Herausgeber bei der "Frankfurter Allgemeinen" zu werden, das war mal was. Es war eine Berufung, wie es sie im deutschen Journalismus kein zweites Mal gab. Ein Krönungsakt fast, der aus einem einfachen Redakteur einen mächtigen Mann machte. Das Gehalt enorm. Der Vertrag unbefristet. Der Einfluss: kaum zu überschätzen. Es war der Aufstieg zur Mitregentschaft in einem Reich, in dem das Geld beständig durch die Anzeigenabteilung herein- und durch die Redaktion wieder hinausströmte.

Ansonsten blieb fast alles beim Alten: Auch als Herausgeber schrieb man weiter seine Texte, nun allerdings mit mehr Glanz. Neu war eigentlich nur die wöchentliche Konferenz mit den anderen Herausgebern, in der man darüber redete, ob man die vielen Millionen für neue Redakteure ausgeben oder aufs Festgeldkonto verschieben sollte.

Es waren herrliche Zeiten für die "FAZ", und man kann verstehen, dass Berthold Kohler manchmal melancholisch wird. Kohler ist seit 20 Jahren "FAZ"-Herausgeber", seit 30 Jahren "FAZ"-Redakteur, und er hat sie noch erlebt, die Jahre, in denen das Blatt samstags 200 Seiten mit Stellenanzeigen füllte. Und man nur deshalb nicht noch mehr von ihnen druckte, weil die Post gedroht hatte, die "FAZ" nicht mehr als Zeitung auszuliefern, sondern als Päckchen.

"Wir mussten damals Anzeigen ablehnen. Monat für Monat schoben wir einen Millionenumsatz vor uns her", sagt Kohler, lächelt und verweilt für einen Moment in der Vergangenheit.

Die Gegenwart ist leider gar nicht golden, nicht mal bronze. Die Auflage sinkt beständig, nach ein paar Jahren mit Gewinnen (dank eines harten Sparprogramms) schlittert der Verlag wieder Richtung Verlustzone. Die Website rangiert hinter denen von "Welt" und SPIEGEL. Und publizistisch erfüllt die "FAZ" alle drei Kriterien, die es heute braucht, um anachronistisch zu erscheinen. Sie ist eher alt, eher weiß, eher männlich.

Zur allgemeinen Krise der Branche kommt bei der "FAZ" hinzu, dass die Herausgeber gerade selbst das perfekte Bild liefern, das die Krise des Blattes illustriert und personifiziert. Vier Männer über fünfzig, drei davon mit Bart. Der mächtigste, tonangebende ist Kohler. "Berthold und die Teddybären", lästern "FAZ"-Redakteure.

Der fatale Eindruck der Gestrigkeit hat sich verschärft, nachdem die Herausgeber im März einen der Ihren, Holger Steltzner, hinausgeworfen haben. Von "Vertrauensbruch" war die Rede. Das war eine ziemlich spektakuläre Begründung, gemessen daran, dass die Herausgeber sonst einen wohlerzogenen Umgang miteinander pflegen. 

Lade...

Gutes lesen. Mehr verstehen.

Sie haben keinen Zugang? Jetzt gratis testen!

  • Jeden Tag mehr Durchblick: Besondere Reportagen, Analysen und Hintergründe auf SPIEGEL ONLINE zu Themen, die unsere Gesellschaft bewegen, von Reportern in aller Welt.
  • Dazu die digitale Ausgabe des wöchentlichen Magazins.
  • Einmal anmelden, überall nutzen – mobil, Web, Tablet, auf allen Ihren Geräten.
  • Flexible Laufzeit, jederzeit online kündbar
Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 26/2019.
Hinweis

SPIEGEL+ kann in Ihrer App leider nicht dargestellt werden. Bitte installieren Sie die aktuelle App-Version oder wechseln Sie auf die mobile Website m.spiegel.de, um SPIEGEL+ lesen zu können. Vielen Dank!

SPIEGEL+ kann in Ihrem Browser leider nicht dargestellt werden. Bitte installieren Sie die aktuelle Version Ihres Browsers oder wechseln Sie zu einem anderen aktuellen Browser, um SPIEGEL+ lesen zu können. Vielen Dank!

SPIEGEL+ kann auf Ihrem Gerät leider nicht angezeigt werden. Bitte aktualisieren Sie, wenn möglich, Ihr Betriebssystem. Vielen Dank!