Am Ende der Nachtschicht fährt Björn H. am 15. Oktober 2017 in seinem Streifenwagen nach Hause. Auf der Briloner Hochfläche im Hochsauerlandkreis fällt ihm ein Auto auf, das ihm ohne Licht und mit hoher Geschwindigkeit entgegenkommt. Der Polizeikommissar wendet, folgt dem Wagen und gibt das Signal: Der Fahrer soll sofort anhalten.

Doch das Auto rast weiter. Björn H. fordert über die Leitstelle Verstärkung an und hängt sich dran. Ein Hubschrauber steigt auf. Es kommt zu einer Verfolgungsjagd, bis der Fahrer die Kontrolle verliert. Sein Wagen rutscht in einen Busch.

Was nun passiert, hat das Amtsgericht Brilon als gefährliche Körperverletzung im Amt gewertet. Es verurteilte Björn H. zu sechs Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung und 2500 Euro Schmerzensgeld – mit dem Hinweis, sein Verhalten in jener Nacht lasse Zweifel an seiner Eignung als Diensthundeführer aufkommen.

Den Richterspruch finden viele Polizisten hart und unangemessen. In der Justiz wundern sich dagegen einige über den Korpsgeist der Uniformträger, der im Gerichtssaal sichtbar wurde.

Sicherlich war es richtig, dass Björn H. in jener Nacht um 3.48 Uhr die Verfolgung des zu schnell fahrenden Autos aufnahm. Wie sich herausstellte, besaß der noch jugendliche Fahrer keinen Führerschein, der Wagen war nicht zugelassen, das Kennzeichen gehörte zu einem Motorrad. Dass die Insassen eine Straftat begangen haben könnten, erschien nicht ausgeschlossen. Aber das nun folgende Verhalten des Beamten war nach Überzeugung des Gerichts klar überzogen. Es hat die Ereignisse sorgfältig nachgezeichnet.

Mit Blaulicht und Martinshorn rast Björn H. hinter dem flüchtenden Fahrzeug her, die Verfolgungsjagd endet auf einem Waldweg. Auf dem nassen und schmierigen Boden schlittert der Streifenwagen in das stecken gebliebene Fluchtauto. So zeigen es die Aufnahmen der Dashcam, die sich automatisch eingeschaltet hat: Die innen an der Windschutzscheibe des Polizeifahrzeugs installierte Kamera hält nun Szenen fest, die das Gericht in seinem Urteil als "verstörend" bezeichnet.

Es ist stockfinster, nur das flackernde Blaulicht beleuchtet die Umgebung. Björn H. ist nicht allein unterwegs. Im Kofferraum sitzt die ihm anvertraute Dienstgefährtin: Ilvy, eine belgische Schäferhündin der Rasse Malinois. Es sind wendige, lernfreudige, manchmal aggressive Tiere. Hundeführer wie H. haben keine menschlichen Partner, sie sind bei der Arbeit meist auf sich allein gestellt, nur den Hund an ihrer Seite. Das Tier lebt bei dem Beamten zu Hause, wie ein Familienmitglied.

Björn H. betätigt eine Vorrichtung, damit Ilvy von hinten zu ihm klettern kann, dann steigen sie aus. Sechs Meter neben der Beifahrerseite des Fluchtwagens befiehlt er dem Tier, sich hinzulegen, und geht weiter. Im Wagen sitzen zwei Jugendliche und ein 18-Jähriger, der durch die hintere rechte Tür aussteigt und die Hände in die Luft hält. Er trägt ein helles T-Shirt, zittert vor Angst und signalisiert, dass er sich ergebe. Keine 30 Zentimeter trennen den jungen Mann nun von Björn H., eine Nähe, die für einen Polizeibeamten in dieser Situation gefährlich werden kann und die er vermeiden sollte. Der Hund ist auf blitzschnelles Eingreifen trainiert.

Vor Gericht sagt der Polizist, er habe die jungen Männer gewarnt: "Sitzen bleiben! Diensthundeeinsatz!" Die Männer sagen, Björn H. habe lediglich "Hände hoch!" gerufen. Das Gericht hält ihre Aussagen für glaubhaft.

Die Videoaufzeichnung belegt, wie Björn H. Blickkontakt zu seiner tierischen Partnerin aufnimmt und – wohl wissend, was nun geschieht – zur Seite springt. Für den Richter ist es: der Befehl zum Angriff.

Ilvy beißt zu, in die Arme des 18-Jährigen, in dessen Oberschenkel, fünf-, sechs-, siebenmal. Björn H. ruft das Tier nach dem ersten Biss nicht zurück, er konzentriert sich auf die anderen Autoinsassen. Aus den tiefen Fleischwunden verliert das Opfer viel Blut.

Währenddessen steigen die beiden anderen jungen Männer aus dem Auto, die Hände erhoben. Björn H. befiehlt allen dreien mit vorgehaltener Dienstwaffe, sich auf den Acker zu legen, das Gesicht nach unten. Er ruft nach Aussage des Gebissenen mehrmals: "Auf den Boden, ihr Arschlöcher!" Sie gehorchen, legen sich bäuchlings auf die Erde.

Die Diensthündin beordert Björn H. zwischen sich und die drei am Boden Liegenden. Das Tier wird durch den Beamten in "Habachtstellung" gesetzt: jederzeit zu erneutem Angriff bereit.

Dem 18-Jährigen wird aufgrund des Blutverlusts "schummrig", er beginnt "Sterne" zu sehen, wie er später zu Protokoll gibt. Stark blutend, befürchtet er, das Bewusstsein zu verlieren. Er stemmt sich hoch, spricht Björn H. an. Der habe aggressiv reagiert, ihn gezwungen, sich wieder hinzulegen.

Als der 18-Jährige sich ein zweites Mal aufrichtet und auf seinen Zustand hinweist, soll der Polizist geschrien haben: "Mir doch scheißegal! Der Hund kann dich auch noch zehnmal beißen!" In diesem Moment greift das Tier den jungen Mann erneut an und beißt ihm in die Armvene.

Dennoch behauptet H. vor Gericht: Die drei jungen Männer hätten zum Zeitpunkt des zweiten Angriffs noch gestanden, und der 18-Jährige habe eine Bewegung gemacht, die Ilvy als bedrohlich empfunden habe, sonst hätte sie ihn nicht angefallen. Dem Urteil zufolge hat er seine Schäferhündin bei beiden Attacken dagegen "bewusst und zielgerichtet" eingesetzt.

Der Fall wirft die Frage nach dem verantwortungsvollen Umgang mit Polizeihunden auf. In Nordrhein-Westfalen gibt es rund 300 Diensthunde, deren Führer sie darauf trainieren, in Stresssituationen ruhig zu bleiben und harmlose Alltagsbegebenheiten von einer Bedrohung zu unterscheiden. Nur wenn es für ihren Halter gefährlich wird, sollen sie die Lage durch einen Angriff entschärfen.

Deshalb wird ihnen nicht nur beigebracht, auf Befehl in Arme oder Beine zu beißen. Bei Gefahr sollen sie auch selbstständig attackieren. Unter anderem dann, wenn sie den "Habachtbefehl" bekommen haben, um eine Person zu bewachen. Macht diese Person eine auffällige Bewegung, dann darf der Hund entscheiden, ob er angreift oder nicht.

Das Gericht hat sich eingehend mit dem "Habachtbefehl" beschäftigt und hält ihn für verfassungswidrig. Über die "Anwendung unmittelbaren Zwanges" dürfe nur ein Mensch entscheiden, nicht aber ein Hund, mag er noch so gut ausgebildet sein. Allerdings ist diese grundsätzliche Überlegung für das Briloner Urteil nicht ausschlaggebend. Denn danach war schon die Bewachung der am Boden Liegenden durch den Hund überzogen. Björn H. hielt die jungen Leute bereits mit seiner Pistole in Schach, welche Gefahr sollte da noch von ihnen ausgehen?

"Der Hund hat wild zugebissen, Björn H. hatte ihn nicht mehr unter Kontrolle", sagt Rechtsanwalt Oliver Brock, der den 18-Jährigen im Prozess vertreten hat und nun zudem vom Land Nordrhein-Westfalen Schadensersatz fordert. Ohne Brock gäbe es kein Briloner Urteil. Ausgangspunkt waren Ermittlungen gegen seinen Mandanten und die beiden Jugendlichen wegen der nächtlichen Raserei. Dabei deckte der Verteidiger das Fehlverhalten des Polizisten auf.

Björn H. ist 36 Jahre alt, verheiratet, Vater von vier Kindern. Nachbarn im Ort sagen, er geriere sich daheim als Dorfsheriff und genieße das Ansehen als Amtsperson, bevorzugt in Dienstkleidung.

Auch vor Gericht erschien er in Uniform. Grundsätzlich ist das gestattet, für einen angeklagten Polizeibeamten jedoch ungewöhnlich. Von Kollegen erhielt er Rückendeckung: Mehr als zwei Dutzend Polizisten saßen im Zuschauerraum, manche ebenfalls in Uniform. Wollten sie das Gericht und die Zeugen einschüchtern? Das Auftreten sorgt in Justizkreisen für Empörung, Justizmitarbeiter sprechen von "versuchter Beeinflussung". Im Urteil ist die Rede von "massiver Polizeipräsenz als Machtdemonstration der Polizei". Man kann das als schwere Rüge verstehen.

Die Beamten wollen das allerdings nicht auf sich sitzen lassen. Auf der von Polizisten initiierten Facebook-Seite "Polizist=Mensch" sammeln sich wütende Kommentare: Der Prozess sei "beschämend", der Richter "dreist", sein Urteil ein "Schlag ins Gesicht eines jeden Polizisten". Es wurde zu Spenden für den Beamten aufgerufen.

Für die Rolle des Justizopfers scheint sich Björn H. jedoch kaum zu eignen. Wegen des Vorwurfs der gefährlichen Körperverletzung im Amt muss er im Oktober schon wieder vor Gericht erscheinen: Bei der Feststellung von Personalien nach einer Schlägerei soll seine Hündin Ilvy erst einen 22-jährigen Mann verletzt, sich dann aus ihrem Halsband gewunden und einen 24-Jährigen in den Oberschenkel gebissen haben.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 34/2019.

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