Als die Tochter ihren Besuch in der Heimat im Rhein-Main-Gebiet ankündigt, rechnen ihre Eltern mit einer Neuigkeit. Der Vater tippt auf eine Schwangerschaft. Die Tochter hat ihr Studium zwar nicht beendet, aber mit 27 Jahren – geplant oder nicht – kann man eine Familie gründen. Er freut sich und holt sie vom Bahnhof ab.

Als die Tochter aus dem Zug steigt, weiß der Vater sofort: Schwanger ist sie nicht. Die beiden gehen in einem Park spazieren, da verkündet die Tochter: "Papa, ich hab jetzt herausgefunden, warum ich mich seit sieben, acht Jahren im Kreis drehe." Sie blickt ihn an. "Du hast mich als Kind missbraucht."

Der Vater ist entsetzt, er ringt nach Worten. "Das weißt du doch genau", sagt sie. Der Vater ist verstört. "Ich?" Die Tochter bleibt ruhig, spricht wie ferngesteuert. "Ja, du hast mich sexuell missbraucht. Von der ersten bis zur vierten Grundschulklasse."

So jedenfalls beschreibt es im Rückblick der Vater. An diesem Tag sieht er die Tochter zum letzten Mal. Die Eltern verlieren in diesem Moment ihr Kind. Die Tochter bricht den Kontakt zu beiden ab, sie ändert ihren Namen, auch ihren Vornamen. Nichts soll sie mehr mit ihrer Herkunft verbinden. Doch was sie vielleicht nie loswerden wird, sind ihre Erinnerungen.

Aber sind es wirklich Erinnerungen? Ist die junge Frau tatsächlich Opfer sexuellen Missbrauchs geworden? Hat ihr Vater sich an ihr vergangen, sie traumatisiert? Oder hat sie sich in eine Scheinerinnerung verrannt, eine "False Memory"?

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL Wissen-Ausgabe 2/2019.
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