vorwurf, habe der Osteuropa-Historiker Jörg Baberowski unterstellt, Stalin habe das 1941 von den Deutschen eingeschlossene Leningrad nicht rechtzeitig evakuiert - sei also mitschuldig am Hungertod der belagerten Leningrader gewesen. Baberowskis Absicht und offenbar auch die des ZDF sei, so RT Deutsch, die Sowjets sogar noch unmenschlicher erscheinen zu lassen als die Nazis.

Die russischen Anklagen, der Westen versuche ein Dreivierteljahrhundert nach dem Krieg die Geschichte umzuschreiben, sind nicht neu, sie passen zu den Unterstellungen, in Ländern wie Spanien, Deutschland und der Ukraine würde erneut der Faschismus gerechtfertigt, ja er erhebe dort bereits wieder sein Haupt. 

Tatsächliche oder vermeintliche historische Fakten werden immer mehr zur Munition in der Auseinandersetzung zwischen Russland und dem Westen. In den kommenden Monaten dürfte das erneut sichtbar werden – wenn sich der 80. Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts nähert, ein Jubiläum, auf das Russland sich bereits offensiv vorzubereiten scheint. Bei historischen Urteilen sollten wir alle jedoch nicht leichtfertig sein. 

Die Beziehungen zwischen Russen und Deutschen sind zurzeit ohnehin kompliziert genug, schnelle Urteile verbieten sich. Umso wichtiger ist es, nach Russland selbst zu schauen und zu registrieren, was es dort - abseits vom Mainstream - an Kommentaren zur russischen Geschichte gibt. 

Leningrad, das jetzt wieder Sankt Petersburg heißt, ist dabei immer wieder ein herausragendes Thema. Und so wird man schnell bemerken, dass die These, Stalin habe während der Leningrader Blockade falsch und rücksichtslos agiert, überhaupt keine ursprünglich deutsche ist. 

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