An Mohamed Bouazizi, den jungen Straßenverkäufer, der sich im Dezember 2010 selbst verbrannte, erinnert in Sidi Bouzid ein Denkmal aus Stein vor dem Gouverneursgebäude. Es soll den Handkarren darstellen, auf dem er Obst und Gemüse feilbot. Darauf liegen aber keine Birnen, sondern die Flagge Tunesiens, um den Karren zwei gestürzte Throne – als Erinnerung daran, welches politische Erdbeben Bouazizis Selbstverbrennung auslöste. Auf den Karren hat jemand in Rot gesprayt: "Ma nisch masameh", ich werde euch nicht vergeben.

Die Proteste in der bis dahin unbekannten Provinzstadt rund vier Stunden südwestlich von Tunis erfassten damals das ganze Land. Erst stürzte der tunesische Autokrat Zine el-Abidine Ben Ali. Es folgten Massenproteste in Ägypten, Libyen, Jemen und Syrien. Einige Protestländer sind seitdem in Gewalt versunken oder werden noch autokratischer regiert. Tunesien wählt nun zum zweiten Mal in freien demokratischen Wahlen einen Präsidenten, wenig später das Parlament.

26 Kandidaten bewerben sich um die Nachfolge des verstorbenen Präsidenten Béji CaÏd Essebsi, unter ihnen der amtierende Premierminister Youssef Chahed und ein Medienunternehmer, der wegen Korruptionsvorwürfen in Untersuchungshaft sitzt. Grob gesagt stehen sich moderate Islamisten und säkulare Kräfte gegenüber, von denen manche Verbindungen zum alten Ben-Ali-System haben. Aber es ist ein lebendiger, freier Wahlkampf.

Wenn die dramatischen Umbrüche der arabischen Welt ein Epizentrum haben, liegt es in Sidi Bouzid mit seinen rund 50.000 Einwohnern. Ist das Experiment von Sidi Bouzid ein Erfolg? Wie steht es um Tunesiens Demokratie?

Die breite Hauptverkehrsader Sidi Bouzids, an der sich damals alles abspielte, heißt nun Bouazizi-Boulevard. Zumindest an manchen Stellen, an anderen steht noch der alte Name: Bourguiba-Straße, benannt nach dem autoritären Staatsgründer. Die beiden Schilder geben ganz gut den Zustand Tunesiens wieder, zwischen Revolution und Kontinuität.

Die Straßenhändler wie Bouazizi, die ihren Karren auf dem Boulevard schoben, sind verschwunden. Sie sind nun in einer Seitenstraße untergekommen. Darin steht ein neu erbauter Basar mit Steinbögen. Seine Gassen sind mit einer Art Bambus überdacht, den der Regen bereits teilweise zerstört hat. Die meisten Stände sind leer; an den übrigen bieten junge und mittelalte Männer ihre Waren an. Und sie sind noch immer wütend.

Video (2:16) Die Keimzelle
SPIEGEL-Redakteurin Raniah Salloum über ihre Recherche in der Stadt Sidi Bouzid, wo die Arabische Revolution im Dezember 2010 ihren Anfang nahm

"Ich habe damals auch gerufen: 'Ben Ali, hau ab!' Jetzt wäre es eine Gnade, wenn er zurückkäme", sagt Saleh Said, 42, der Thunfischdosen und Weichspüler verkauft. "Wir haben politische Freiheit bekommen und sonst nichts." Wie viele der Händler hält Said die Revolution für den Beginn der Misere: "Früher hatten wir eine Familie Trabelsi, jetzt haben wir Hunderte kleine Trabelsis", sagt er. Die Trabelsis waren die für Korruption berüchtigte Schwiegerfamilie des Herrschers Ben Ali. Ob Tunesien seit 2011 wirklich noch korrupter geworden ist, lässt sich kaum messen. Allerdings sprechen viele Beobachter von einer "Demokratisierung der Korruption": Statt eines einzelnen Fürsten gibt es nun viele kleine.

Vor der Revolution, erzählt Said, habe er mit einem Karren entlang der Hauptstraße verkauft, er habe davon leben können. Doch auf dem neuen Markt kämen kaum Kunden vorbei. Aus seinem Kassenschrank zieht er ein Papier hervor, einen Steuerbescheid der Stadtverwaltung über 1411,20 Dinar, etwa 435 Euro. "Die werde ich nicht bezahlen. Ich kann es nicht. Der Bürgermeister muss mit uns Händlern für den Markt eine Lösung finden", sagt Said. Er sagt, Tunesien verelende.

Die Landeswährung hat seit April 2011 rund 60 Prozent ihres Wertes gegenüber dem Dollar verloren. Fast alles ist teurer geworden, die Tourismuseinnahmen haben sich halbiert. Zudem machen die Sparmaßnahmen der Regierung den Menschen zu schaffen. Wirtschaftlich steht Tunesien schlechter da als vor der Revolution.

Was die politische Teilhabe angeht, ist das Bild ein anderes: Vor zehn Jahren wäre es unvorstellbar gewesen, dass Händler frei mit Journalisten sprechen können und sich organisieren. Dass es überhaupt gewählte Bürgermeister gibt, ist auch ein neues Phänomen. Bisher gaben die von Tunis ernannten Gouverneure den Ton an. Bouazizi verbrannte sich vor dem Gouverneurssitz, nicht vor dem Rathaus.

Seit 2018 werden in Tunesien die Bürgermeister gewählt. Vielerorts fordern die Tunesier nun Konkretes von ihren kommunalen Regierungen mit Protesten oder ironischen Videos, die sich rasant in den sozialen Medien verbreiten. Oft haben sie damit Erfolg.

Doch das größte Problem Tunesiens ist geblieben, die Perspektivlosigkeit. Am dramatischsten ist die Arbeitslosigkeit weiterhin unter Universitätsabsolventen: Sie ist noch weiter gestiegen, von 23,3 Prozent 2010 auf zuletzt 28,2 Prozent. Insgesamt liegt die Arbeitslosigkeit bei 15,3 Prozent.

Bouazizi-Porträt in Sidi Bouzid: "Wir werden nicht vergeben"
AMINE LANDOULSI / DER SPIEGEL
Bouazizi-Porträt in Sidi Bouzid: "Wir werden nicht vergeben"

Said Jalleli, 34, ist einer der vielen arbeitslosen Graduierten, ein Mann mit dem Kreuz eines Landarbeiters. Er hat als Erster seiner Familie studiert, immer länger, weil er keine Arbeit fand, bis er zwei Masterabschlüsse in Informatik erlangte, dabei tut er sich selbst mit einfachen Additionen schwer. Seitdem Jalleli 2008 die Uni verließ, war er nur neun Monate lang angestellt – er machte Inventur bei einem Energieunternehmen in der Küstenstadt Sfax. "Nach der Revolution haben sich alle Türen verschlossen", konstatiert Jalleli. Er will die neuen Freiheiten dennoch nicht missen.

Jalleli arbeitet nun auf den Äckern seiner Eltern, erntet Kartoffeln und Wassermelonen. "Natürlich wäre es besser gewesen, wenn ich das von vornherein gemacht hätte", sagt er. Für die Zukunft hofft er auf ein Wunder – einen Job im öffentlichen Sektor oder einen Bankkredit über rund 20.000 Euro, damit er Milchkühe halten kann. "Ich habe ein Recht auf Arbeit", sagt er und meint eine Anstellung in der öffentlichen Verwaltung.

Die Revolution hat an Tunesiens Wirtschaftsmodell nicht gerüttelt, dabei steckt es seit Jahrzehnten in der Krise. Anfangs konnte sich das autoritäre Regime noch mit Jobs Ruhe erkaufen, bis das Geld ausging. Auf Druck des Internationalen Währungsfonds privatisierte Ben Ali die Staatswirtschaft teilweise. Eine seltsame, korrupte Mischwirtschaft entstand. Vor allem die Küstenregion profitierte. Die Bauern im Landesinneren wurden abgehängt.

Die arbeitslosen Jungen waren es, die im Winter 2010/2011 hier in Sidi Bouzid die Revolution begannen. Doch die wirtschaftliche Lage wurde nicht besser. Rund 2900 Tunesier reisten wohl auch deshalb zum "Islamischen Staat" nach Syrien und in den Irak. Dieses Jahr stammten bisher die meisten Migranten, die übers Mittelmeer Italien erreichten, aus Tunesien.

Geht man den Bouazizi-Boulevard in die andere Richtung entlang, nach Westen, kommt man vorbei an dem Gebäudekomplex, der einst die alles dominierende RCD-Partei Ben Alis beherbergte und nun den örtlichen Ableger der Wahlkommission. Dann erreicht man einen neuen, schicken Stadtteil. Dort hat gerade Sidi Bouzids erstes Schwimmbad eröffnet.

Vor dem großen Becken, 20 mal 25 Meter, steht Zeiden Badri, 36. Er hat seit vier Wochen einen Einjahresvertrag im öffentlichen Dienst als Schwimmlehrer und Bademeister, zusammen mit sechs anderen bisher arbeitslosen Uni-Absolventen. "Das ist das beste Schwimmbad Tunesiens", sagt Badri stolz. Ein Teenager durchschwimmt das große Becken gerade im Delfinstil; am Beckenrand klammern sich Sechsjährige an Schwimmbrettchen und üben Kraulbeinschlag. Das kleinere Nichtschwimmerbecken ist bereits defekt. "Es ist super, was wir den Kindern in nur einem Monat beigebracht haben!", sagt Badri. Bisher konnte in Sidi Bouzid kaum jemand schwimmen.

Bademeister Badri: "Bestes Schwimmbad Tunesiens"
AMINE LANDOULSI / DER SPIEGEL

Bademeister Badri: "Bestes Schwimmbad Tunesiens"

Badri, der Bademeister, sollte man meinen, zählt zu den Profiteuren der Revolution. Doch er sieht es anders. "Es hat sich durch die Revolution nichts geändert, außer dass wir Meinungsfreiheit haben", sagt er. Und das Schwimmbad? "Das war unser Recht." Es sei bereits vor der Revolution geplant gewesen, nur nie gebaut worden. Der Wille habe gefehlt. "Für die Küste sind wir noch immer die Gegend, wo Olivenöl herkommt, mehr nicht." Die Kluft zwischen dem Landesinnern und der Küste ist nach wie vor enorm.

"Die Erwartungen nach der Revolution waren gigantisch. Sie konnten nur enttäuscht werden", sagt Lamine Bouazizi, 49, ein drahtiger Intellektueller aus Sidi Bouzid. Er ist ein entfernter Verwandter des verstorbenen Bouazizi und half mit, die Demonstrationen zu organisieren. "Wir haben unsere politische Freiheit bekommen. Die größte Gefahr liegt nun darin, dass wir sie auch den Mafiosi gegeben haben." 2017 verabschiedete das Parlament ein Amnestiegesetz: Korruption unter dem Regime von Ben Ali wird nicht mehr verfolgt. Dagegen gab es Demonstrationen – vergebens.

Desillusionierung hat sich breitgemacht: Während 2013 in einer Afrobarometer-Umfrage noch 70 Prozent die Demokratie als beste Regierungsform bezeichneten, waren es 2018 nur noch 46 Prozent. Etwa ein Drittel der Bevölkerung hält es für eine gute Idee, Wahlen und das Parlament abzuschaffen, damit der Präsident allein alles entscheidet.

Trotzdem ist Bouazizi, der Verwandte des Obsthändlers, für Tunesiens Demokratie optimistisch, gerade weil es nun so viele kleine Fürsten gibt: "Die Eliten sind dermaßen zersprengt – fast wie ein Mosaik. Selbst wenn er wollte: Keiner hätte die Mittel, eine Autokratie durchzusetzen."

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 38/2019.

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