SPIEGEL: Perfektionismus klingt doch erst einmal nach einer erstrebenswerten Charaktereigenschaft. Viele Menschen sagen mit einem gewissen Stolz von sich selbst, dass sie Perfektionisten sind. 

Curran: Das stimmt. Man könnte wahrscheinlich sagen, dass Perfektionismus die beliebteste Charakterschwäche der Welt ist. Viele Menschen verbinden damit eine hohe Arbeitsethik und hohe Ansprüche an sich und andere. Und so gesehen gibt es sicherlich auch positive Aspekte. Was diese Menschen aber übersehen, ist, dass ausgeprägter Perfektionismus sehr oft mit dem Selbstwert eines Menschen zusammenhängt. Oder besser gesagt: mit dem nicht ausreichend vorhandenen Selbstwert. Viele Perfektionisten haben insgeheim das Gefühl, nicht zu genügen.

SPIEGEL: Dann entspringt Perfektionismus eigentlich dem Gefühl der Unvollkommenheit?

Curran: Ja. Beim Perfektionismus geht es oft darum, vor der Welt und vor sich selbst zu verbergen, dass das eigene Ich vermeintlich mangelhaft ist. Darum ist es Perfektionisten so wichtig, makellos zu erscheinen. Deswegen haben sie so eine Angst davor, dass sie versagen könnten oder Fehler machen. Wenn ich innerlich davon überzeugt bin, dass ich zu viele Fehler haben könnte, dann darf ich mir keinen Fehler nach außen erlauben, damit niemand meine inneren Fehler bemerkt und ich Wertschätzung erfahre. Wenn man das einmal verstanden hat, dann versteht man auch, warum es sich bei Perfektionismus in Wahrheit um eine ausgesprochen schädliche Charaktereigenschaft handelt.

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