Drei Wochen nach dem schweren Unfall auf einem militärischen Testgelände in Nordrussland schweigt der Kreml über Ursachen und Folgen. Dafür äußern sich Ärzte aus jenem Krankenhaus, in dem einige der Opfer behandelt wurden - und rufen damit den Ärger der russischen Führung hervor.

Am 8. August 2019 war in Njonoksa am Weißen Meer ein Raketentriebwerk mitsamt einer nuklearen Energiequelle explodiert. Welche neue Waffe getestet wurde und welcher Art die Energiequelle war, ist unbekannt - in Washington vermutet man, es handle sich um Vorarbeiten zu einem nukleargetriebenen Marschflugkörper, den Präsident Putin 2018 öffentlich erwähnt hatte.

Die offiziellen Angaben zu der Explosion sind bis heute knapp. Offenbar starben fünf Mitarbeiter des föderalen Atomforschungszentrums in Sarow bei der Explosion, ebenso wie zwei Armeeangehörige.

Dafür gibt es mehr und mehr Informationen inoffizieller Art - von empörten Ärzten in Archangelsk. In das dortige Gebietskrankenhaus hatte man drei Schwerverletzte verlegt, ohne die Ärzte vor der radioaktiven Belastung der Opfer zu warnen. "The Moscow Times" und russische Medien berichteten davon.

Der SPIEGEL sprach mit einem Arzt des Gebietskrankenhauses über die Vorgänge. Name und Position des Arztes sind der Redaktion bekannt, werden aber auf Wunsch des Befragten nicht genannt.

Wir geben seine Aussagen in gekürzter Form wieder.

Ich war am 8. August nicht im Dienst. Über den Unfall gab es da schon Gerüchte - es gab eine Panik in der Region, die Leute deckten sich mit Jod ein. Kollegen schrieben mir am Abend, dass diese Patienten zu uns gebracht worden seien. Erst am Montag haben sie dann alles erzählt, die Haare standen einem zu Berge davon. Ich habe mit praktisch allen Gruppen geredet, die beteiligt waren - Traumatologen, Chirurgen, Neurochirurgen, Anästhesiologen, Sanitätern, Krankenschwestern.

Einlieferung

Die Patienten wurden am Nachmittag um halb fünf gebracht, vom Rettungsflugdienst unseres Krankenhauses. Drei Männer um die dreißig oder jünger. Die Männer waren nackt und mit Folie bedeckt, ihre Kleidung steckte in Plastiktüten. Einer hatte eine Fraktur der Wirbelsäule, einer einen Beckenbruch, glaube ich. Die Verletzungen waren schwer, aber nicht lebensbedrohlich. Das Personal untersuchte sie, machte Computertomografie-Aufnahmen und verlegte sie in OP-Säle, alle drei sollten operiert werden.

Erster Verdacht

Niemand im Krankenhaus arbeitete in Strahlenschutzkleidung. In der Aufnahme hat man die Patienten teils mit nackten Händen untersucht. Auch im Operationssaal wurde bloß mit dem üblichen medizinischen Mundschutz gearbeitet, und auch das nur, wenn die Maßnahmen es erforderten. Es gab keine direkten Hinweise darauf, dass diese Patienten kontaminiert waren. Dabei hatte der Arzt, der mit dem Rettungsflugdienst am Unfallort war, seine Vorgesetzten auf diese Möglichkeit hingewiesen. Aber die Information wurde nicht weitergereicht.

Schock im Operationssaal

Bevor operiert wurde, kamen Strahlenmesstechniker in den OP-Saal. Eine von ihnen rannte gleich wieder heraus, als sie die Werte sah. Am Kopf eines der Patienten wurde offenbar eine Betastrahlung von 25.000 Mikroröntgen je Stunde festgestellt. Also wurden die Patienten aus dem Operationssaal zurück in die Aufnahme gebracht und der Reihe nach im Bad behandelt. Die Badewanne war anschließend so kontaminiert, dass das Militär sie später ganz entsorgte. Man hat nach dem Bad nachgemessen und entschieden, doch zu operieren. Die Patienten blieben bis zum Samstagmorgen im OP-Saal.

Tod

Nach der Operation sollten die Patienten nach Moskau verlegt werden. Zwei der drei Patienten starben noch auf dem Weg zum Flughafen - und zwar an den Strahlungsfolgen, nicht an den anderen Verletzungen. Ich habe eigens die behandelnden Ärzte befragt. Außerdem ist ein Foto des Arztbriefes eines der Männer ins Internet gelangt. Er hatte 25.000 Leukozyten je Mikroliter, bei einem oberen Grenzwert von 10.000. Das sind enorme Werte. Die zwei sind an den Folgen einer akuten Strahlenkrankheit gestorben. 

Fragen, Vorwürfe

Drei weitere Opfer derselben Explosion wurden mit leichten Verletzungen in ein anderes Krankenhaus von Archangelsk verlegt, die Semaschko-Klinik. Aber man hat sie vorab schon dekontaminiert. Warum hat man das bei uns nicht gemacht? Und warum hat man überhaupt Verletzte von einem militärischen Testgelände in ein ziviles Krankenhaus verlegt? Wir sind für die Behandlung von Strahlungsopfern gar nicht ausgerüstet. Zum Zeitpunkt der Einlieferung waren vier Stunden seit der Explosion vergangen. Da werden die Verantwortlichen genau gewusst haben, was passiert war. Aber sie haben einfach entschieden, unser Personal nicht zu informieren.

Spurenvernichtung

Am nächsten Tag kam der Inlandsgeheimdienst FSB und ließ alle, die irgendwie beteiligt waren, eine Verpflichtung zur Geheimhaltung unterschreiben. Am Freitag wurden die gesamten Krankenakten beschlagnahmt, auch die elektronischen. Aber die Unzufriedenheit im Krankenhaus ist riesengroß, die Leute werden reden. Wir verstehen, dass wir keine Beweise mehr haben, um vor Gericht oder vor der Staatsanwaltschaft aufzutreten. Alles ist beschlagnahmt. Uns interessiert nur eines: die Leute zu finden, die die Kontamination vor uns geheim hielten und die eine Evakuierung der Verletzten in unser Krankenhaus angeordnet haben. Gerüchten zufolge wurde das auf sehr hoher Ebene entschieden - vielleicht auf der des Vizeverteidigungsministers, mit dem Gouverneur, dem Chefarzt des Krankenhauses. Alles wurde wohl mündlich angeordnet.

Erklärungen

Am Montag gab es ein Treffen mit Vertretern des Gesundheitsministeriums. Sie logen und behaupteten, es habe keine Information über radioaktive Strahlung und ihr Ausmaß gegeben. Sie wollten uns mit Dankesworten abspeisen. Aber nach dem Treffen wurde entschieden, alle Betroffenen nach Moskau zur Untersuchung zu schicken - 57 Leute aus unserem Krankenhaus. Tatsächlich hat man dann aber nur 20 nach Moskau gebracht. Als sie bei einem Teilnehmer dort Cäsium-137 feststellten - wenn auch nur in einer unbedeutenden Menge - wurde die ganze Aktion abgeblasen. Fortan kamen die Experten aus Moskau zu uns und untersuchten uns hier. Aber das war nach unserer Meinung eine Farce. Es gibt hier nicht die nötige Ausrüstung, um Radionuklide festzustellen. Es wurde bloß Blut und Urin untersucht und die Schilddrüse.

Reaktionen

Ein Teil der Ärzte hat sich beurlauben lassen, ein Teil hat sich getröstet, dass sie keine hohe Dosis abbekommen haben, aber alle sind unzufrieden. An die Staatsanwaltschaft werden wir uns nicht wenden, mangels Dokumenten, und eine Kündigung muss man sich leisten können, man muss ja von irgendwas leben. Ich habe mit dem Kollegen geredet, bei dem Cäsium-137 gefunden wurde. Er ist sehr beunruhigt, das merkt man, aber er versucht eben, sich damit abzufinden. Was soll man auch sonst tun. Mich erinnert der Umgang mit uns Ärzten eins zu eins an Tschernobyl. Mir standen die Haare zu Berge, als mir die Augenzeugen davon berichteten. Man denkt, seit Tschernobyl hat sich gar nichts geändert.

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