Im Oktober 2017 saß Oliver Wurm vor dem Fernseher und hörte, wie jemand in einer Talkshow das Grundgesetz rühmte. Das fand er interessant und bestellte sich ein Exemplar bei der Bundeszentrale für politische Bildung, wo es das Grundgesetz umsonst gibt.

Nach der Lektüre blieben ihm zwei Eindrücke: "Ich wusste fast nichts, das war erschreckend. Und ich war echt fasziniert." Das Büchlein liegt auf einem Tisch in seinem Büro im Hamburger Schanzenviertel. Er nimmt es hoch, blättert darin und sagt: "Das sieht so piefig aus, fast würdelos, irgendwie ist das verplempert."

Mit den Gedanken fing es an. Oliver Wurm ist Sportjournalist und macht Zeitschriften, zudem Panini-Hefte mit Stadtchroniken. In einem Zimmer seines Büros liegen all die Bilder mit Sehenswürdigkeiten, die man in Tütchen am Kiosk kaufen, einkleben oder tauschen kann. 2011 gab er die Bibel als Magazin heraus. Das, dachte er, kann ich doch auch mit dem Grundgesetz machen. Zum Jubiläum des 70. Jahrestags am 23. Mai 2019 sollte es auf den Markt kommen.

Nach den rechtsextremen Ausschreitungen 2018 in Chemnitz warf Wurm diesen Plan um. "Zum ersten Mal seit langer Zeit dachte ich, es reicht nicht, nur zu leben. Ich fahre dahin." Er nahm an der Gegendemonstration in Chemnitz teil und sah dort ein großes Plakat: "Die Würde des Menschen ist antastbar." Der erste Satz des Grundgesetzes, um das "un" gekürzt, eine Kritik an der Menschenfeindlichkeit, die sich auf Chemnitz' Straßen ausgetobt hatte.

"Es gibt offenbar etwas zu verteidigen", dachte Wurm, "ich muss das Magazin jetzt machen." Er zog die Produktion vor, entwarf ein schickes Layout, Farben, große Buchstaben, dazu Bilder der Erde, die der Astronaut Alexander Gerst aus dem All aufgenommen hatte. Auf der Titelseite prangt der erste Satz des Grundgesetzes.

Artikel 1: "Die Würde des Menschen ist unantastbar."

Bei Wurm steht der Satz in einem Quadrat aus roten Linien. "So ist er geschützt", sagt Wurm. Zwei feine Linien gehen nach oben und unten ab. Was er sich dazu gedacht hat? "Manchmal hängt der Satz an einem seidenen Faden."

Der Verkauf läuft gut an, so richtig soll es im Mai losgehen. Wurm wird dann selbst in Talkshows auftreten, mit einem sympathisch bescheidenen Ansatz. "Ich bin Sportjournalist aus dem Sauerland", sagt Wurm, er wolle sich nicht anmaßen, das Grundgesetz zu kommentieren: "Das kommt aus der Mitte meines Bauches." Er ist Unternehmer, er muss Geld verdienen, aber seine Begeisterung wirkt echt. "Ich bin ein größerer Patriot geworden", sagt er. Wurm ist emotionaler Verfassungspatriot. So häufig kommt das nicht vor.

Es gibt in diesem Jahr nicht nur ein Verfassungsjubiläum, sondern zwei. 70 Jahre Grundgesetz und 100 Jahre Weimarer Verfassung, die am 14. August 1919 in Kraft trat. Beide Texte sind eng miteinander verwoben, da sich das Grundgesetz der Bundesrepublik stark aus dem Scheitern der Weimarer Republik speiste. Beide Texte wirken, der eine positiv: So soll die Bundesrepublik sein. Der andere negativ: So wie Weimar darf es nie wieder werden.

Und wenn doch? Wäre eine Rückkehr zu Weimarer Verhältnissen möglich, trotz des Grundgesetzes?

Im Deutschen Historischen Museum in Berlin läuft derzeit eine Ausstellung unter dem Titel "Weimar: Vom Wesen und Wert der Demokratie". Gleich auf der ersten Tafel liest der Besucher ganz oben den Satz: "Die liberale Demokratie ist heute nicht mehr selbstverständlich, sondern wieder in Gefahr."

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würde von Weimarer Verhältnissen gewiss nicht reden, aber er sagt: "Wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass wir das beste Grundgesetz aller Zeiten haben und schon deshalb durch eine Art Lebensversicherung gegen Krisen und Katastrophen aller Art geschützt sind."

Seine Amtszeit widmet er dem Kampf für die liberale Demokratie. Denn die macht eine schwierige Phase durch. Das liegt vor allem daran, dass sich die liberalen Demokraten in aller Welt nach Donald Trumps Wahlsieg in den USA, nach dem Brexit-Referendum, nach den Wahlerfolgen von Rechtspopulisten nicht mehr sicher sind, dass das Volk die richtigen Entscheidungen trifft. Die Wähler jagen ihren gewählten Vertretern Angst ein.

Die meisten Demokratien müssen ein heftiges Paradox aushalten. Sie tragen die Herrschaft des Volkes im Namen und bekennen sich in ihren Verfassungen dazu. Weimarer Reichsverfassung, Artikel 1, 2. Satz: "Die Staatsgewalt geht vom Volke aus." Grundgesetz, Artikel 20, Absatz 2, 1. Satz: "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus."

Video (1:41): Die Geburtsstunde der Weimarer Republik
Der Weg zur ersten Demokratie in Deutschland führt über eine Volksbewegung, die den Kaiser und die Monarchie stürzt. Wie es schließlich zur Weimarer Republik kommt, sehen Sie im Video.

Doch in der Regel sind Demokratien so verfasst, dass das Volk, der Souverän, nicht wirklich herrschen kann, sondern aus der operativen Politik weitgehend rausgehalten wird. Ist das noch zeitgemäß?

I. Die Weimarer Republik – die Entdeckung des Volkes

So wie sich Mackie Messer in den großen Saal von Schloss Bellevue schleicht, ist schon viel gesagt über Weimar. Da ist Gier nach Leben, Befreiung, Verruchtheit, aber auch die Angst vor dem Untergang, dem Tod. Der Schauspieler Christopher Nell legt einen genialen Auftritt hin, zur Musik aus Bertolt Brechts "Dreigroschenoper", dem erfolgreichsten Theaterstück der Weimarer Republik.

Bundespräsident Steinmeier, der in der ersten Reihe sitzt, hat zu dieser Weimarer Soiree eingeladen. Matthias Brandt liest Texte von Harry Graf Kessler und Thomas Mann, es laufen Ausschnitte von Fritz Langs Film "Metropolis" aus dem Jahr 1927 und der aktuellen TV-Serie "Babylon Berlin", die in jener Zeit spielt. Steinmeier will mit diesem Abend die Weimarer Republik von ihrem Trauerrand befreien, ihre genialen und lustvollen Seiten zeigen. "Ich will der ersten deutschen Demokratie Gerechtigkeit widerfahren lassen", sagt er später bei einem Gespräch in seinem Büro. Diese werde zu oft von ihrem Scheitern her betrachtet. Gleichsam als Vorstufe zu Adolf Hitler, dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg. Damit wäre auch die Verfassung komplett diskreditiert.

Die Verfassung von Weimar ist das Kind einer Revolution. Im November 1918 erhoben sich Soldaten und Arbeiter gegen die Monarchie, die das Deutsche Reich in den Ersten Weltkrieg und eine Niederlage geführt hatte. Kaiser Wilhelm II. dankte ab, die SPD wollte eine parlamentarische Demokratie etablieren, musste sich aber Angriffen von ganz links erwehren. Vor allem Kommunisten forderten eine Räterepublik nach Vorbild der Sowjetunion.

Die Sozialdemokraten obsiegten, allerdings mithilfe von Teilen der alten Reichswehr. Am 19. Januar 1919 wählten die Deutschen eine Nationalversammlung, die eine Verfassung ausarbeiten sollte. Stärkste Partei wurde die SPD. Da in Berlin Kommunisten und Freikorps, die mit den Sozialdemokraten verbündet waren, noch immer aufeinander schossen, tagten die Abgeordneten im Deutschen Nationaltheater von Weimar. Hier entstand unter Führung des liberalen Staatsrechtlers Hugo Preuß die Verfassung.

Das Volk hatte die Revolution gewagt, nun wurde das Volk belohnt. Es bekam eine Menge Teilhaberechte, durfte nicht nur das Parlament wählen, sondern auch den Reichspräsidenten, der mit viel Macht ausgestattet wurde. Volksentscheide waren möglich. Die Verfassung verfügte eine Mischform aus repräsentativer und direkter Demokratie. Zudem stattete sie die Bürger mit Grundrechten aus, Meinungsfreiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, erstmals das Wahlrecht für Frauen. Man sparte auch nicht mit sozialen Versprechen.

Artikel 155: "Die Verteilung und Nutzung des Bodens wird von Staats wegen in einer Weise überwacht, die Missbrauch verhütet und dem Ziele zustrebt, jedem Deutschen eine gesunde Wohnung und allen deutschen Familien, besonders den kinderreichen, eine ihren Bedürfnissen entsprechende Wohn- und Wirtschaftsheimstätte zu sichern."

Artikel 163: "Jedem Deutschen soll die Möglichkeit gegeben werden, durch wirt- schaftliche Arbeit seinen Unterhalt zu erwerben."

Ein Recht auf eine ordentliche Wohnung, auf Arbeit. Das Volk kam auf dem Papier gut weg. Eduard David, Reichsinnenminister von der SPD, feierte die Verfassung mit den Worten, sie beschere den Deutschen "die demokratischste Verfassung der Welt".

Sowohl der Präsident als auch das Parlament wurden vom Volk gewählt, waren also stark legitimiert. Es gab im Prinzip zwei Gesetzgeber, die miteinander konkurrierten: das Parlament und die Regierung, die am Parlament vorbei Gesetze erlassen konnte, wenn sie dafür vom Reichspräsidenten mit Notverordnungen ermächtigt wurde.

Die Historikerin Gabriele Metzler von der Berliner Humboldt-Universität sagt: "Diese Konstruktion entlässt die Parteien aus der Verantwortung. Sie müssen keine Kompromisse schließen. Wenn sie sich nicht einigen, füllt der Reichspräsident die Lücke."

Mit dem ersten Präsidenten, Friedrich Ebert von der SPD, einem gelernten Sattler, ging das noch halbwegs gut, obwohl er häufig Notverordnungen erließ. Aber er glaubte zutiefst an die Republik.

Video (1:37): Das Vermächtnis von Versailles
Ewiger Frieden sollte 1919 in Paris vertraglich festgehalten werden. Doch der Vertrag von Versailles erwies sich als instabil und kurzlebig. Warum, erklärt der Historiker Wolfram Pyta im Video.

Was wissen die Schülerinnen des Friedrich-Ebert-Gymnasiums in Berlin über ihn und seine Zeit?

Emily: "Der kam aus der Arbeiterbewegung."

Pauline: "Die SPD stand gegen die Kommunisten. Gerade in Berlin gab es viele Kämpfe."

Leonie: "Die Stimmung war da für populistische Bewegungen."

Pauline: "Die Leute waren sehr frustriert in dieser Zeit."

Ebert starb Anfang 1925 an einer verschleppten Blinddarmentzündung, der Weg war frei für den ehemaligen Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, der die Demokratie mehr und mehr aushöhlte, bis zum offenen Verfassungsbruch.

Jörn Leonhard, Historiker von der Universität Freiburg: "Hindenburg ist eine der Verhängnisfiguren der deutschen Geschichte."

Sowohl Parlament als auch Präsident konnten Regierungen stürzen, und dann war oft wieder das Volk am Zug, mit Neuwahlen. In den 14 Jahren der Weimarer Republik gab es neun Wahlen zum Reichstag. Eine Legislaturperiode dauerte im Schnitt 21 Monate. 1924 und 1932 wurde zweimal gewählt. Zweimal gab es auf Reichsebene Volksentscheide, die beide am Quorum scheiterten, zweimal eine Präsidentenwahl.

Das Volk war gut damit beschäftigt, an die Urnen zu pilgern. Aber es schaffte nur selten eindeutige Mehrheiten. In der Spätphase von Weimar hatten die Regierungen gar nicht mehr die Unterstützung des Parlaments, sondern setzten sich nur noch mit dem Notverordnungsrecht durch.

Das Volk verlor das Vertrauen in die Demokratie und wandte sich ihren Gegnern zu. Nun schlug durch, was die Weimarer Republik von Anfang an belastet hatte: die Niederlage im Krieg und der Friedensvertrag von Versailles, der den Deutschen die alleinige Kriegsschuld anlastete und die junge Demokratie mit heftigen Reparationen und Auflagen unter Druck setzte. Das fanden viele Deutsche unverdient.

Hatten nicht Demokraten Kapitulation und Friedensvertrag unterzeichnet? Waren sie damit nicht schuld an den Demütigungen und Belastungen? Diese Lesart pflanzten die Nationalsozialisten oder Nationalisten der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) tiefer und tiefer in die Köpfe der Deutschen.

Heinrich August Winkler, emeritierter Historiker aus Berlin: "Die Demokratie galt als die Staatsform der Sieger." Frankreich, Großbritannien und die USA waren schon länger Demokratien.

Ende der Zwanzigerjahre breitete sich die Weltwirtschaftskrise aus, und die Zahl der Arbeitslosen stieg in den folgenden Jahren auf sechs Millionen an. Und das in einem Staat, der seinen Bürgern ein Recht auf Arbeit versprochen hatte. Reichskanzler Heinrich Brüning machte von 1930 bis 1932 eine Politik gegen große Teile des Volkes, um aus der Krise zu kommen, sparte drastisch, kürzte Sozialleistungen. Bei der Wahl am 31. Juli 1932 holten die Nationalsozialisten 37,4 Prozent, die Kommunisten 14,5 Prozent. Die Mehrheit des Volkes hatte sich für Feinde der Verfassung und damit gegen die Weimarer Republik entschieden.

Urkunde des Grundgesetzes Ernüchterte Realisten
dpa / Ullstein Bild
Urkunde des Grundgesetzes Ernüchterte Realisten

Heinrich August Winkler: "Die Verfassung von Weimar hatte aus heutiger Sicht einen naiven Ansatz: Dass das Volk irren konnte, war nicht vorgesehen."

Am 30. Januar 1933 machte Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler. Die Katastrophe begann.

Hatte das Volk versagt? Die Politik? Oder die Verfassung?

"Ich bin groß geworden mit dem Satz, dass Weimar an seiner Verfassung gescheitert ist", erzählt Frank-Walter Steinmeier. Aber das könne er nicht mehr so sehen, obwohl es natürlich Schwächen im Text gab. Er hat mit dem Rechtsgelehrten und ehemaligen Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio über dieses Thema geredet. Der habe ihm gesagt, bei ähnlichen äußeren Bedingungen würde auch das Grundgesetz scheitern.

In seinem Buch "Die Weimarer Verfassung" schreibt Di Fabio: "Die liberale, demokratische und soziale Verfassungsordnung Weimars ist nicht an den Konstruktionsfehlern des rechtlichen Grunddokuments gescheitert. Gescheitert ist sie maßgeblich am eklatanten Versagen von Eliten und auch an einer Mentalität der Massen, die die Spielregeln des parlamentarischen Betriebs nie richtig gewollt und verstanden haben. Vor solchen Erosionstendenzen ist keine Demokratie gefeit."

II. Die Bonner Republik – die Einhegung des Volkes

Die Ideen zum Grundgesetz wurden zum großen Teil im ehemaligen Speisezimmer eines für verrückt erklärten Königs entwickelt, im Alten Schloss auf der Herreninsel im Chiemsee. Ludwig II., König von Bayern, hatte es eine Weile genutzt, und für seine Verhältnisse ist es relativ schlicht ausgestattet. Holzvertäfelungen an Wänden und Decken. Da saßen sie im Sommer 1948, elf von den westdeutschen Ländern bevollmächtigte Rechtsexperten, und schrieben einen Text von 95 Seiten. Eine kleine Ausstellung im Alten Schloss erinnert daran.

Zum zweiten Mal in kurzer Zeit hatten die Deutschen einen Krieg verloren, aber anders als 1918/19 war es eine totale Niederlage. Deutschland war besetzt, zerstört, moralisch komplett diskreditiert, weil es sechs Millionen Juden ermordet hatte. Diese Deutschen standen unter Aufsicht der westlichen Alliierten.

Der Vorschlag des Konvents von Herrenchiemsee ging an den Parlamentarischen Rat, in den die westdeutschen Landesparlamente 65 Vertreter geschickt hatten, plus fünf Berliner, die nicht mitstimmen durften. Sie alle tagten im Bonner Naturkundemuseum und wollten nur eine Verfassung für den Übergang schaffen, bis sich die in Ost und West geteilte Nation wieder vereinigen würde. Sie sprachen nicht von einer Verfassung, weil das nach Endgültigkeit klang, sondern von einem Grundgesetz. Vorsitzender des Parlamentarischen Rates war Konrad Adenauer von der CDU.

Martin Schulz: "Die Weimarer Verfassung wurde von republikanischen Enthusiasten geschrieben, das Grundgesetz von ernüchterten Realisten."

Ja, der Martin Schulz. Der ehemalige Bundesvorsitzende der SPD ist in deutscher Geschichte fast so bewandert wie ein Historiker, und niemand hat das so treffend ausgedrückt wie er.

Viele Mitglieder des Parlamentarischen Rates hatten schon im Reichstag gesessen, hatten das Scheitern der ersten deutschen Demokratie erlebt, hatten zum Teil selbst versagt, wie der Liberale Theodor Heuss, der 1933 für Hitlers Ermächtigungsgesetz stimmte und damit für das Ende der Demokratie.

Emily: "Das Grundgesetz sollte einen Aufstieg wie den von Hitler verhindern."

Video (2:29): Der Völkerbund
Der Verständigungspolitik Gustav Stresemanns ist es zu verdanken, dass Deutschland 1926 einen Sitz im Völkerbund bekommt, dem Vorgänger-Gremium der Vereinten Nationen. Außenpolitisch ein Erfolg, sorgt dieser Schritt innenpolitisch für Turbulenzen.

Die Konsequenz der Verfassungsväter und -mütter (vier Frauen) war: Dem deutschen Volk ist nicht zu trauen. Keine Volksentscheide, keine Direktwahl des Präsidenten, möglichst keine vorgezogenen Neuwahlen. Das Volk soll alle vier Jahre seine Stimme abgeben – und Schluss. Repräsentative Demokratie in Reinform, der Souverän in der Hängematte, weitgehend passiv. Die Deutschen sollten nicht einmal über die neue Verfassung abstimmen dürfen, obwohl die Alliierten das empfohlen hatten.

Edgar Wolfrum, Historiker aus Heidelberg: "Das war ein Antireflex. Die Lehre aus Weimar war: Die Masse ist verführbar."

Der Parlamentarische Rat vertraute daher mehr den Institutionen als dem Volk und stärkte die professionelle Politik. Anders als die Weimarer Verfassung hebt das Grundgesetz die Rolle der Parteien heraus.

Artikel 21, Absatz 1: "Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit."

Wollte die Weimarer Verfassung Regierungskrisen dadurch lösen, dass das Volk vorzeitig zu den Wahlurnen gerufen wurde, mauerte das Grundgesetz diesen Weg weitgehend zu. Die Berufspolitiker sollten die Krise gefälligst selbst lösen.

Artikel 67: "Der Bundestag kann dem Bundeskanzler das Misstrauen nur dadurch aussprechen, dass er mit der Mehrheit seiner Mitglieder einen Nachfolger wählt ..."

Edgar Wolfrum: "Das Wesentliche am Grundgesetz ist das konstruktive Misstrauensvotum."

Artikel 67 macht es schwer, einen Kanzler, eine Kanzlerin zu stürzen. In 70 Jahren ist das auf diesem Wege nur zweimal gewagt worden, nur einmal gelungen, 1982, als die FDP die Seiten wechselte und Helmut Kohl statt Helmut Schmidt zum Kanzler machte. Die schnelle Folge vorgezogener Neuwahlen hörte auf.

Gabriele Metzler: "Weimar gab die Regierungskrisen an das Volk zurück, das Grundgesetz zögert da sehr, sehr lange."

Die Legislaturen dauerten im Schnitt 45 Monate, also rund zwei Jahre länger als in Weimar. Die Bundesrepublik wurde damit eine der stabilsten Demokratien der Welt.

Das liegt auch daran, dass der Präsident nicht mehr dazwischenfunken kann. Er wird nicht vom Volk gewählt, sondern von der Bundesversammlung, in die Bundes- und Landesparlamente Vertreter schicken. Er kann den Bundestag nur noch auflösen, wenn sich die Fraktionen partout nicht auf einen Kanzler einigen wollen. Das geschah dreimal. Im Arbeitszimmer von Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue steht eine Skulptur des Kopfes von Friedrich Ebert. Er sieht ihn fast jeden Tag, aber von einem Vorbild als Präsident spricht er nicht. Das könnte so klingen, als hätte er gern so viel Macht wie Ebert.

Will er gar nicht. Aber was das Grundgesetz will, den Machtverlust des Präsidenten, hat er im Prinzip am eigenen Leib erlebt. Steinmeier war Kanzleramts- und Außenminister, war Fraktionschef der SPD, hat kräftig mitgemischt, und jetzt geht das nicht mehr.

Gabriele Metzler: "Der Bundespräsident ist der Ruhepol der deutschen Politik. Im Grunde wird nur der Kraft der Rede vertraut."

Schülerinnen Pauline, Leonie, Emily: "Da ist ein gewisses Ohnmachtsgefühl"
Dominik Butzmann / DER SPIEGEL
Schülerinnen Pauline, Leonie, Emily: "Da ist ein gewisses Ohnmachtsgefühl"

Steinmeier redet und redet und hofft damit durchzukommen. Es waren sehr gute Reden dabei, zum Beispiel zum 9. November, doch die große Durchschlagskraft fehlt.

Leonie: "Den kennt man vor allem aus der 'heute-show'."

Nachdem im Herbst 2017 die Verhandlungen über eine Jamaikakoalition gescheitert waren, wollte Steinmeier Neuwahlen unbedingt vermeiden und drängte Angela Merkel sowie Martin Schulz, über eine Große Koalition zu verhandeln. Da agierte er ganz im Sinne des Grundgesetzes. Das Volk soll wenig zu sagen haben, selbst Wahlen gelten als anrüchig, wenn sie vorgezogen sind. Weimars langer Schatten.

Das Grundgesetz hat den Bürgern zwar Mitwirkungsrechte genommen, aber ihre Stellung als Rechtssubjekte gestärkt. Die Grundrechte rückten an den Beginn der Verfassung, sie sind zudem unmittelbar wirkendes Recht. Ein Bürger kann vor Gericht klagen, wenn er seine Menschenwürde für verletzt hält. Ein Recht auf Arbeit oder auf eine Wohnung gibt es hingegen nicht. Auch eine Lehre aus Weimar: nur keine Erwartungen wecken, die schwer oder nicht zu erfüllen sind.

Insgesamt verordnet das Grundgesetz den Deutschen eine angeschnallte Demokratie. Es gibt eine Menge Sicherungssysteme, das machtvolle Bundesverfassungsgericht, die Möglichkeit von Parteiverboten, die Einhegung der Bürger.

Gabriele Metzler: "Das Grundgesetz ist eine Verfassung, die ihr Scheitern mitbedenkt und dafür Vorsorge trägt."

Naiv wollte man nicht mehr sein. Selbst wenn der Souverän wieder irren würde und eine Mehrheit verfassungsfeindlicher Parteien in den Bundestag wählen würde, dürften diese die wichtigsten Grundsätze des Grundgesetzes nicht verändern. Das ist die sogenannte Ewigkeitsklausel, Artikel 79, Absatz 3.

Einen Staatsstreich allerdings kann man nicht verbieten. Auch das Grundgesetz braucht ein Volk, das mit der Politik weitgehend einverstanden ist.

Schnell richtete sich die Verfassungswirklichkeit in der Bonner Republik nach der Verfassung, wenn auch übertrieben. Die Berufspolitiker, durch das Grundgesetz gestärkt, bauten sich in der kleinen Hauptstadt ihre eigene Welt, bald Treibhaus oder Raumschiff Bonn genannt. Hier dominierten die Parteien, im eigenen Interesse, aber auch zum Wohle des Landes, das sich wirtschaftlich prächtig entwickelte.

Das Volk allerdings beschränkte sich nicht darauf, brav alle vier Jahre zur Wahl zu gehen, sondern verließ häufig die Hängematte, jedenfalls im linken Spektrum. Rasch entstand eine selbstbewusste Protestkultur, die gegen die Wiederbewaffnung und gegen Notstandsgesetze protestierte, als außerparlamentarische Opposition, als APO, wie sich das "68" nannte. Bürger schafften ein Gegengewicht zur Parteiendominanz.

So wurde die Bundesrepublik zur lebendigen Demokratie, mit vielen Debatten und Protesten, gegen die Atomkraft, die Nachrüstung, für andere Lebensformen und den Schutz der Natur.

Aber die Grundidee des Grundgesetzes, alle Macht der Berufspolitik und den Institutionen, wirkte dann doch. Die Protestbewegung gründete eine Partei und wählte sie in den Bundestag: die Grünen, die dort 1983 in Freizeitkleidung und mit Blümchen einzogen. Bald passten sie sich den Bonner Gepflogenheiten an, wurden eine normale, staatstragende Partei und gingen 1998 eine rot-grüne Koalition ein.

"Bonn ist nicht Weimar", hieß ein viel gelesenes Buch aus dem Jahr 1956. Das schien nun endgültig bestätigt. Protest wurde integriert, bevor er für den Staat bedrohlich werden konnte.

Historikerin Metzler "Das Grundgesetz zögert sehr, sehr lange"
Dominik Butzmann / DER SPIEGEL
Historikerin Metzler "Das Grundgesetz zögert sehr, sehr lange"

Jede Form von Nationalstolz war verpönt in der Bundesrepublik. Deshalb etablierten der Philosoph Jürgen Habermas und andere eine Wortschöpfung des Politologen Dolf Sternberger als die angesagte bundesrepublikanische Haltung: Verfassungspatriotismus. Das klang kühl, war aber genau so gewollt, die maßvolle Liebe zu den Buchstaben als Alternative zum hitzigen Nationalismus, der sich viel aus Kriegserinnerungen speist.

Das Grundgesetz hatte es weit gebracht, wurde Herzenssache.

Edgar Wolfrum hat 2006 eine Geschichte der Bonner Republik unter dem Titel "Die geglückte Demokratie" geschrieben. Er würde es immer noch so nennen.

Die Kollegen widersprechen nicht.

III. Berliner Republik – die Rückkehr des Volkes?

Als Werner Schulz am 9. Oktober 1989 am Leipziger Bahnhof eintraf, dachte er: "Das sieht hier aus wie in Wallensteins La- ger." Er sah so viel Militär, so viel Polizei, dass er davon ausging, die Demonstranten würden zusammengeschossen.

Die Bürgerrechtler vom Neuen Forum in Berlin hatten Schulz zur Montagsdemonstration nach Leipzig geschickt, weil er als Sachse Sächsisch verstehen konnte. Am Abend dieses Tages war er unversehrt wie alle anderen. Das Massaker blieb aus, auch an den folgenden Montagen. Die friedliche Revolution gelang.

Was die BRD geschafft hat, gelang der DDR nicht. Sie konnte den Protest nicht integrieren und brach 1989 zusammen. Die SED-Führungsclique hatte sich angemaßt, das Volk komplett aus der Politik rauszuhalten mit der Behauptung: Wir wissen, was das Volk will, und handeln für das Volk.

Das Motto der Revolution wies diese Anmaßung zurück: "Wir sind das Volk."

Werner Schulz saß bald am Runden Tisch und arbeitete mit anderen "in fieberhaften Tagen und Nächten" eine Verfassung für eine neue DDR aus. Aber die neue, demokratisch gewählte Volkskammer befasste sich nicht wirklich damit, sondern wollte rasch der Bundesrepublik beitreten. Wie die meisten Bürger.

Das Grundgesetz war auf diesen Fall gut vorbereitet und bot zwei Alternativen an. Artikel 23 (so wie er damals galt) erklärte einen Beitritt zur Bundesrepublik für statthaft. Oder Artikel 146: "Dieses Grundgesetz, das nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands für das gesamte deutsche Volk gilt, verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist."

Ein Volksentscheid also, nur für diesen einen Fall: Ein vereintes Deutschland stimmt über eine Verfassung ab.

Keine Chance. Die Politiker waren sich weitgehend einig, dass Artikel 23 zum Zuge kommen soll.

Bundespräsident Steinmeier: "Weimar Gerechtigkeit widerfahren lassen"
Dominik Butzmann / DER SPIEGEL
Bundespräsident Steinmeier: "Weimar Gerechtigkeit widerfahren lassen"

Werner Schulz gründete mit anderen ein "Kuratorium für einen demokratisch verfassten Bund deutscher Länder". Ostdeutsche und westdeutsche Intellektuelle, unter ihnen Jürgen Habermas, wollten dem vereinten Deutschland nachträglich eine neue Verfassung geben. Zu 90 Prozent orientierten sie sich am Grundgesetz, sagt Schulz, 10 Prozent waren neu. Mehr direkte Demokratie, ein Recht auf Arbeit, ein Recht auf Wohnraum. Es wäre die Rückkehr des Volkes gewesen.

Das Kuratorium wollte, sagt Schulz, dass "wirklich wieder alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht".

Keine Chance. Ein Großteil der bundesdeutschen Politiker wollte nicht über eine neue Verfassung reden, sondern so weitermachen wie bisher.

Gabriele Metzler: "Die überwiegende Mehrheit der DDR-Bürger wollte eine schnelle Einheit. Aber die Arbeit an einer neuen Verfassung hätte Jahre gedauert. Das war keine Alternative."

Die Folge: zwei Verfassungen, aber dem Namen nach drei Republiken, Weimar, Bonn, Berlin. Am Tag der Einheit, dem 3. Oktober 1990, wurde Berlin nominell Hauptstadt. Bonn blieb Regierungs- und Parlamentssitz bis 1999.

Es ist daher nicht so ganz klar, wann die Berliner Republik begann und was sie sein soll. Da sich an den Institutionen kaum etwas geändert hat, wirkt sie wie eine vergrößerte Bonner Republik mit Dienstsitz Berlin.

"Wie sollen die Ostdeutschen da Verfassungspatrioten werden?", fragt Werner Schulz.

IV. Die Netzrepublik – die Rückkehr des Volkes

Georg Pazderski erzählt, dass sein Vater Pole war, von den Nazis nach Deutschland verschleppt wurde, wo er Zwangsarbeit leistete und für einige Zeit im KZ verschwand. Er blieb nach dem Krieg und heiratete eine Deutsche. Sein Sohn Georg stieg bei der Bundeswehr bis zum Oberst im Generalstab auf. Jetzt ist Georg Pazderski im Ruhestand und wurde in das Berliner Landesparlament gewählt, das Abgeordnetenhaus.

Seine Haltung zum Grundgesetz? "Danach müssen Sie einen Soldaten nicht fragen, ich habe einen Treueeid auf das Grundgesetz und das deutsche Volk geleistet. Es ist für mich nicht verhandelbar."

Pazderski war Bundesgeschäftsführer der AfD, jetzt ist er Landesvorsitzender in Berlin sowie Fraktionsvorsitzender im Abgeordnetenhaus. Er repräsentiert jene Partei, die als Gefahr für die liberale Demokratie gilt, deren Jugendorganisation und deren äußerst rechter "Flügel" vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Georg Pazderski redet über das Grundgesetz fast so begeistert wie Oliver Wurm. "Es ist faszinierend, mit welch klarer Sprache das geschrieben ist", sagt er. "Unsere Verfassung ist eine echte Erfolgsgeschichte. Darum sollten wir sie fortschreiben. Zur Erfolgsgeschichte gehört auch, einzelne Artikel neuen Entwicklungen anzupassen."

Artikel 16 a: "Politisch Verfolgte genießen Asylrecht."

Das Asylrecht wurde schon in den Neunzigerjahren eingeschränkt, aber das reicht Pazderski nicht. "Dem Missbrauch sind heute leider Tür und Tor geöffnet."

Heinrich August Winkler: "Die AfD erinnert mich in hohem Maße an die DNVP." Die Deutschnationale Volkspartei, die in Weimar bis zu 20,5 Prozent holte, war nationalistisch, völkisch, antisemitisch. Nach ihrer Auflösung 1933 schlossen sich ihre Abgeordneten der NSDAP an.

Fragt man Pazderski zur deutschen Erinnerungskultur, sagt er: "Das Holocaust-Mahnmal in Berlin ist richtig und wichtig. Auch gesamtgesellschaftlich wurde das 'Dritte Reich' in Deutschland gut aufgearbeitet. Daher bringt es wenig und ist manchmal sogar kontraproduktiv, in zu hoher Frequenz mit Hitler und Co bombardiert zu werden. Es ist dann ein zu hoher Sättigungsgrad erreicht, und man schaltet ab. Das darf nicht sein."

Für die AfD gilt Pazderski als milde, als Gegenspieler des ruchlosen Scharfmachers Björn Höcke.

Wenn Bundespräsident Steinmeier in sein Büro fährt, wird er jedes Mal an Pazderski erinnert. Vor dem Schloss Bellevue hängt ein Plakat für die Europawahl. Es zeigt ein Gemälde von Jean-Léon Gérôme aus dem 19. Jahrhundert. Eine nackte, weiße Frau wird von muslimisch aussehenden Männern begutachtet. Einer steckt ihr zwei Finger in den Mund, prüft offenbar ihre Zähne, eine Szene von einem Sklavenmarkt. "Damit aus Europa kein 'Eurabien' wird", heißt es auf dem Plakat. Gezeichnet ist das Plakat vom Berliner Landesverband der AfD, also von Pazderski.

Steinmeier hat einmal mit ihm an einem Tisch gesessen, als er das Berliner Abgeordnetenhaus besuchte. Pazderski habe kein Wort zu ihm gesagt.

Wenn Steinmeier das Plakat sieht, weiß er, dass er das richtige Thema für seine Präsidentschaft gesetzt hat. Kann der demokratische Diskurs noch funktionieren?

Artikel 5: "Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten."

Die Verfassungsväter in Weimar kannten Zeitungen, kannten Kino, und sie wussten vom Hörfunk. Die Verfassungsväter in Bonn mussten überdies mit dem Fernsehen rechnen. Das sind alles Medien, die passiv genutzt werden. Sie konnten nicht damit rechnen, dass das Volk sich über ein Medium wieder selbst ins politische Spiel bringen konnte: das Internet.

Keine andere Partei tummelt sich dort so intensiv wie die AfD. Es ist der ideale Ort für den Rechtspopulismus. Hier lassen sich Gerüchte unkontrolliert verbreiten, hier können sich Leute in Blasen nur mit Gleichgesinnten austauschen, damit ihr Weltbild unangefochten bleibt.

Steinmeier beklagt überdies "die Entstehung von Sprache in sozialen Medien. Dass der andere ein bisschen recht haben könnte, dieses Grundverständnis ist bedroht". Die Basis des Kompromisses also, und der ist die Basis der deutschen Demokratie. Deshalb setzt er landauf, landab grundverschiedene Leute zum Gespräch an eine Kaffeetafel.

Dass die AfD im Bundestag sitzt, spricht dafür, dass es im repräsentativen System der Bundesrepublik ein Repräsentationsproblem gab. Viele Bürger fühlten sich mit ihren Ansichten bei den alten Parteien nicht mehr aufgehoben. Die Frage ist, ob sich das politische System noch einmal als so anpassungsfähig erweist wie bei den Grünen, ob noch einmal die Integration einer neuen Partei gelingt, die stark provoziert. Wobei die Grünen den damaligen Grundkonsens zu den schwarzen Seiten der deutschen Geschichte nicht verletzt haben.

AfD-Politiker Pazderski "Ein zu hoher Sättigungsgrad"
Dominik Butzmann / DER SPIEGEL
AfD-Politiker Pazderski "Ein zu hoher Sättigungsgrad"

Heinrich August Winkler: "So wie die AfD heute ist, ist sie in keiner Weise politisch integrierbar."

Gabriele Metzler: "Das politische System hat immer wieder eine erstaunliche Lernfähigkeit bewiesen. Die AfD kann da durchaus noch hineinwachsen – je nachdem, wie sie sich weiterentwickelt."

Das Repräsentationsproblem gibt es nicht nur im rechten Spektrum, sondern auch für Emily, Leonie und Pauline, die jeden Freitag demonstrieren gehen, weil sie finden, dass ihr größtes Anliegen nicht ernst genommen wird von den Berufspolitikern, auch nicht genug von den Grünen.

Emily: "Wir sind uns wirklich sicher, dass es einen Klimawandel gibt."

Leonie: "Wir sind enttäuscht, dass so wenig passiert. Da ist ein gewisses Ohnmachtsgefühl."

Pauline: "Die Politik braucht so extrem lange."

Alle drei versuchen, Plastikverpackungen zu reduzieren und auf Fleisch zu verzichten. So machen sie Umweltpolitik.

Emily kann bei der Europawahl zum ersten Mal ihr Kreuz machen, aber sie überlegt, einen leeren Zettel abzugeben. "Der Wille des Volkes geht doch komplett unter", sagt sie. Leonie will eine Partei wählen, ist aber auch skeptisch, was ihren Einfluss angeht: "Da sind sehr viele Schritte dazwischen." Pauline findet, dass ihre Freundinnen zu pessimistisch sind, und hält eine große Rede auf die repräsentative Demokratie. Kompromisse finden, um eine Mehrheit ringen, in den Parteien und Parlamenten.

Leonie hält dagegen: "Wir brauchen mehr direkte Demokratie."

Früher hörte man diesen Ruf häufig von links. Heute ist das leiser geworden, weil sich die Linken in Zeiten der AfD nicht mehr so sicher sind, wie das Volk abstimmt. Vielleicht waren die Verfassungsväter ja doch weise.

Aber das Volk verlernt gerade, passiv zu sein. Es mischt sich ein, über das Smartphone, das Internet. Es gibt ständig Feedback, bewertet, kommentiert. Emily, Leonie und Pauline sind schon Kinder des Internets, und auf Dauer werden sie sich fragen, warum sie ausgerechnet in der Politik nur so selten abstimmen dürfen.

Also vielleicht doch noch mal über direkte Demokratie nachdenken, um dem neu aktivierten Bürger gerecht zu werden? Das Grundgesetz in diesem Sinne ändern? Gabriele Metzler: "Ich möchte die repräsentative Demokratie ungern aufgegeben sehen. Plebiszite können zur Stunde der Wutbürger werden. Ein gewisser Sachverstand hilft bei den Entscheidungen der Bundespolitik. Aber auf lokaler Ebene spricht nichts dagegen."

Das wäre doch was. Die Bürger in den Kommunen stärker zu beteiligen, bei den Fragen, die sie direkt in ihrem eigenen Leben betreffen. Das Grundgesetz könnte den Rahmen dafür liefern und damit die deutsche Verfassungsgeschichte abrunden. Nach der Euphorie für das Volk in Weimar und der verständlichen Skepsis der Väter und Mütter des Grundgesetzes bekäme das Volk eine neue Chance.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 19/2019.
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