Von Philip Bethge, Jens Glüsing, Alexander Jung, Milena Pieper, Gerald Traufetter

Der Wald schreit, wenn er stirbt. Ein unheimliches Knistern liegt in der Luft. Es stammt von den braunen Blättern und Zweigen, sie krümmen sich in der Hitze und reiben im Wind aneinander, bevor sie schwer auf den verkohlten Boden prasseln. Vögel sind nicht mehr zu hören. Nur das Singen von Zikaden, die das Inferno überlebt haben. Ab und zu ein lautes Krachen, dann ist wieder ein Urwaldriese umgestürzt. Die ausgetrockneten Stämme brechen wie Mikadostäbchen.

Sekundenschnell springt das Feuer von Baum zu Baum, Hektar für Hektar frisst es sich durch den Regenwald. Große Teile des Schutzgebiets vor den Toren der Amazonasgroßstadt Porto Velho sind bereits Opfer der Flammen geworden.

Wer hat den Brand gelegt? Valdemiro Ribeiro de Souza zuckt die Schultern: "Keine Ahnung, vielleicht der Farmer dort drüben." Mit einem Kopfnicken weist er auf ein eingezäuntes Grundstück auf der anderen Seite der Straße. Ein Bauernhaus, niemand ist zu Hause, nur zwei Hunde kommen bellend angelaufen.

Ribeiro de Souza ist Kleinbauer, vor sechs Jahren ist er mit seiner Frau Iranilda aus dem benachbarten Bundesstaat Acre gekommen. Hier sei das Leben billiger, sagt er. Ihre Holzhütte haben sie selbst gezimmert, dahinter Orangenbäume und Limonensträucher gepflanzt. Am Horizont sieht man die Hochhäuser von Porto Velho, der Hauptstadt des Bundesstaats Rondônia. Die Region ist ein Epizentrum der brasilianischen Brandkatastrophe.

Das Muster der Zerstörung ist immer gleich: Erst gehen die Holzfäller in den Wald und holen die wertvollsten Stämme. Dann, kurz vor der Trockenzeit, im Juni oder Juli, kommen die Farmer und "säubern" das Gelände. Viele spannen einfach eine Kette zwischen zwei Traktoren und reißen die Vegetation nieder, "correntão" nennt sich das. Andere schicken Hilfsarbeiter mit Motorsägen und Äxten in den Busch. Wenn es danach eine oder zwei Wochen lang nicht geregnet hat, fackeln sie alles ab, ein Kanister Benzin reicht.

Im November oder Dezember, wenn der Regen kommt, säen die Landwirte auf den brandgerodeten Flächen Weidegras aus. Die Asche enthält viele Nährstoffe, sie düngt den sauren Urwaldboden. Einige Monate später weiden Rinder zwischen den Baumstümpfen, dort, wo einst Urwald war; es wird Soja angepflanzt oder Mais.

Jedes Jahr gehe das so, sagt Ribeiro de Souza, "zur Trockenzeit brennt der Wald". Aber dieses Jahr sei es besonders schlimm. "Seit Mai hat es nicht geregnet. Ein Streichholz oder eine Zigarette reichen, um den Wald anzuzünden, so trocken ist es." Das gilt vor allem für die Randzonen der Regenwälder, dort, wo der Mensch den Wald schon geschädigt hat. An Orten wie Porto Velho etwa. Rund 44.000 Feuer hat Brasiliens nationales Institut für Weltraumforschung im August im Land ausgemacht, mehr als doppelt so viele wie im gleichen Zeitraum 2018.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 36/2019.
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