An einem heißen Augustsonntag parkt neben dem Bundesgesundheitsministerium ein weiß-blaues Campingmobil. Die rückwärtige Tür steht weit offen, eine kleine Treppe ist für Besucher ausgeklappt. "Wie können wir Ihnen weiterhelfen?", steht in großen Lettern an der Seite.

Wer die zwei Stufen hinaufsteigt, der braucht Rat: weil gesetzliche Versicherungen das Krankengeld verweigern. Weil Gutachter Erkrankungen anzweifeln. Weil Ärzte Fehler gemacht haben. Mit ihren Mobilen rollt die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) im öffentlichen Auftrag durch die Republik, um überforderten Versicherten zu helfen. Neutral und unbeeinflusst soll ihr Service sein, so steht es im Gesetz.

Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn schaut an diesem Sonntag für ein paar Fotos bei den Beratungsexperten vorbei. Im Ministerium ist Tag der offenen Tür. "Offen gesagt" lautet das Motto.

Doch über die Zukunft der UPD spricht Spahn nicht, schon gar nicht offen. Dabei gäbe es einiges zu sagen. Nur wenige Tage zuvor ist bei der Bundesregierung ein brisantes Schreiben eingegangen. Darin wird sie informiert, dass die UPD über ein kompliziertes Firmengeflecht künftig zu einer pharmanahen Holding gehört.

Darf das sein? Dass ausgerechnet jene Institution, die als unbestechliche Anlaufstelle für Patienten dienen soll, in den Einflussbereich der Arzneimittelbranche gerät? Aus Protest schickten die Wissenschaftlichen Mitglieder des Beirats, der die Patientenberatung kontrollieren soll, Anfang September einen Brief nach Berlin. Die Professoren äußern darin "Besorgnis über die aktuellen Entwicklungen", sie fordern Auskunft über die "Unabhängigkeit der Beratungstätigkeit". Auch die Opposition im Bundestag wittert Verrat am Patienten, am Mittwoch muss sich die Bundesregierung im Gesundheitsausschuss erklären.

Es geht um ein grundsätzliches Problem: Wer spricht für die Patienten? Im Gesundheitssystem tummeln sich Hundertschaften hoch bezahlter Lobbyisten, die für die Interessen von Versicherungen, Ärzten oder Industrie kämpfen. Doch ausgerechnet jene Menschen, um deren Gesundheit es geht, haben kaum eine Lobby. Und mit der UPD muss sich jetzt eine der wenigen Stimmen im Dienste der Versicherten ernsten Vorwürfen aussetzen: Jeder Zweifel an ihrer Neutralität beschädige "diese wichtige Anlaufstelle", sagt Grünen-Gesundheitsexpertin Maria Klein-Schmeink.

Vor allem für die Krankenkassen gab es über Jahre kaum eine lästigere Organisation als die UPD. Im Jahr 2017 suchten 155.000 Menschen ihren Rat. In Berichten listet die UPD auf, wie AOK, Barmer und Co. ihre Versicherten schikanieren. Auf die Berater waren die Kassen nie gut zu sprechen – auch weil sie gesetzlich verpflichtet sind, die UPD mit derzeit neun Millionen Euro jährlich zu finanzieren.

Bis Ende 2015 waren es Sozialverbände und Verbraucherschützer, die die gemeinnützige Beratung betrieben. Dann entschieden der Spitzenverband der Kassen und die Bundesregierung, nach anderen Anbietern zu suchen. Offiziell argumentierten sie, der Service müsse moderner, digitaler und effizienter werden.

Nach einer Ausschreibung ging der Zuschlag an den Callcenter-Betreiber Sanvartis, der diverse Kassen zu seinen Kunden zählte. Schon damals fürchteten Experten um die Neutralität der UPD. Heute rächt sich die Vergabeentscheidung von damals: Die Regierung muss einem Eigentümerwechsel bei Sanvartis tatenlos zusehen.

Von den neuen Gesellschaftern erfuhr sie eher zufällig. Mit einem Brief vom 23. August setzte Sanvartis den zuständigen Patientenbeauftragten Ralf Brauksiepe in Kenntnis, dass die Muttergesellschaft des Unternehmens umgebaut worden sei. Lapidar heißt es in dem Schreiben, die Information erfolge "der Form halber". Zu den Eigentümern einer neuen, übergeordneten Holding gehören auch Marko-René Scholl und seine Frau Andrea, deren Unternehmen Careforce nach eigenen Angaben ein "führender" Personal- und Vertriebsdienstleister für die Pharmaindustrie ist.

Auf Anfrage erklärt Sanvartis, die Unabhängigkeit der Beratung sei "vielfach abgesichert" und listet eine Reihe von Maßnahmen auf, mit denen es für eine neutrale Beratung sorgen will. Doch es bleiben Zweifel. Schreckt nicht schon das Wissen um Besitzer, die "am Tropf der Pharmaindustrie hängen", wie Linken-Gesundheitsexpertin Sylvia Gabelmann schimpft, potenzielle Ratsuchende ab?

Patientenbeauftragter Brauksiepe verweist auf das Expertengremium, das die Arbeit der UPD überprüft – und dessen Vorsitzender er ist. Er werde mit dem Beirat darauf achten, dass "keine Einflussnahme durch Dritte erfolgt", sagt er. Allerdings fühlen sich Mitglieder der Runde ohnehin ausgebremst. Wichtige Unterlagen würden nicht rechtzeitig vor Sitzungen zur Verfügung gestellt, auch das schrieben die Experten in ihrem Protestbrief.

Am vergangenen Montag traf sich der Beirat. Diesmal beriet die Runde über vertrauliche Berichte. In einem Papier schreibt das Prognos-Institut, das die Arbeit der UPD untersucht, es gebe keine Hinweise auf "direkte oder indirekte Einflussnahme". Aber Sanvartis habe Versprechen nicht erfüllt: "Die vorgesehene Zahl von 222.500 Beratungen pro Jahr wurde bislang nicht erreicht." Bei Testanfragen habe es in der Hälfte der Fälle "auch sachlich falsche (Detail-)Antworten" gegeben.

Erste Beiratsmitglieder fordern daher eine "Exit-Strategie": Der Vertrag mit Sanvartis müsse gekündigt werden.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 39/2018.

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