Eine Altbauküche im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Am Kopf des Tisches ein Kinderhochstuhl. "Dort, wo früher der Platz des Patriarchen war, thront bei uns ein Vierjähriger", sagt Svenja Flaßpöhler und lacht. Ihr Sohn ist in der Kita, ihre elfjährige Tochter in der Schule. Flaßpöhler, 43, Chefredakteurin des "Philosophie Magazins", ist bekannt geworden durch das Buch "Die potente Frau", eine feministische Kritik der #MeToo-Bewegung. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Florian Werner, 47, hat sie nun ein neues Buch veröffentlicht: "Zur Welt kommen. Elternschaft als philosophisches Abenteuer". Als während des Interviews die Tochter nach Hause kommt, steht Werner auf und nimmt sie in Empfang. Flaßpöhler redet weiter.

SPIEGEL: Frau Flaßpöhler, Herr Werner, was spricht heute dafür, ein Kind zu bekommen?

Werner: Zunächst einmal: gar nichts. Ökologisch betrachtet, ist es ein Unding. Es gibt schon über sieben Milliarden Menschen auf der Welt. Auch ökonomisch spricht wenig dafür. In Deutschland kostet ein Kind bis zur Volljährigkeit im Schnitt knapp 130.000 Euro. Das sind die reinen Lebenshaltungskosten, ohne Klavierunterricht und Meerschweinchen.

SPIEGEL: Das Kind ein Kostenfaktor, eine Ökosünde sogar: Das erinnert an die schlichten Thesen, mit denen die Lehrerin Verena Brunschweiger gerade provoziert.

Flaßpöhler: Eine Menschheit, die nicht fortexistieren will, ist das deprimierendste, was ich mir vorstellen kann. In einer solchen Welt will selbst Frau Brunschweiger nicht leben. Dennoch sind Kinder mit den höchsten Werten der Moderne nur schwer vereinbar. Wir wollen uns heute selbst verwirklichen, selbstbestimmt leben, gerade als emanzipierte Frauen. Dieser Wille wird von Kindern durchkreuzt. Aber dabei lernt man: Die Momente höchsten Glücks sind genau die, über die man gerade nicht verfügt. Kinder sind das Unverfügbare schlechthin.

Werner: In der scheinbaren Widersinnigkeit liegt der Sinn. Ein Kind zu bekommen mag nicht nachhaltig sein. Andererseits stellt es eine denkbar starke Motivation dar, die Welt zu bewahren und sich nachhaltig zu verhalten. Und rein ökonomisch durchbricht es die Logik von Gabe und Gegengabe, die unsere Gesellschaft sonst so sehr prägt: die Erwartung des Homo oeconomicus, dass wir für alles, was wir tun, auch etwas zurückbekommen.

Ehepaar Flaßpöhler, Werner: "Wir kommen jetzt auf vermintes Gelände"
Madlen Krippendorf / DER SPIEGEL
Ehepaar Flaßpöhler, Werner: "Wir kommen jetzt auf vermintes Gelände"

SPIEGEL: Emotional erwarten Eltern aber durchaus eine Gegengabe: die Anerkennung und Bewunderung und Liebe des Kindes.

Werner: Na ja, für 260.000 Euro könnte man sich andernorts auch viel Zuneigung kaufen. Im Ernst, Kinderkriegen ist auch emotional ein riskantes Investment. Es kann sein, dass das Kind ein Flegel wird. Und den erhofften emotionalen Einnahmen stehen Ausgaben gegenüber, Schmerzen bei der Geburt, Übermüdung in den ersten Lebensjahren, Gereiztheit.

Flaßpöhler: Unsere Kinder haben nicht darum gebeten, geboren zu werden. Ich lehne es daher ab, etwas von ihnen zu erwarten. Man kennt diesen Opfergestus ja gerade von Müttern: "Ihr müsst mich oft besuchen, ich habe so viel für euch aufgegeben!" Hier zeigt sich die ganze moralische Macht der Frau. So will ich nicht werden.

SPIEGEL: Wie verändert ein Kind eine Partnerschaft?

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 18/2019.
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