Eilin Jopp-van Well, 47, ist forensische Anthropologin​ am Hamburger Institut für Rechtsmedizin​ und hilft der Polizei, Knochenfunde zu identifizieren oder Leichen fachgerecht auszugraben. Zuletzt war sie bei der Grabung der Lüneburger Polizei eingesetzt, die Haus und Grundstück des mutmaßlichen Serienmörders Kurt-Werner Wichmann umfassend nach Spuren durchsuchte. Im September 2017 war sie dabei, als ein privates Ermittlerteam in seiner Garage die Leiche der 1989 verschwundenen Unternehmergattin Birgit Meier fand.

SPIEGEL: Frau Joop-van-Well, Sie graben im Boden nach Leichen oder menschlichen Überresten. Sind Sie beleidigt, wenn man Sie Knochenjägerin nennt?

Jopp: Ach, da bin ich nicht empfindlich, so werde ich häufiger genannt.

SPIEGEL: Wer ruft Sie zu den Einsätzen?

Handelt es sich um eine Person, die schon lange vermisst wird?
DMITRIJ LELTSCHUK

Handelt es sich um eine Person, die schon lange vermisst wird?

Jopp: In der Regel informiert mich die Polizei über einen Knochenfund. Wenn es ein aktueller Fall ist, fahre ich sofort hin. Ich habe meine Grabungsutensilien im Auto und kann jederzeit starten. In einigen Fällen, insbesondere wenn es um geplante „Leichensuchen“ geht, wird auch die Tatortgruppe vom Bundeskriminalamt dazugeholt.

SPIEGEL: Was genau macht eine Forensische Anthropologin? 

Jopp: Ich bin Knochenexpertin. Das heißt, wenn irgendwo Knochen gefunden werden, komme ich dazu, um Informationen zu der möglicherweise unbekannten Person geben zu können wie das Alter, das Geschlecht und vor allem, wie lange die Knochen schon an diesem Ort liegen. Vielleicht handelt es sich um eine Person, die schon lange vermisst wird? Dies können wir durch Vergleiche von DNA Profilen von Vermissten im Labor feststellen. Oft sind es aber einfach nur Tierknochen. Oder ganz alte Gebeine von Friedhöfen.

SPIEGEL: Bei Leichen hat man ja den Grad der Verwesung als Anzeichen, aber wie ermitteln Sie das Alter eines Knochens?

Jopp: Der Zustand des Knochens allein sagt leider wenig aus. Wir brauchen dazu Daten aus der Umgebung, wie etwa Kleidung oder andere Gegenstände, die uns etwas über die Zeitumstände beim Tod der Person verraten können. Ein Gebiss mit Zahnarbeiten ist hier ganz besonders hilfreich. Die Leichenliegezeit können wir ansonsten über die sogenannte Radiocarbondatierung in einem Labor in Mannheim einschätzen lassen. Dabei wird die Anzahl der Kohlenstoff-Atome bestimmt – je weniger, desto älter ist der Knochen.

SPIEGEL: Haben Mörder typische Verstecke, in denen sie Leichen verbergen?

Es gibt Momente, in denen man denkt: Oh Gott!
DMITRIJ LELTSCHUK

Es gibt Momente, in denen man denkt: Oh Gott!

Jopp: Es gibt eher eine typische Finde-Situation: Ein Spaziergänger mit Hund, der Hund gräbt und findet etwas, und plötzlich stellt man fest, huch, das ist ja gar kein Stock, sondern ein Unterarmknochen. So war es auch bei einem Fall in der Nähe von Bremen, zu dem ich vor einigen Jahren gerufen wurde. Dort fanden wir eine getötete Frau im Wald, die fast ein Jahr vergraben gewesen war.

SPIEGEL: Was war mit ihr passiert?

Jopp: Der Täter hatte sein Opfer regelrecht im Boden bestattet. Der Kollege vom Bundeskriminalamt und ich brauchten mehrere Stunden, um sie auszugraben. Dies war sicher keine spontane Tat, sondern regelrecht geplant. So fanden wir Spuren von zwei verschiedenen Schaufeltypen. Jemand hatte die Frau fast fürsorglich auf die Seite gelegt, auch wenn derselbe Mensch, der sie begraben hat, sie vermutlich auch getötet hat.

SPIEGEL: Was waren für Sie besonders ungewöhnliche Fundorte?

Jopp: Es gibt alles, von hastig abgelegt bis tief vergraben. Wir hatten schon eine Leiche im Maisfeld, die erst nach vielen Wochen beim Abmähen des Feldes entdeckt wurde. Ein andermal war eine Leiche einfach in einen Teppich gewickelt an einer Stelle abgelegt worden, an der andere Leute ihren Gartenmüll entsorgen. Hier hatte der Täter offenbar nicht so viel Zeit.


SPIEGEL: Sie waren dabei, als 2017 in Lüneburg die Knochen der lange verschwundenen Unternehmergattin Birgit Meier in der Garage ihres mutmaßlichen Mörders gefunden wurden.

Jopp: Ich habe sie ausgegraben. Dieser Einsatz gehörte zum Spektakulärsten meiner Laufbahn. Ich gehe ja professionell an eine solche Grabung heran, aber es gibt Momente, in denen man denkt: Oh Gott! Das war so bei Birgit Meier, als ich plötzlich ihren Mittelfußknochen auf der Kelle hatte. Es war für mich auch deshalb so bewegend, weil ich sehr nah an die Familie herangekommen bin. Es war ja zunächst eine private Grabung.

Wenn ich einen Knochen freilege, muss ich wissen, welcher es ist und welche Knochen anatomisch korrekt folgen müssten.
DMITRIJ LELTSCHUK

Wenn ich einen Knochen freilege, muss ich wissen, welcher es ist und welche Knochen anatomisch korrekt folgen müssten.

SPIEGEL: Der Mörder hatte die Frau in einer Art Kfz-Grube in seiner Garage eingegraben.

Jopp: Da die sichtbare Grube ungewöhnlich flach war, fragten wir uns, ob es vielleicht einen doppelten Boden gibt. Um das zu überprüfen, haben wir Probelöcher gebohrt, in diesen aber zunächst nichts entdeckt. Dann brach der Maurermeister, der uns unterstützte, mit dem Hacken an der Kante eines Suchlochs ein, und plötzlich war da ein Hohlraum. Darin fanden wir sie dann.

SPIEGEL: Wie können Sie erkennen, ob an einer Stelle eine Leiche liegen könnte?

Jopp: Einer jeden Suche sollte eine sorgfältige Analyse des möglichen Ablageortes voraus gehen. Dies ist Aufgabe der ermittelnden Behörden. Es hat sich bewährt, vor jeder Suche das Gelände mit den beteiligten Spezialisten zu begehen, um verschiedene Möglichkeiten zu diskutieren. Dazu gehören die Hundeführer mit ihren Leichenspürhunden, Archäologen oder Anthropologen wie ich. Daneben können Geologen mit Georadar eine Art Ultraschallbild vom Boden liefern, das Veränderungen der Bodendichte anzeigt. Diese könnten auf ein Grab hinweisen. Einmal sahen diese Bilder aus wie ein menschlicher Körper. Während der Grabung stellten wir dann fest, dass es sich um Lehmadern handelte. Heute arbeiten wir immer häufiger mit Luftbildern von Drohnen. Mitunter bohrt man Löcher über das ganze Gelände und lässt dann die Hunde schnüffeln. An auffälligen Stellen zieht man die Oberfläche des Bodens ab und schaut nach Bodenformationen, die nur von Menschenhand gemacht sein können, etwa weil sie eckig sind. Und sobald es spannend wird, heißt es: Runter auf die Knie, und dann geht es per Hand mit der Kelle weiter.

SPIEGEL:  Worauf kommt es beim Ausgraben selbst an?

Jopp: Wichtig ist, dass man geschult ist für Ausgrabungen. Ich arbeite genauso wie Archäologen. Dazu gehört, die Knochen sorgfältig freizulegen, die Funde zu dokumentieren und Hinweise im Boden zu erkennen. Man muss gewissermaßen den Boden „lesen“ können. Und man muss vorsichtig vorgehen, um nichts zu zerstören, was später wichtig für die Rekonstruktion des möglichen Tatherganges sein könnte. Das könnten Gegenstände oder Kleider sein und ihre genau Position zum Leichnam. Sehr wichtig ist natürlich auch, dass man etwas von Anatomie versteht. Wenn ich einen Knochen freilege, muss ich wissen, welcher es ist und welche Knochen anatomisch korrekt folgen müssten. Birgit Meier war kopfüber vergraben, weshalb ich auch die Fußknochen zuerst gefunden habe. Man muss quasi dreidimensional überlegen, wie der Leichnam im Erdreich liegt. Die ausgegrabenen Knochen werden dann zur Dokumentation in anatomisch korrekter Form ausgelegt.

SPIEGEL: Mit welchen Werkzeugen arbeiten Sie?

Jopp: Kelle, Pinsel, alles, was man auch im Maurerbedarf bekommt. Dazu einen Spaten und Schaufeln. Manchmal hilft uns ein Baggerfahrer, ein größeres Gelände schaufelt man nicht mit der Hand.

SPIEGEL: Was ist ihr nächster Fall?

Jopp: Mit der Kripo Itzehoe werde ich auf dem Grundstück eines Auftragskillers graben, der sich im Januar in Untersuchungshaft das Leben genommen hatte. Er soll im Sommer 2017 den Hamburger Nachwuchsboxer Tunahan Keser bei einer Autobahnraststätte regelrecht hingerichtet haben. Wir suchen nun nach weiteren möglichen Opfern.

SPIEGEL: Welche Momente bei ihrer Arbeit berühren Sie besonders?

Jopp: Immer dann, wenn ich auf die Familien der Opfer treffe. Vergangenes Jahr habe ich geholfen, die Knochen eines vermissten Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg zu exhumieren. Er war 1945 in den letzten Kriegstagen in seinem Jagdflugzeug über einem Acker in Niedersachsen abgestürzt. Seine Witwe hatte mehr als 70 Jahre nach ihm gesucht. Wir fanden seine Überreste im Grab eines unbekannten Soldaten in der Nähe der Absturzstelle. Seine Knochen waren fast alle gebrochen. Ein DNA-Test zeigte dann, dass es der lange gesuchte Opa war. Für die Familie war es von großer Bedeutung, ihn endlich beerdigen zu können.

SPIEGEL: War das ihr emotionalster Fall?

Jopp: Es gab noch einen anderen: Vor einigen Jahren haben wir auf einem Friedhof zehn Italiener exhumiert, die im Zweiten Weltkrieg in einem KZ-Außenlager von Buchenwald interniert waren. Der Sohn eines der Männer, selbst schon ein älterer Herr, hat uns beauftragt, die Gräber auf dem Friedhof in Hamburg zu öffnen, wohin die Italiener umgebettet worden waren.

SPIEGEL: Haben Sie den Vater gefunden?

Jopp: Ja, mit einem DNA-Test konnten wir seine Gebeine identifizieren. Er hieß Alberto. Das italienische Militär hatte der Exhumierung dieser Gräber nach etlichen Jahren und vielen Anfragen durch die Familie, zugestimmt. Wir durften den Sarg nach Perugia begleiten und bei der Beisetzung dabei sein. Das war sehr bewegend und Italien pur: Essen und Trinken, Drücken und Küssen. 


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